25 Jahre BTX Das Netz der Pixelklötze

Mit dem Bildschirmtextdienst der Post brach Deutschland vor 25 Jahren ins Online-Zeitalter auf. Bekannt wurde der mäßig erfolgreiche Internet-Vorläufer vor allem durch den BTX-Hack des Chaos Computer Club. Heute wird der Online-Technik sogar ein Museum gewidmet.

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Die Internationale Funkausstellung (Ifa) 1983 begann mit einer technischen Revolution. Der Online-Dienst Bildschirmtext, besser bekannt als BTX, wurde in Betrieb genommen. Die Sensation des Herbstes wurde als etwas nie zuvor Dagewesenes angekündigt. Die neue Technologie, da waren sich die Experten einig, werde die Kommunikation, wenn nicht gar die ganze Gesellschaft, von Grund auf verändern, die Deutschen zu einem Volk von Telelesern machen. Über die Telefonleitung sollten künftig Texte verschickt, Überweisungen abgewickelt, elektronische Postkarten verschickt und Zeitungstexte gelesen werden - die Zukunft hatte begonnen.

Bereits sechs Jahre zuvor hatte das Postministerium seine BTX-Pläne vorgestellt. Drei Jahre später begannen die ersten Feldversuche in Düsseldorf, Neuss und Berlin. Die erforderliche Hardware, das Modem dbt-03 oder einen Akustikkoppler, gab es zunächst nur bei der Post zu kaufen.

Technisch gesehen war die Nähe zum Internet bereits erkennbar: Grob gesagt wurden Telefonleitungen genutzt, um digitale Informationen zu übertragen und auf einem Bildschirm anzuzeigen. Was die Nutzer und Anbieter zu sehen bekamen, entsprach vom visuellen Reiz dem bis heute im TV gängigen Videotext: Meist grobpixelige, grell-bunte Schrift auf schwarzem Hintergrund. Doch das gefiel. Der "Dalli Dalli"-Moderator Hans Rosenthal schwärmte in einer Zeitung: "Warum ich schon BTX zu Hause habe". Zeitweise gab es sogar ein gedrucktes "Bildschirmtext-Magazin für Teleleser".

Der BTX-Hack macht den CCC berühmt

Einer, der sofort in das neue Medium einstieg, war Eric Danke, der gemeinhin als "Vater des BTX" gilt. "Im Sommer 1975 bekam ich eine Kommunikationszeitschrift auf den Tisch", erzählt er. "Darin stand ein Text über den englischen Bildschirmtext, und ich bekam einen Prüfungsauftrag."

Er war zu diesem Zeitpunkt Referent im Referat für Zukunftsfragen der Bundesregierung, war Mitglied in einer Kommission von Forschungsminister Ehmke. Danke analysierte das britische System und gab eine Prognose für die Entwicklung der kommenden 25 Jahre ab. seine Empfehlung: "Das könnte lohnenswert sein." Damals dachte man sich auch den Namen "Bildschirmtext" aus, der so viel hölzerner klingt als das geschmeidige "Minitel" der Franzosen.

Der Chaos Computer Club (CCC), jener Verein von Computer-Freaks, der sich heute für Datenschutz und einen sicheren Umgang mit dem Massenmedium Internet stark macht, feierte mit einer BTX-Aktion seine Sternstunde. Mit dem sogenannten BTX-Hack schafften es die CCC-Gründer Wau Holland und Steffen Wernéry 1984 sogar bis ins "heute journal"

Posthörner für 134.000 D-Mark

Es war eine der ersten Aktionen, mit der der CCC auf Schwachstellen im Datennetz aufmerksam machte und die Öffentlichkeit für Datenschutz sensibilisierte. "BTX war in der Hackerszene eher nicht vertreten. Wau und ich waren da eine Ausnahme", erzählt Wernéry, der sich 1982 statt eines Autos seinen ersten Computer kaufte. "Wir hatten die Post schon mehrfach auf diese sensiblen Punkte hingewiesen. Es hieß immer: Jaja, wissen wir längst. Wir fühlten uns veräppelt."

Die Hacker schafften es, mit einem vergleichsweise einfachen Trick die zwölfstellige Anschlusskennung der Hamburger Sparkasse aus dem Datenstrom auszulesen. Mit dieser Nummer wählten sie sich ins BTX-System ein und riefen im Namen der Sparkasse ein kostenpflichtiges Online-Spiel auf, dass sie selbst ins Netz gestellt hatten.

Jeder Aufruf des Spiels wurde von der Post mit 9,90 D-Mark abgerechnet, die der Sparkasse in Rechnung gestellt und dem CCC gutgeschrieben wurden. In kurzer Zeit erspielten die Hacker der Sparkasse auf diese Weise eine Rechnung von 134.000 D-Mark, Geld, das der CCC natürlich nie einforderte. Schließlich war das Ziel der Aktion erreicht, die Systemschwäche öffentlich gemacht worden. Der damalige Vorstand der Hamburger Sparkasse gab sich beeindruckt: "Alle Hochachtung vor der Tüchtigkeit dieser Leute."

Geräte ab 3000 Mark aufwärts

Klaus Nahr ist auch so ein Cyberveteran. Seine Sammlung umfasst mehr als hundert Online-Endgeräte, dazu zahllose Decoder und sonstige Hardware, die rund um BTX so anfielen. Aber die Hauptattraktion seiner Sammlung sind BTX-Terminals, Komplettgeräte mit Bildschirm, Tastatur und Telefonhörer, der wie ein Knochen obendrauf ruht. Er hat sie dahin gebracht, wo verlorene Kulturtechnik eben landet: ins Museum. Online hat er akribisch alle Teile photografisch festgehalten, mitsamt detaillierter Beschreibung. Das graue "Loewe-Multitel TV 10" war Stück Nummer eins.

Dabei war Nahr bei der BTX-Einführung gerade mal 19 Jahre alt und anfangs gar nicht euphorisch. "Gut, ich fand schon spannend, dass man online Nachrichten austauschen konnte", sagt er, "aber die Geräte waren eben auch unheimlich teuer, von 3000 Mark aufwärts." Als der Karlsruher Informatikstudent dann bei einer Software-Firma jobbte, programmierte er Chat-Anwendungen für BTX, privat nutzte er die öffentlichen BTX-Geräte. "Am Hauptbahnhof stand zum Beispiel einer", erzählt Nahr. "Ein paar Seiten waren kostenlos nutzbar, auf der Startseite war ein Katalog, funktionierte ähnlich wie Google heute. Da habe ich Telefonnummern oder Abfahrtzeiten rausgesucht."

Technikmonster in Vitrinen

Dass er eine derart sentimentale Verbindung zu den alten Dingern hat, dass er sich in den vergangenen fünf Jahren eins nach dem anderen bei Ebay ersteigerte, liegt vor allem daran, dass er sein Unternehmen damals auf BTX aufbaute: Mit einem Freund entwickelte er 1993 ein BTX-Angebot, über das andere BTX-Nutzer im Internet surfen konnten. In der Firma standen die grauen, schwarzen, wie aus der Zeit gefallenen Technikmonster bis vor kurzem in Vitrinen, momentan sind sie in Kisten eingelagert.

Doch zum Volksmedium wurde BTX in Deutschland nicht. Ganz anders als im Nachbarland Frankreich, wo die Bildschirmtext-Variante Minitel rasend erfolgreich war. Dort sei eben "ein Bewusstsein da gewesen, dass die Entwicklung von Technik ein wichtiges gesellschaftliches Projekt ist", sagt Klaus Schönberger, Professor beim Hamburger Forschungskolleg Kulturwissenschaftliche Technikforschung. "Es gab in diesen Jahren in der politischen Klasse und in der Gesellschaft weniger Distanz zur Technik als in Deutschland."

"Sie sind doch das Internet"

In Deutschland soll es Mitte der neunziger Jahre 850.000 BTX-Kunden gegeben haben. Ab 2001 diente der Datendienst der Post nur noch einigen Banken als Grundlage für Online-Banking, 2007 wurde es schließlich ganz abgeschaltet. "Es hatte sich einfach überlebt. Ich habe die Anbieter damals mit meiner eigenen Unterschrift informiert", erinnert sich Danke. "Das war eine meiner letzten Amtshandlungen" - danach ging der T-Online-Vorstand wie sein "Baby" auch in Rente.

Wenn Danke heute über sein Projekt spricht, sieht er vor allem das Positive: "Dass wir uns ab 1992 auf den PC als Hardware konzentriert haben, war die beste Entscheidung. Eine super Basis fürs Internet", sagt er. "Für uns war BTX immer ein Tool, um Anwendungen zu transportieren", die Technik selbst sei zweitrangig gewesen. "Das hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Internet hierzulande so schnell greifen konnte."

Die Kollegen in Frankreich, erinnert sich der 68-Jährige, hätten sich in jenen publikumsträchtigen Anfangsjahren des World Wide Web nachträglich fast geärgert über den Erfolg von Minitel.

Klaus Nahr hat erlebt, wie BTX und Internet in den Neunzigern förmlich ineinanderübergingen. Ähnlich wie eine URL konnte man sich bei der Post ein BTX-Kürzel sichern. Er und sein Kompagnon reservierten sich *Internet#, sie seien die ersten gewesen, die das Wort Internet als Adresse hatten. "Wir bekamen auf einmal dauernd diese Anrufe", erzählt Nahr: "Sie sind doch das Internet", hieß es regelmäßig am anderen Ende der Leitung, "erklären Sie das doch mal".

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