• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Daten-Überholspur Australien erzwingt Breitbandausbau

An den Netzinfrastrukturen wird nirgendwo so konsequent gebastelt wie in Australien: 90 Prozent aller "Aussies" sollen mit 100-Mbit-Breitband versorgt werden, und selbst im Outback soll man bald mit zwölf Mbit pro Sekunde surfen. Möglich machen soll das eine Firmengründung des Staates.

Angela Merkel kennt das Problem. Immer dann, wenn Politiker bei Telekommunikationsunternehmen eine bessere Versorgung des außerstädtischen Bereiches mit Breitbandtechnik anmahnen, kommt das Kostenargument: Das lohne sich nicht. Auch Merkels Breitband-Initiative im Herbst 2008 verpuffte weitgehend folgenlos, außer Absichtserklärungen hat sie bisher nichts erbracht. Selbst ihre Ziele sind im Vergleich zu dem, was Australien jetzt einfach umsetzen will, ziemlich bescheiden.

Kevin Rudd: Australiens Premier hatte den Eiertanz mit den Providern satt - und will mit Staats-Investitionen Tatsachen schaffen
AP

Kevin Rudd: Australiens Premier hatte den Eiertanz mit den Providern satt - und will mit Staats-Investitionen Tatsachen schaffen

Denn auch das, was der australische Premier Kevin Rudd als Reaktion auf eine staatliche Ausschreibung an Vorschlägen aus der Privatwirtschaft auf den Tisch bekam, empfand der als nicht akzeptabel. Rudd will Australien flächendeckend mit Breitband versorgen lassen - so, wie das sich auch Merkel für Deutschland wünscht.

Doch Rudd beschränkt sich nicht aufs Wünschen: Nachdem ihm die Vorschläge aus der Wirtschaft als wenig hilfreich erschienen, zog er am Dienstag die Notbremse, stoppte kurzerhand das Bieterverfahren. Das folgende Machtwort des Aussie-Premiers ist mit dem Adjektiv "spektakulär" trefflich beschrieben: Statt die Privatwirtschaft ein vergleichsweise bescheiden ausgelegtes Breitbandnetz installieren zu lassen, soll nun der Staat selbst die Kontrolle bei dem Projekt behalten und mit privaten Partnern ein gemeinsames Unternehmen für den Breitband-Ausbau gründen.

Superlative statt Flickschusterei

Und dabei heißt die Devise offenbar Klotzen statt Kleckern: Nun soll ein modernes Glasfaser-Netz aufgebaut werden, mit dem ein Großteil der australischen Bevölkerung mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 Megabit pro Sekunde ins Internet gehen kann. Das reicht, um 750 MB pro Minute zu übertragen. Das würde das so großflächige wie dünn besiedelte Australien zu einer der bestverkabelten Großregionen der Welt machen: Besser versorgt ist man derzeit nur in Südkorea. HD-Kinofilme könnte Otto-Normal-Aussie künftig innerhalb von acht Minuten ruckelfrei auf seinen Fernseher laden.

Da träumt man hierzulande nur von - und selbst das, was Rudd für seinen ländlichen Raum plant, geht noch über das hinaus, was in Deutschland außerhalb von Großstädten üblich ist: Der Rest der Bevölkerung, so Rudd, solle mit immerhin zwölf Mbit pro Sekunde angebunden werden - im Outback mit Hilfe von Funk- und Satellitenlösungen. Außerhalb der Kernzonen von Städten sind in Deutschland heute sechs Mbit pro Sekunde üblich, in Stadtrandzonen zwei Mbit pro Sekunde nicht selten. Im dörflichen und ländlichen Bereich stehen Lösungen oberhalb des teuren ISDN oft erst gar nicht zur Verfügung.

Rudds Entscheidung geht weit über das hinaus, was ursprünglich mit Hilfe der privaten Wirtschaft geplant gewesen war - da war noch die Rede von flächendeckend zwölf Megabit pro Sekunde, was man mit Kupferkabeln hätte umsetzen können. Jetzt sollen Glasfasern ran, landesweit.

37.000 Arbeitsplätze: Auch ein Konjunkturprogramm

Die Arbeiten sollen im kommenden Jahr beginnen. Der Staat wolle seinen Anteil an dem neuen Breitband-Unternehmen fünf Jahre nach Inbetriebnahme des neuen Netzes wieder verkaufen, sagte Rudd. Das Machtwort des Premiers wird den australischen Staat über fünf Jahre Investitionen in Höhe von 43 Milliarden australischen Dollar kosten (rund 22,9 Milliarden Euro). Rudd gibt an, auf dem Höhepunkt des Ausbaus würden dadurch rund 37.000 Jobs entstehen.

Analysten waren zunächst perplex: Dieser Schritt, zitierte der "Sydney Morning Herald" den ITK-Spezialisten Laurent Horrut von JP Morgan, laufe auf eine Wiederverstaatlichung eines guten Teiles der Telekommunikationswirtschaft hinaus. Bei Telstra, dem erst 2006 vollständig privatisierten ehemaligen Staatsmonopolisten in Australiens Telekommunikationsmarkt, dürfte sich die Begeisterung denn auch in Grenzen halten, vermutet Horrut. Seit der ehemalige Staatskonzern im Dezember aus dem Bieterrennen um den Breitbandausbau ausstieg, war sein Aktienwert um rund 22 Prozent gefallen. Das nun geplante Glasfasernetz könne die Kupferkabel-Infrastruktur von Telstra innerhalb weniger Jahre überflüssig machen.

Auch Rudd ist sich bewusst, dass es deshalb zu Prozessen kommen könnte, um den geplanten Ausbau zu verzögern. Parallel zur Bekanntgabe des Ausbauplans machte er klar, dass seine Regierung notfalls Gesetze erlassen oder ändern würde, um zu verhindern, dass jemand die Pläne torpediere.

Der so forcierte Breitbandausbau wäre eines der größten Infrastrukturprojekte in der Geschichte Australiens. Rudd verglich die Bedeutung des Breitbandnetzes für das Land mit dem Bau der Eisenbahn im 19. Jahrhundert und dem des Stromnetzes im 20. Jahrhundert.

mit Informationen der AFP und dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Tech

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP