Analog am Ende Die Haupttrends der Photokina 2006

Die Zeit der Analogkameras scheint endgültig vorbei. Auch in anderen Bereichen setzt die Kamera-Industrie nicht mehr nur auf stupides schneller, höher, weiter: SPIEGEL ONLINE zeigt die fünf zentralen Trends der heute beginnenden Fotomesse.


Es liegt in der Natur einer Messe, mit Neuigkeiten aufzuwarten - doch bei der diesjährigen Photokina ist auch ein Ende zu besichtigen: Für Analogkameras scheint die Zeit gekommen. Rund 180 Jahre nach Erfindung der Fotografie steht zum ersten Mal ein grundlegender Technologiewechsel bevor.

"Das ist die erste Photokina, bei der es keine Innovationen im Bereich der Analogfotografie gibt", sagt Michael J. Hußmann von digicam-experts.de. Die Verkaufszahlen spiegeln den Trend: Dieses Jahr erwartet der Photoindustrie-Verband in Deutschland den Verkauf von nur noch 500.000 Analogkameras - gegenüber 7,5 Millionen von der digitalen Konkurrenz.

1. Trend: Digitale Spiegelreflexkameras

Vor allem bei digitalen Spiegelreflexkameras tut sich eine Menge. Bekannte Marken wie Nikon, Canon und Sony treten mit neuen Modellen auf, bei denen zehn Megapixel Sensorauflösung Standard sind. Dazu kommt eine Reihe von Features, die sowohl dem Einsteiger als auch im semiprofessionellen Bereich gut ausgestattetes Fotografieren ermöglichen. Und weil auch die digitale Variante mit den Vorzügen der analogen Vorfahren in punkto Bildqualität aufwarten kann, ist das Kundeninteresse riesengroß: Die Verkaufszahlen haben sich allein von 2004 auf 2005 mehr als verdoppelt.

Hohe Bildqualität bei immer reicherer Ausstattung zu erschwinglichen Preisen - das führt auch zum Ende einer weiteren Eigenheit: Die Trennung zwischen Privat- und Geschäftskunden spielt eine immer geringere Rolle, sagen auch die Kölner Messeveranstalter. Die Presseabteilung der Photokina sieht in der Spiegelreflex-Fotografie sogar eine Entwicklung hin zum Volkssport: Ursache sei eine erweiterte Angebotspalette der Hersteller, die auf Amateure wie Profis zugeschnitten sei.

2. Trend: Besser statt "bigger"

Bei Kompaktkameras hat das Protzgehabe mit immer höheren Megapixelwerten ein Ende. Der Grund ist ganz einfach: Zehn Megapixel ergeben auf einem 6mm-Chip nicht mehr sonderlich viel Sinn - die meisten Objektive schaffen eine derart hohe Auflösung nicht mehr. Als erster Hersteller hat sich Nikon aus dem albernen Wettbewerb verabschiedet und wird auf absehbare Zeit keine Zehn-Megapixel-Kompaktkamera herausbringen.

Neue Bildprozessoren machen die Kameras aufgrund beschleunigter Bildverarbeitung allerdings schneller. Nicht nur das Einschalten geht jetzt deutlich flotter, auch Bildfolgen oder Schnappschüsse sind jetzt möglich, weil die Auslösezeiten das endlich zulassen.

3. Trend: Schrumpfung gestoppt

Auch der Trend zu immer kleineren Kameras scheint gestoppt. Das liegt nicht nur daran, dass inzwischen die technischen Grenzen erreicht sind. Vielmehr hat vor allem die Entwicklung hin zu größeren Displays (bis zu drei Zoll) dem Schrumpfen ein Ende gesetzt. Besonders angenehm sind die großen Rückenfenster - sofern auch die Auflösung des Monitors gewachsen ist und nicht nur dessen Größe.

4. Trend: Der Fotograf wackelt, die Kamera nicht

Damit Fotos kein Schleudertrauma erleiden, sollen Bildstabilisatoren verunglückte Bilder verhindern: entweder durch einen beweglichen Sensor in der Kamera oder durch mitschwingende Linsen im Objektiv. Letzterer Technik sprechen Experten immer noch bessere Ergebnisse zu: Durch sie lassen sich ungefähr vier Blendenstufen herausholen - eine mehr als beim beweglichen Sensor. Die Linsentechnik hat aber ihren Preis. Sie muss mit jedem Objektiv mitgekauft und -bezahlt werden.

Die verbesserte Datenverarbeitung erlaubt noch weitere Neuheiten. Die kamerainterne Bildbearbeitung gleicht schon beim Fotografieren automatisch stürzende Linien aus, hellt zu dunkle oder unterbelichtete Stellen auf und retuschiert rote Augen. Bei Letzterem kommt eine neue Technik namens Face Tracking zum Einsatz, auf Deutsch: Gesichtserkennung. Was man gemeinhin eher in der Zutrittskontrolle bei Hochsicherheitsbereichen oder an Flughäfen erwartet, soll nun Porträtfotos verbessern.

Natürlich kann die Kamera kein Gesicht so weitgehend analysieren, dass sie demnächst den Vater und den Onkel auseinander hält. Aber immerhin erkennt ein solches System ein menschliches Gesicht und weiß im Idealfall auch wo die Augen sind. Die Kamera stellt ihren Autofokus genau auf diesen Bereich scharf und leuchtet durch angemessene Belichtung die Gesichter bestmöglich aus.

5. Trend: Telefon wird Kamera

Fotohandys sind immer noch nicht wirklich schnappschusstauglich - trotzdem geht der Trend weiter in diese Richtung. Die neuen Drei-Megapixel-Modelle produzieren mittlerweile Datenmaterial, das sich für mittelgroße Papierabzüge oder Ausdrucke eignet. Da liegt es nahe, dass Pict-Bridge für den Direktdruck via Kabelanschluss oder Bluetooth mittlerweile zur Norm geworden ist.

Der schnelle Weg zum Foto wird immer öfter genutzt: Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ermittelte knapp 500 Aufnahmen pro Digitalkamera-Besitzer im Jahr 2004 - und mehr als 100 wurden ausgedruckt. Ein Jahr zuvor waren es noch 85 je Digitalkamera.

Allerdings ist damit längst nicht das Ende erreicht. Im technikverliebten Korea werden inzwischen Fotohandys mit einer Auflösung von bis zu zehn Megapixel vorgestellt. Für den europäischen Markt versprechen sich die Hersteller mehr Erfolg durch Multimedia-Features, die aus dem Telefon auch einen MP3-Player oder ein Miniradio machen. Dagegen hat Handy-TV immer noch mit Kinderkrankheiten zu kämpfen.

Eine Konkurrenz für digitale Kameras werden Handys so bald nicht darstellen: Die allermeisten Menschen werden wichtige Augenblicke mit einer Kamera fotografieren, bei der das Ergebnis auch die richtige Qualität hat.



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