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25 Jahre E-Mail in Deutschland: Und es hat "Pling!" gemacht

1984 glaubte die Bundespost noch, das Zeitalter der digitalen Vernetzung mit Btx dominieren zu können. An Universitäten in aller Welt tüftelten Akademiker derweil daran, ehemalige Militär- und Forschungsnetze zum Internet zu verbinden. Die erste E-Mail empfing vor 25 Jahren ein Team in Karlsruhe.

Karlsruhe - "Pling", auf dem Schirm erscheint ein eher schmuckloser englischer Begrüßungstext - und in Deutschland bricht ein neues Zeitalter der Kommunikation an.

Deutschlands Ur-E-Mail: Ein orthografisch nicht ganz korrektes "Wilkomen" an die winzige deutsche Netzgemeinde  Zur Großansicht
dpa

Deutschlands Ur-E-Mail: Ein orthografisch nicht ganz korrektes "Wilkomen" an die winzige deutsche Netzgemeinde 

Ein Vierteljahrhundert ist es jetzt her: Damals saß der Informatiker Werner Zorn mit seinem Team in den Räumen der Universität Karlsruhe vor dem Bildschirm eines kleinen Computers, als der offizielle Willkommensgruß aus den USA seinen Weg zu den deutschen Computer-Experten fand: "Michael, this is your official welcome to CSNET", lauten die ersten Wörter an Zorn und seinen Mitarbeiter Michael Rotert. Eine Premiere: Die erste elektronische Nachricht an einen eigenen deutschen Mailserver erreicht am 2. August 1984 das Land, eine neue Ära beginnt.

Internet-Pionier Werner Zorn, heute Universitätsprofessor im Ruhestand, hat etliche administrative Hürden nehmen müssen, bis es endlich klappte. Und auch danach herrschte ein Hauen und Stechen um den deutschen Zentralknoten zu den elektronischen Netzwerken der Amerikaner, erinnert sich Zorn. Er spricht von einem "Netzkrieg", der ausgebrochen sei, als klar wurde, welchen "Asset" (Schatz) die Väter des Karlsruher E-Mail-Wunders da eigentlich in der Hand hatten.

Damals war noch etwas Geduld gefragt bei der Kommunikation über das Netz: "In den 80er Jahren hat es wegen fehlender Standleitungen nicht wie heute nur ein paar Sekunden gedauert, bis eine Mail beim Empfänger auf dem Schirm landete", sagt der Wahl-Berliner Zorn. "Mails wurden in sogenannten Relays gesammelt wie bei der normalen Post und von dort abgeholt." Eine Mail aus den USA konnte so durchaus eine halbe Stunde oder länger brauchen. "Damals haben wir die Bytes noch einzeln gezählt und abgerechnet", meint Zorn, der zuletzt beim Potsdamer Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik lehrte.

Seine Leidenschaft für Technik wurde ihm geradezu in die Wiege gelegt: Zorns Vater lehrte Schweißtechnik in Karlsruhe, eben dort studierte auch der Sohn Anfang der 1960er Jahre Elektrotechnik, später baute er dort die Fakultät für Informatik auf. Damals wurden zwischen Nato-Staaten und dem US-Verteidigungsministerium erste digitale Daten auf geheimem Weg ausgetauscht. 1969 startete das sogenannte Arpanet mit Computerknoten an vier US-Universitäten - das Internet ist geboren.

Die Post wollte proprietäre Lösungen

"Ende der 1970er Jahre standardisierte die Bundespost die Datenübertragung, Computer wurden also netzfähig", erklärt Zorn. Mit Blick auf die Post und die staatlich geförderten Projekte spricht er von "Monopolisten", die zunächst in schwerfälligen Gremien aufwendig allgemeingültige Normen festlegen wollten. Die damaligen "Exoten" aus Karlsruhe wollen das Ganze dagegen lieber mit Kollegen auf eigene Faust und pragmatisch erledigen. "Alle Welt lief der breiten Bewegung hinterher", sagt Zorn. "Wir haben uns durchs Unterholz zum Internet durchgeschlagen." Sehr zur Überraschung der anderen Experten: "Man konnte sich damals nicht vorstellen, dass eine Graswurzelbewegung das gegen die großen marktbeherrschenden Konzerne von unten hochzieht."

Die Informatiker der Fächerstadt bauten Anfang der 1980er Jahre ein lokales Netz auf, stellten eine Verbindung in die USA her - und legten so den Grundstein für die "Internet-Hauptstadt" Karlsruhe. "Wir wollten eine offene, basisdemokratische Welt, und wir bauten sie um die Monopolisten herum", erklärt Zorn, der keineswegs als der alleinige Macher gelten will. "Michael Rotert war damals meine rechte Hand im Rechnerbetrieb, er installierte die US-Software", betont er. Die wirtschaftliche Bedeutung habe damals niemand einschätzen können. "Wir haben das aus Entdeckerfreude gemacht und nicht an Geld gedacht."

International erheblich größere Bedeutung als jenes liebenswert falsch buchstabierte "Wilkomen" aus der Betreffzeile der US-Mail vor 25 Jahren hat für Zorn die weltweite Netzanbindung Chinas wenige Jahre später. Was 1983 aus Frust über die zeitraubende Kommunikation mit den chinesischen Kollegen begann, läutete mit deutlich gewichtigeren Worten als Jahre zuvor in Karlsruhe die chinesische Internet-Ära ein: "Ueber die Grosse Mauer erreichen wir alle Ecken der Welt", heißt es in der ersten Mail aus Peking nach Karlsruhe und von dort in alle Welt.

Martin Oversohl, dpa

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