06. Juni 2008, 11:57 Uhr

Überwachung Total

Ein Arbeitstag im Leben des Herrn L.

Von Christian Stöcker

Nicht nur bei der Telekom und Lidl - in vielen deutschen Unternehmen werden Mitarbeiter überwacht. Hier das fiktive Protokoll eines ganz normalen Arbeitstages. Alle beschriebenen Überwachungstechniken sind in deutschen Unternehmen schon eingesetzt worden - oder werden es noch.

DPA
Bei Herrn L.'s Arbeitgeber ist man stolz darauf, dass es dort keine Stechuhren gibt. Die Chefetage prahlt mit ohnehin hochmotivierten Mitarbeitern, das Personal freut sich, dass man nicht gleich eine Abmahnung bekommt, wenn man morgens mal fünf Minuten später da ist. Das gefällt auch Herrn L.

Er weiß aber nicht, dass durchaus registriert wird, wann er morgens zur Arbeit kommt - durch die Chipkarte, mit der er morgens die Haustür aufmacht. Auf der ist seine Personalnummer gespeichert. Wenn Herr L. also morgens ins Büro kommt, registriert der Schließmechanismus, dass er hereinkommt - und auch die Uhrzeit, zu der das geschieht.

9.03 - Beginn des Arbeitstages - und der PC-Überwachung

manager-magazin.de
Wann er zu arbeiten anfängt, wird aber ohnehin gespeichert - vom PC-Netzwerk des Unternehmens, das vermerkt, wann L.'s Rechner hochgefahren wird und sich im Netzwerk anmeldet. Ab dann wird nahezu alles mitprotokolliert, was der brave Büroarbeiter tut: Welche Dokumente er wann öffnet, wie lange er daran arbeitet, wann er E-Mails liest und abschickt - und natürlich an wen.

L. kennt einen PC-Administrator aus einem anderen Unternehmen und weiß deshalb, dass die IT-Abteilung seines Unternehmens nahezu gottgleiche Kenntnisse über all seine Netz-Aktivitäten haben könnte, wenn sie wollte - deshalb verkneift er sich Ausflüge auf Webseiten mit nackter Haut und auch allzu langes privates Surfen weitgehend.

Er kennt Fälle aus anderen Branchen, die Arbeitnehmer - zumindest vorübergehend - den Job kosteten, weil sie täglich stundenlang auf Porno-Seiten unterwegs gewesen waren. Manche Webseiten sind für die Firmenangehörigen in L.'s Unternehmen ohnehin gesperrt, Ebay zum Beispiel und andere E-Shopping-Seiten. Deshalb bestellt L. Bücher und CDs jetzt bei kleineren Anbietern, nicht mehr bei Amazon. Ein bisschen mulmig ist ihm dabei schon, aber es wird schon niemand nachschauen.

9.33 - E-Mails lesen, E-Mails schicken

Die E-Mails, die L. empfängt, liest auch jemand aus der Abteilung für Telekommunikationssicherheit mit, zumindest stichprobenweise. Besonders, wenn Dateien angehängt sind, werden die IT-Fachleute misstrauisch. Alles, was auch nur im weitesten Sinne als privat gelten könnte, wird gelöscht. L. ist Mitte 30 und bekommt in letzter Zeit ziemlich oft Geburtenanzeigen aus seinem Bekanntenkreis per E-Mail.

AP
Die nerven ihn ein bisschen, weil sie ihn an die Nachwuchswünsche seiner Frau erinnern - und sie wirken immer etwas kryptisch, weil der Text ("Das hier ist die kleine Friederike! Sie wiegt 3460 Gramm!") zwar ankommt, die Babybilder aber nicht.

Irgendwo auf einer Festplatte im Unternehmenskeller, stellt L. sich vor, ruhen wahrscheinlich in einem Ordner namens "Papierkorb" Hunderte von Babybildern aus den vergangenen Jahren, die an irgendwelche Mitarbeiter des Unternehmens geschickt und aus E-Mails entfernt aber nicht gelöscht wurden. Ein digitaler Baby-Bilderfriedhof. Die gelegentlich von unvorsichtigen neuen Freundinnen oder abenteuerlustigen Ehegatten verschickten Animierbilder aus dem Schlafzimmer dagegen hebt ein gewissenhafter Mitarbeiter der IT-Abteilung immer auf - sein Vorgesetzter braucht das ja nicht zu wissen.

10.27 - Zigarettenpause im Auge der Kamera

REUTERS
L. ist, obwohl seine Frau ihn deshalb regelmäßig ausschimpft, immer noch Raucher. Wenn er aufsteht und das Büro verlässt, um sich eine Zigarette zu gönnen, lässt er seinen Rechner selbstverständlich an - so merkt auch niemand, dass er gerade nicht da ist, außer der Chef kommt vorbei. Allerdings werden, was L. längst verdrängt hat, sowohl der Aufenthaltsraum für Raucher als auch der Innenhof des Unternehmens, in dem zwei Bänke und ein großer Aschenbecher stehen, seit Jahren videoüberwacht.

Die Kameras zeichnen geduldig auf, wann L. auf den Hof kommt, ob er sich nur eine Zigarette ansteckt oder gleich zwei hintereinander, mit wem er sich dort trifft und unterhält. In jüngster Zeit fallen L.'s Zigarettenpausen auffällig oft mit denen der Kollegin H. aus dem Chefsekretariat zusammen. Was unter den Wachleuten am Empfang, die vor den Überwachungmonitoren sitzen, inzwischen jedes Mal für anzügliche Bemerkungen sorgt.

12.30 - Mittagspause

SPIEGEL ONLINE
Wenn L. in die Mittagspause geht, muss er zwar keine Lochkarte in eine Stechuhr rammen - wie lange er pausiert, wird aber am Ende doch ganz genau erfasst: Weil er mit der Chipkarte, die alle Unternehmenstüren öffnet, auch in der Kantine bezahlt - und weil anschließend wiederum vermerkt wird, wann er wieder durch die Tür zu seinem Bürogebäude geht.

Der mit der elektronischen Personalakte verbundene Kantinencomputer weiß selbstverständlich auch, was L. in den vergangenen drei Jahren gegessen hat - und auch, dass er fast immer das kalorienreichste Gericht und eine zuckrige Koffeinlimonade zu sich nimmt, anschließend einen doppelten Espresso trinkt und sich am Cafeteria-Tresen noch mit Schokoriegeln für den Nachmittag eindeckt.

14.20 - Außentermin im Dienstwagen

TMN
Nachmittags hat L. einen Außentermin. Zum Kunden fährt er mit einem Dienstfahrzeug aus dem Fuhrpark seines Arbeitgebers. Und weil das Wetter schön ist, legt L. auf dem Rückweg noch ein Päuschen ein: Er hält unterwegs bei einem Park an und genehmigt sich auf einer Bank in der Sonne ein kühles Bier. Gut für L., dass sein Arbeitgeber nicht auch noch Zugriff auf die Daten seiner Rabattkarte hat - sonst wüsste der Personalchef bei Bedarf auch, dass Herr L. an diesem Tag während der Arbeitszeit an einer Tankstelle einen Sechserpack erworben hat.

Die unerlaubte Pause in der Sonne aber wird in jedem Fall verzeichnet - denn L.'s Arbeitgeber hat alle Dienstfahrzeuge mit GPS-Trackern ausgestattet. Das Gerät erfasst jede Wegstrecke, die mit den Autos zurückgelegt wird - also auch L.'s Umweg über den Park.

17.20 - Beginnender Ausklang des Arbeitstages, Tête-à-Tête am Telefon

DPA
Als er wieder ins Büro zurückkommt, ist L. beschwingt. So beschwingt, dass er seine heimliche Geliebte anruft und mit ihr ein spontanes Kurztreffen nach Feierabend ausmacht, "nur für eine halbe Stunde".

Direkt im Anschluss ruft er seine Frau an und sagt ihr, dass es heute ein bisschen später wird, Überstunden. Beide Anrufe, also Nummer, Zeitpunkt und Dauer, werden von der internen Telefonanlage seines Unternehmens erfasst. Weil L. aber weder ein hochrangiger Manager ist noch mit Unternehmensgeheimnissen zu tun hat, ist es unwahrscheinlich, dass jemand diesen Verbindungsnachweis auch tatsächlich einmal auswertet.

Außer, man möchte L. irgendwann loswerden. Mit dem, was man über ihn weiß, könnte ein robuster Personalchef L. vielleicht sogar überreden, von sich aus zu kündigen - oder doch zumindest die Abfindung ganz erheblich drücken.


URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH