
Der tschechische Premier Milos Zeman glaubt, der Y2K-Bug sei eine "Ente", die der Computerindustrie Gewinne bringen sollte
Es kann keine Rede davon sein, dass der Jahreswechsel völlig reibungslos verlaufen wäre. Nur waren die Störungen, die die gefürchtete "Y2K-Wanze" letztlich verursachte, so minimal, dass sie es unter normalen Umständen niemals in die Nachrichten geschafft hätten. Dass in einigen Atomkraftwerken Uhren ausfielen, war für diese - selbst in der angespannten Über-Aufmerksamkeit der Silvesternacht - ein weit kleineres Problem als die kleinen "normalen" Katastrophen des Alltags, die jede Industrie einmal erlebt.
Oder auch nicht. Schon weisen Experten darauf hin, dass mit einem direkten Auftreten von Y2K-Fehlern ja nur in unter zehn Prozent aller Fälle zu rechnen gewesen wäre: 90 Prozent aller Störfälle stünden uns folglich noch bevor. Eine Aussicht, die kaum mehr jemanden den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben vermag, wenn man sich die Art der bisherigen Störungen in aller Welt ansieht.
Ja, in den Vereinigten Staaten gab es Störungen in acht Atomkraftwerken: Uhren versagten, die über das Global Positioning System GPS mit der Greenwich-Time synchronisiert waren. Ähnliche, im Bereich der "Na und, was soll's?"-Relevanz anzusiedelnde Meldungen liefen aus zwei japanischen und einem spanischen Kernkraftwerk ein. Der ernsthafteste Störfall in Japan betraf die Fehlfunktion einer Sicherheitstür, die zwei leitenden Angestellten den Zutritt verwehrte. Schwere Zeiten für Apokalyptiker und die Boulevardpresse. Was ist das schon für eine Schlagzeile: "Atomkraftwerk sperrt Manager aus"?
Die "Katastrophen" der Silvesternacht waren kleine Alltagskatastrophen. Eine Videothek in Albany im Staat New York versuchte einem Kunden eine Mahngebühr für die Überziehung der Leihzeit eines Videos über 100 Jahre zu verpassen. Niemand meldete, um was für einen Film es sich handelte. In Südkorea saßen Neujahr 900 Familien "für mehrere Stunden" ohne Heizung da, was in Island wohl etwas fataler hätte ausgehen können - obwohl die Temperaturen auch in Südkorea durchaus auf den Nullpunkt fallen können. Immerhin schaffte es der Heizungsausfall in die CNN-Nachrichten, was viel über die Qualität der aufgetretenen Störungen aussagt. Apropos Südkorea: Eines der dort geborenen Neujahrskinder soll bereits 100 Jahre alt sein. Da auch das medial bemerkt wurde, dürfte sich das Problemchen allerdings beheben lassen.
Die wohl "katastrophalste" Meldung eines durch das Y2K-Phänomen verursachten Unglücks erreichte (kleine) Teile der Welt bereits am 26 Dezember aus Milwaukee: Dort entging Ying Vang, 22 Jahre jung, nur knapp dem Flammentod, als ihm sein Keller um die Ohren flog. Die Explosion drückte die tragenden Wände nach außen: ein Fall für die Abrissbirne. Die Ursache? Vang hatte im heimischen Keller Notvorräte gehortet, unter anderem auch Butangas und Benzin.

Jewgenij Adamow erlebte den Millennium-Bug: Seine Schippe brach beim Schneeräumen
So richtig zur Krise hätte es noch auf einer Pferderennbahn im US-Staat Delaware kommen können, als die Kassenautomaten an den Wettannahme-Schaltern versagten. Man stelle sich das vor: Der Gaul fegt durchs Ziel, und keiner hat gewonnen! So mancher Zocker hätte sicherlich eine Krise bekommen - und die meisten hätten wahrscheinlich behauptet, dass sie auf den Vierbeiner gesetzt hätten, wenn es ihnen denn möglich gewesen wäre - und die Rennbahn mit Schadenersatzklagen überzogen. Wenn, wenn, wenn - es nicht so gewesen wäre, dass die neueren Kassenhäuser durchaus weiter funktionierten. Wieder eine tolle Millenniums-Schlagzeile für die Boulevardpresse: "Katastrophe - Y2K-Bug verursacht Schlangen an der Wettannahme!"
Über einen Mangel an Hohn und Spott können Y2K-Warner derzeit wirklich nicht klagen. Der tschechische Premierminister Milos Zeman äußerte sich gegenüber der BBC, der Y2K-Bug sei nichts als eine "Ente, die in die Welt gesetzt wurde, um der Computerindustrie Einnahmen zu verschaffen". Und die französische Boulevard-Zeitung "France-Soir" kommentierte: "Die sanften Dummköpfe, die sich in den Ozark-Bergen mit Frau und Kind, Feuerwaffen und Notstrom-Aggregat eingegraben haben, müssen nur noch das mitleidige Lächeln ihrer Nachbarn bei der Rückkehr ertragen. Was die Mikroelektronik-Experten angeht, so dürfen sie sich den Kopf kratzen: Sie haben es heute schwer, uns zu überzeugen".
Wohl wahr, aber trotzdem ist es für solche Entwarnungen womöglich zu früh: Das findet auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Immerhin, meint Günther Ennen, der Jahr-2000-Experte des Bundesamtes, stehe ja noch der gefürchtete 29. Februar vor der Tür.
Da schließt sich auch Bill Gates an, ein weltweit renommierter Experte für Fehler im Computerbereich. Allerdings sieht auch er nicht die Gefahr einer vielleicht doch noch drohenden Apokalypse, sondern vielmehr das Szenario vieler kleiner ärgerlicher Fehler nahen. Die, meint Gates, werden in den nächsten Monaten vor allem im Bereich der Steuerdaten und Abrechnungssysteme auftreten.
Das ist keine sonderlich mutige Prognose: Tatsächlich zeichnet sich bereits jetzt ab, dass vom Y2K-Bug vor allem Bank- und Kreditkarten-Automaten betroffen waren, die schlicht den Dienst versagten. In Tokio verweigerten die Fahrkartenautomaten der U-Bahn zeitweise die Annahme von Kreditkarten. Auch das weniger ein Grund zum Schwarzsehen, als vielmehr zum Schwarzfahren. Selbst das Computer-Chaos im Gefängnis von Neapel hat allenfalls anekdotischen Wert: Häftlingsdaten waren durcheinander geraten. Die Revisionsverhandlung eines Gefangenen wurde um 100 Jahre verschoben.
Trotzdem gibt es weiter irritierende Aspekte am Y2K-Phänomen: Während die USA in ihrer Glasnost-Politik immerhin Störfälle in acht AKW, in einer Produktionsanlage für Nuklearraketen und den Vollausfall eines Spionage-Satellitensystems meldeten, dringt aus Russland nur Spott. Da, heißt es, sei alles völlig reibungslos verlaufen. Experten wuchsen im Vorfeld der Silvesternacht graue Haare, dachten sie an die russischen Atomkraftwerke. In Moskau ist Y2K jedoch ein absolutes Un-Thema. Der russische Energieminister Jewgenij Adamow brachte die Stimmung gegenüber der Presse auf den Punkt: Er habe in der Silvesternacht Schnee geschippt - und seine Schaufel brach. Adamow: "Ich bin mir sicher, das war der Y2K-Bug". Für den Moment hat er die Lacher auf seiner Seite - bis er mit den ernsthaften Geschichten herausrückt?

Der Hamburger Y2K-Experte Klaus Brunnstein warnt weiter vor drohenden Störfällen
Frank Patalong
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