Er weiß aber nicht, dass durchaus registriert wird, wann er morgens zur Arbeit kommt - durch die Chipkarte, mit der er morgens die Haustür aufmacht. Auf der ist seine Personalnummer gespeichert. Wenn Herr L. also morgens ins Büro kommt, registriert der Schließmechanismus, dass er hereinkommt - und auch die Uhrzeit, zu der das geschieht.
9.03 - Beginn des Arbeitstages - und der PC-Überwachung
L. kennt einen PC-Administrator aus einem anderen Unternehmen und weiß deshalb, dass die IT-Abteilung seines Unternehmens nahezu gottgleiche Kenntnisse über all seine Netz-Aktivitäten haben könnte, wenn sie wollte - deshalb verkneift er sich Ausflüge auf Webseiten mit nackter Haut und auch allzu langes privates Surfen weitgehend.
Er kennt Fälle aus anderen Branchen, die Arbeitnehmer - zumindest vorübergehend - den Job kosteten, weil sie täglich stundenlang auf Porno-Seiten unterwegs gewesen waren. Manche Webseiten sind für die Firmenangehörigen in L.'s Unternehmen ohnehin gesperrt, Ebay zum Beispiel und andere E-Shopping-Seiten. Deshalb bestellt L. Bücher und CDs jetzt bei kleineren Anbietern, nicht mehr bei Amazon. Ein bisschen mulmig ist ihm dabei schon, aber es wird schon niemand nachschauen.
9.33 - E-Mails lesen, E-Mails schicken
Die E-Mails, die L. empfängt, liest auch jemand aus der Abteilung für Telekommunikationssicherheit mit, zumindest stichprobenweise. Besonders, wenn Dateien angehängt sind, werden die IT-Fachleute misstrauisch. Alles, was auch nur im weitesten Sinne als privat gelten könnte, wird gelöscht. L. ist Mitte 30 und bekommt in letzter Zeit ziemlich oft Geburtenanzeigen aus seinem Bekanntenkreis per E-Mail.
Irgendwo auf einer Festplatte im Unternehmenskeller, stellt L. sich vor, ruhen wahrscheinlich in einem Ordner namens "Papierkorb" Hunderte von Babybildern aus den vergangenen Jahren, die an irgendwelche Mitarbeiter des Unternehmens geschickt und aus E-Mails entfernt aber nicht gelöscht wurden. Ein digitaler Baby-Bilderfriedhof. Die gelegentlich von unvorsichtigen neuen Freundinnen oder abenteuerlustigen Ehegatten verschickten Animierbilder aus dem Schlafzimmer dagegen hebt ein gewissenhafter Mitarbeiter der IT-Abteilung immer auf - sein Vorgesetzter braucht das ja nicht zu wissen.
10.27 - Zigarettenpause im Auge der Kamera
Die Kameras zeichnen geduldig auf, wann L. auf den Hof kommt, ob er sich nur eine Zigarette ansteckt oder gleich zwei hintereinander, mit wem er sich dort trifft und unterhält. In jüngster Zeit fallen L.'s Zigarettenpausen auffällig oft mit denen der Kollegin H. aus dem Chefsekretariat zusammen. Was unter den Wachleuten am Empfang, die vor den Überwachungmonitoren sitzen, inzwischen jedes Mal für anzügliche Bemerkungen sorgt.
12.30 - Mittagspause
Der mit der elektronischen Personalakte verbundene Kantinencomputer weiß selbstverständlich auch, was L. in den vergangenen drei Jahren gegessen hat - und auch, dass er fast immer das kalorienreichste Gericht und eine zuckrige Koffeinlimonade zu sich nimmt, anschließend einen doppelten Espresso trinkt und sich am Cafeteria-Tresen noch mit Schokoriegeln für den Nachmittag eindeckt.
14.20 - Außentermin im Dienstwagen
Die unerlaubte Pause in der Sonne aber wird in jedem Fall verzeichnet - denn L.'s Arbeitgeber hat alle Dienstfahrzeuge mit GPS-Trackern ausgestattet. Das Gerät erfasst jede Wegstrecke, die mit den Autos zurückgelegt wird - also auch L.'s Umweg über den Park.
17.20 - Beginnender Ausklang des Arbeitstages, Tête-à-Tête am Telefon
Direkt im Anschluss ruft er seine Frau an und sagt ihr, dass es heute ein bisschen später wird, Überstunden. Beide Anrufe, also Nummer, Zeitpunkt und Dauer, werden von der internen Telefonanlage seines Unternehmens erfasst. Weil L. aber weder ein hochrangiger Manager ist noch mit Unternehmensgeheimnissen zu tun hat, ist es unwahrscheinlich, dass jemand diesen Verbindungsnachweis auch tatsächlich einmal auswertet.
Außer, man möchte L. irgendwann loswerden. Mit dem, was man über ihn weiß, könnte ein robuster Personalchef L. vielleicht sogar überreden, von sich aus zu kündigen - oder doch zumindest die Abfindung ganz erheblich drücken.
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