30 Jahre Visicalc: Excel-Urahnen haben sich verrechnet

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Dan Bricklin und Bob Frankston programmierten die erste massentaugliche Tabellenkalkulation. Visicalc war ein Verkaufsschlager für den Apple II – doch die Milliarden verdienten später Lotus und Microsoft.

Anfang 1978 hat Dan Bricklin mit seinen 26 Jahren bereits eine ansehnliche Karriere als Programmierer hinter sich: Informatik-Studium am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), erster Job beim Großrechner-Pionier DEC, wo Bricklin an einem der ersten Textverarbeitungsprogramme überhaupt mitarbeitete. Bricklin sattelt ein BWL-Studium drauf. Im Jahr 1978 sitzt er mit schwarzen Vollbart und Pferdeschwanz im Klassenraum 108 der Harvard Business School und träumt von einem Taschenrechner, der große Zahlenreihen in Tabellenform zeigen kann.

So erinnert sich Bricklin an seinen damaligen Tagtraum, aus dem die erste massentaugliche Software für Tabellenkalkulation wurde. Bricklin stellte sich einen Über-Taschenrechner vor, der als Maus und Tastatur dienen und eine große Tabelle projizieren sollte: "Mit der Taschenrechner-Maus tippe ich Zahlen ein, markiere sie, bekomme die Summe, stelle Berechnungen an." Im Sommer 1978 ließ Bricklin sich den Pferdeschwanz abschneiden und beschloss, bei einer Fahrradtour auf Martha's Vineyard, aus der Idee ein Produkt und ein Geschäft für die Zeit nach dem Studium zu machen.

Die Taschenrechner-Maus mit dem futuristischen Projektor aus dem Tagtraum ersetzte Bricklin pragmatisch durch den seit Mitte 1977 erhältlichen Heimcomputer Apple II. Bricklin programmierte den ersten Entwurf der Tabellenkalkulation im Oktober 1978 in Apple Basic. Die Software ordnete die Einzelwerte in Reihen und Spalten, arbeitete daran in Formeln die Grundrechenarten ab. Bricklin brauchte Hilfe: Das BWL-Studium fing wieder an, er holte Bob Frankston dazu, seinen Studienkollegen aus MIT-Tagen. Der 29-Jährige arbeitete damals als Programmierer beim Finanzdienstleister IDC. Auf seinem Dachboden programmierte er in Assembler den größten Teil von Visicalc.

Ohne Software-Patent keine Milliarden

Bricklin und Frankston gründeten am 2. Januar 1979 ihre Firma Software Arts, vertreiben sollte das Programm die Firma von Bricklins Studienkollegen Dan Fylstra. Die Vereinbarung: Ein Drittel der Einnahmen aus regulären Verkäufen für Bricklin und Frankston, die Hälfte aus Verträgen mit Computerherstellern, die Visicalc als Zugabe für Heimrechner kauften.

Das ganz große Geld ließen sich Bricklin und Frankston damals aber entgehen – sie patentierten die Ansätze und Methoden ihres Programms nicht. Hätten sie solch einen Antrag durchgeboxt, müssten heute wahrscheinlich Firmen wie Microsoft und Apple für ihre Tabellenkalkulationen Lizenzgebühren an die Visicalc-Entwickler abdrücken - wenn es die schnelle Innovation durch Konkurrenzprodukte dann überhaupt gegeben hätte.

Warum sie keine Patente angemeldet haben? Dan Bricklin erklärt auf seiner Visicalc-Seite, Ende der 70er Jahre sei Software kaum Patente zugestanden worden: "Der Patentanwalt erklärte uns die Probleme und rechnete uns eine Erfolgschance von zehn Prozent vor – selbst wenn wir alle Tricks anwenden würden, um zu verschleiern, dass es sich hier um Software handelt." Angesichts dieser mageren Erfolgsaussichten und der Kosten für den Antrag, entschieden sich Bricklin und Frankston gegen den Versuch.

Zwei Zuhörer beim ersten Visicalc-Vortrag

Bricklin heute: "Der enorme Wert der Tabellenkalkulation und die Bedeutung zusätzlicher Schutzmechanismen neben dem Urheberrecht, um andere vom Kopieren abzuhalten, erkannten wir erst zwei Jahre später – zu spät, um einen Patentantrag zu stellen."

Nicht nur die Erfinder brauchten etwas länger, um zu erkennen, dass ihr Konzept massentauglich war. 1979 zeigten sie in San Francisco auf der Computermesse "West Coast Computer Faire" Visicalc zum ersten Mal öffentlich. Der Reporter der "New York Times" amüsierte sich über den Namen Visicalc, zu Frankstons Vortrag über den Programmieransatz bei Visicalc erschienen 20 Freunde und Verwandte. Die beiden Zuhörer, die keiner kennt, gehen vor Ende des Vortrags – sie hatten sich im Raum geirrt, wollten eigentlich etwas über den programmierbaren Taschenrechner TI-59 hören, wie sich Frankston erinnert.

Gut 700.000-mal geht Visicalc weg

Zum ersten Mal konnten Besitzer des Apple II im Oktober 1979 Visicalc kaufen. 100 Dollar kostete das Programm, am Anfang gehen im Monat nur knapp 1000 Versionen weg. Doch als die ersten Buchhalter das Programm ausprobierten und lobten, wuchs die Nachfrage. Laut dem Sachbuch " Secrets of Software Success" wurde Visicalc bis 1985 etwa 700.000-mal gekauft. Schließlich kostete der Apple II mit Drucker und Visicalc knapp 5.000 Dollar - so viel gaben damals laut "Secrets of Software Success" Unternehmen monatlich für Rechenzeit an Großcomputern aus.

Visicalc machte den Apple II zum Werkzeug für Freiberufler, kleine und mittelgroße Unternehmen. Im SPIEGEL erzählten 1983 Schüler, die Software verkaufen, wie gut ihr Geschäft lief. Unter anderem mit Visicalc - "das ist so ein betriebswirtschaftliches Planungsprogramm". Kostenpunkt: "600 Mark. Sie können auch ein IBM-Programm bei mir bekommen für 5000 Mark".

Eine Ehren-Metalltafel für den Excel-Urahnen

1983 war der Erfolg von Visicalc schon fast vorbei. Im Januar erschien die Tabellenkalkulation Lotus 1-2-3, exklusiv für den neuen Heimcomputer IBM PC und andere Rechner mit dem Betriebsystem MS-DOS. Schon 1983 kauften mehr Leute Lotus 1-2-3 als Visicalc. Im Gespräch mit dem Online-Magazin " Low End Mac" gestand Dan Bricklin: "Es war das bessere Produkt für den IBM PC und es wurde damals besser vermarktet." Andere Konkurrenten: AppleWork (1984), Microsofts Multiplan (1982) und der Nachfolger Excel (1985). Bricklin und Frankston verkauften ihre Firma 1985 an Lotus.

Den beiden Visicalc-Entwicklern bleibt der Nachruhm. Sie wohnen heute weniger als einen Kilometer voneinander entfernt in Newton Highlands, einem Vorort von Boston. Sie halten Vorträge über die Visicalc-Entwicklung, nehmen Ehrentitel und Medaillen entgegen und programmieren ansonsten in ihren Heimbüros genügsam vor sich hin. Frankston schreibt über Netzwerk-Infrastruktur, Dan Bricklin entwickelt eine Wiki-Tabellenkalkulation fürs Web und eine für den OLPC.

Seit ein paar Jahren hängt im Klassenraum 108 der Harvard Business School eine kleine Metalltafel, die daran erinnert, dass hier 1978 die Tabellenkalkulation erdacht wurde. Immerhin.

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