10 Jahre Xetra-Handel Computer mischen die Börse auf

Sie analysieren und kaufen schneller als jeder Broker: Computer wickeln heute mehr als 80 Prozent des deutschen Aktienhandels ab. 1997 vernetzte das Handelssystem Xetra sie mit der Frankfurter Börse - inzwischen entscheiden die Rechner sogar, welche Aktien sie kaufen.


Um 8 Uhr früh übernahmen vor zehn Jahren 1800 Computer die Macht an der Frankfurter Börse: Das neue Handelssystem Xetra startete damals, am 28. November. Händler gaben die ersten Aufträge an ihren Terminal-Computern ein, um 8.30 Uhr schloss das Xetra-System die ersten Geschäfte ab, auf Basis dieser Kurse berechnete Xetra um 8.40 Uhr seinen ersten Wert für den Dax. Zum ersten Mal in Deutschland hatten Computer eigenständig Börsengeschäfte abgeschlossen.

Xetra-Probe: Staatssekretär Matthias Kurth und Börsen-Boss Werner Seifert testen das Xetra-System am 27. November 1997, einen Tag vor dem Start des Handelssystems
DPA

Xetra-Probe: Staatssekretär Matthias Kurth und Börsen-Boss Werner Seifert testen das Xetra-System am 27. November 1997, einen Tag vor dem Start des Handelssystems

Beim elektronischen Vorgänger, dem 1991 gestarteten Ibis-System, sammelten Computer zwar auch Aufträge. Doch selbst wenn jemand ein Wertpapier für 50 Mark verkaufen und ein anderer zum selben Preis kaufen wollte, passierte nichts ohne den Eingriff eines Menschen. Bei Ibis musste der Käufer an seinem Terminal-Computer dann immer noch die Taste "K" (für Kaufen) drücken.

Das Xetra-System wickelt solche Aufträge sofort ab, wenn ein passendes Angebot auftaucht. Es müssen keine menschlichen Händler mehr reagieren, sondern Computer. Zwei Sekunden nach einem Geschäft war die Bestätigung 1997 bei den Handelspartnern, heute geht das dank schnellerer Datenübertragung in Sekundenbruchteilen – "automatisches Ordermatching" heißt das in Börsen-Denglisch.

Computer kontrollieren heute den Börsenhandel

Heute wickeln Xetra-Computer 99 Prozent des Umsatzes mit Dax-Aktien (im Oktober fast 160 Milliarden Euro) und mehr als vier Fünftel des gesamten Aktienhandels an deutschen Börsen ab. An hektischen Tagen kommen da schon mal weit mehr als eine Million Handelsbewegungen zusammen.

Im Vergleich dazu lief der erste Xetra-Tag gemächlich ab: Bis 12 Uhr hatte der zentrale Xetra-Server in Frankfurt damals für 4000 Aktienverkäufe Kurse ermittelt. 1300 Händler aus acht Staaten waren beim Start dabei - heute sind es bei Xetra 4600 Händler aus 19 Staaten. Sie können derzeit mit 9000 Wertpapieren handeln – beim Start 1997 waren es 109 Aktien.

Kein Bedarf mehr für amtliche Makler

Die offensichtlichste Veränderung der Börse durch den Computerhandel war schon Jahre vor der Xetra-Einführung absehbar: Schon 1995 bestellte die Börsenaufsicht in Hessen amtliche Kursmakler nur noch auf Zeit. Damals war vorauszusehen, dass der Parketthandel erheblich an Bedeutung verlieren würde.

Das Ende kam 2001: Eine Neuauflage des Finanzmarktförderungs-Gesetzes schaffte die amtliche Preisfeststellung von Wertpapieren und den Vorrang des Parketthandels ab. Die vereidigten Makler bekamen eine Schonfrist bis 2005.

Computer entscheiden heute, was gekauft wird

Seit 1997 haben Computer aber nicht nur nahezu die gesamte Abwicklung von Börsengeschäften übernommen – sie fällen immer häufiger auch selbstständig Entscheidungen, welche Wertpapiere zu welchem Preis wo gekauft werden sollen. "Algorithmischer Handel" oder in Börsen-Englisch "Algo-Trading" heißt dieses Phänomen: Computer versuchen anhand mathematischer Modelle billige Wertpapiere auszumachen. Finden sie ein günstiges Angebot, schlagen sie sofort zu, wickeln automatisch Kauf oder Verkauf ab.

Das Konzept: Wenn man weltweit zum billigsten Kurs kauft und anderswo zum teuersten verkauft, ergibt die Differenz einen hübschen Gewinn. Das Geschäft boomt: 2003 kamen laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung" nur 15 Prozent der Aufträge im Xetra-System von solcher Schnäppchenjäger-Software, 2005 waren es schon 25 Prozent und Ende dieses Jahres sollen es 40 Prozent sein.

Je schneller der Computer, desto höher der Gewinn

Weil immer mehr Unternehmen mit solchen Schnäppchenjäger-Programmen die Börsen aufmischen, hat sich ein Wettrüsten um die schnellsten Rechner, die schlauste Software und die fixeste Datenleitung entwickelt. Till Guldimann, Manager bei der Finanz-Softwarefirma "Sungard" beschrieb das Wettrennen in der "FAZ" so: "Wenn Daten in Frankfurt bekanntgegeben werden, haben die Frankfurter Händler einen großen Vorteil. Aber auch London hat nach 6 Millisekunden die Daten. Bis New York dauert es dagegen rund 30 Millisekunden. Da können Sie nicht mehr adäquat reagieren."

Logische Konsequenz: Die Algo-Händler, die sich auf statistische Analyse der Kurse verlassen, stellen die Rechner mit ihren Schnäppchenjägern immer näher an den Rechenzentren der Börsen auf. Die Deutsche Börse bietet Brokern und Banken inzwischen sogar die Möglichkeit, ihre Server im Börsen-Rechenzentrum aufzustellen. Schneller als dort kommt kaum man ins Xetra-Handelssystem.



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