07. Juni 2004, 16:37 Uhr

Warnung aus den USA

Toxischer Staub aus Computern

Umweltschutzgruppen in den USA warnen vor giftigen Stäuben aus Computern und Monitoren. Flammschutzmittel, die polybromierte Diphenylether enthalten, stehen seit langem im Verdacht, negativen Einfluss auf Erbgut und Nervensystem zu nehmen. Die Stoffe sind sogar in Muttermilch nachweisbar.

LAN-Party: PCs sind allgegenwärtig
DPA

LAN-Party: PCs sind allgegenwärtig

Moderne Computer sind heiße Kisten, in mehr als einer Hinsicht: Der Geschwindigkeitszuwachs bei Prozessoren geht einher mit immer heißeren Chips. Da die aber in Gehäusen verbaut sind, die aus gut brennbaren Materialien bestehen, kann die Industrie kaum auf Flammschutzmittel verzichten. Besonders effektiv sind solche, die polybromierte Diphenylether enthalten - doch der Stoff gegen die Hitze steht seit langem im Verruf.

Polybromierte Diphenylether (PBDE) sind in der Natur nicht vorgesehen. Die hochstabilen Stoffe sind biologisch kaum abbaubar, reichern sich in der Nahrungskette an. Sie stehen zumindest in Verdacht, sich negativ auf Erbgut und Nervensystem auszuwirken. Ratten-Versuche an der FU Berlin erbrachten Hinweise darauf, dass PBDE Nervengewebe sogar direkt schädigt und das Gehirn von Föten beschädigen kann. In einzelnen Studien wurde PBDE mit Autismus in Verbindung gebracht.

Gesicherte Erkenntnisse sind das alles noch nicht. "Diese Substanzen", heißt es beim Bundesamt für Risikobewertung, "wurden in Luft, Boden, Wasser, Fisch, Fleisch, Milch und Eiern nachgewiesen. Zwar handelt es sich bei diesen Flammschutzmitteln nicht um hochgiftige Substanzen - sie verändern weder das Erbgut noch sind sie als krebserregend eingestuft, und auch bei akutem Kontakt verursachen sie keine auffälligen Symptome. Aber es ist unklar, ob dauerhafter Kontakt mit den PBDE Einfluss auf die Gesundheit von Menschen haben könnte."

Das klingt nach Entwarnung, ist aber keine: Vorliegende Studien zur Stoffgruppe kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Zunehmend schlägt das Pendel jedoch gegen PBDE aus: Je aktueller die Untersuchungen, desto negativer die Ergebnisse und die Schlüsse daraus. Als Risikostoff gilt PBDE allein schon wegen der Entsorgungsproblematik. Bei der Verbrennung entstehen hochgiftige Dioxine und Furane.

Unstrittig ist auch, dass sich PBDE im Fettgewebe von Menschen und Wirbeltieren anreichert. In den USA, in denen der Gebrauch von PBDE lange weniger streng reglementiert war als in Europa, finden sich zehn- bis zwanzigmal so hohe Konzentrationen in Gewebeproben wie in Europa. Trotzdem reagierte die EU weit früher auf die potenzielle Bedrohung und verbot zwei von drei industriell genutzten Varianten des PBDE mit Stichtag 2004.

Der "Bambi-Faktor"

Unruhe hatten vor allem schwedische Untersuchungen aus dem Jahr 1999 verursacht. Dort wurden polybromierte Diphenylether in zahlreichen Muttermilchproben nachgewiesen - und zwar ab 1972 in steigendem Maße. Die deutschen Behörden initiierten vor zwei Jahren entsprechende eigene Studien, auch in den USA und Japan wird der Stoff getestet. Dass nun so viel passiert in Sachen PBDE, nachdem die Experten teils schon seit Jahren warnten, sehen manche durch den "Bambi-Faktor" begründet: Wenn es um Muttermilch und Babys geht, greifen die Schutzreflexe plötzlich sehr schnell.

Auf EU-Ebene ist der Ausstieg nicht nur aus PBDE besiegelte Sache. In der "Richtlinie 2002/95/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. Januar 2003 zur Beschränkung der Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten" steht schwarz auf weiß, was die deutsche Regierung noch umzusetzen hat. Dort heißt es: "Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass ab dem 1. Juli 2006 neu in Verkehr gebrachte Elektro- und Elektronikgeräte kein Blei, Quecksilber, Cadmium, sechswertiges Chrom, polybromiertes Biphenyl (PBB) bzw. polybromierten Diphenylether (PBDE) enthalten". Die "Elektronikschrott-Verordnung" sieht darüber hinaus vor, dass Hersteller Altgeräte ab dem nächsten Jahr zum Recycling zurück nehmen müssen.

Freiwilliger Rückzug der Industrie

Das alles liegt im Trend. Auch in den USA läuft seit einigen Jahren die Diskussion um die Einschränkung der PBDE-Nutzung, Japan will sie bis 2008 in diversen Hightech-Produkten beenden. Die meisten Gerätehersteller weltweit zogen schon zuvor die Notbremse: Zwei Formen von PBDE werden von PC-Herstellern in den USA seit zwei Jahren nicht mehr genutzt. Gesetzlich verboten werden diese zum Ende dieses Jahres - dass eine dritte Form möglichst bald verboten wird, versuchen nun Umweltschutzgruppen zu erwirken.

Denn eine aktuelle Studie wirft eine Behauptung der Hersteller über den Haufen, die bisher immer noch als "entlastend" gewertet wurde. Angeblich löse sich PBDE nicht aus den Stoffen, in die es eingebracht wurde. Dazu zählen neben den Kunststoff-Komponenten von PC, Monitoren und Fernsehern auch synthetische Textilstoffe mit erhöhten Anforderungen an den Flammschutz (Polster, Gardinen etc.) sowie Schaumstoffe wie beispielsweise die in Autositzen.

Toxikologen der Umweltverbände Silicon Valley Toxics Coalition, Computer TakeBack Campaign und Clean Production Action hatten Staubproben an Computerterminals, Bildschirmen und an Multimedia-Infoterminals in Museen gesammelt und sie auf PBDE untersucht. Der Befund: signifikante Spuren der umstrittenen Stoffe.

Das deckt sich mit der Beobachtung, dass die Belastung der Umwelt in den USA mit PBDE exponentiell ansteigt. Ronald Hites von der Indiana University geht davon aus, dass sich die Konzentration von PBDE in Blutproben amerikanischer Testpersonen zurzeit etwa alle vier bis fünf Jahre verdoppelt. Seine Studie stieß despektierliche Schlagzeilen über "Flammenresistente Menschen" an.

Paradox: Warnung könnte Verkauf anheizen

Die Umweltverbände glauben, sich das alles erklären zu können: Sie sehen vor allem die rapide steigende Anzahl von Hightech-Produkten in den Haushalten - und den PBDE-Staub darauf. Auch für das laufende Jahr rechnet die Hightech-Industrie nach zwei mauen Jahren wieder mit steigenden Verkaufszahlen.

Denen könnte der Wirbel um PBDE sogar zugute kommen: Zwar wurden die höchsten PBDE-Staubkonzentrationen an einem TFT-Display gemessen, doch generell sind vor allem ältere Computer betroffen. Geräte, die in den letzten zwei Jahren gefertigt wurden, sind dagegen in der Regel PBDE-frei (abhängig von ihrer Herkunft). Was für ein Verkaufsargument für einen neuen Apple, Dell und was da sonst noch flammschutzt, ohne sich in der Muttermilch anzureichern.

Frank Patalong


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