Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Appaяatschik: Googles Mailservice im Härtetest

Von

Googles Webmail-Dienst Google Mail hat viel Aufsehen erregt - weil das Postfach über zwei Gigabyte groß ist und sich in Sekundenschnelle durchsuchen lässt. Kriegt man den Speicherplatz je voll? Was taugt die Benutzeroberfläche? Der Apparatschik hat einen Langzeit- und Härtetest durchgeführt.

Google Mail: Finden, nicht suchen

Google Mail: Finden, nicht suchen

Hamburg - Peter Itzlbitzl ist futsch. Kürzlich noch hatten wir telefoniert und gemailt. Heute bräuchte ich ganz dringend seine Koordinaten. Sie sind irgendwo in den Sedimenten meines Postfachs begraben. Aber ich kann sie nicht finden, weil mir der Nachname (Itzlbitzl ist nur ein Platzhalter) meines Kontaktes ebenso entfallen ist wie der Name seiner Münchner PR-Agentur.

Mein elektronisches Gedächtnis ist ähnlich löchrig wie mein Gehirn. Itzlbitzls Botschaft unter den Zehntausenden in meinem Postfach aufzuspüren ist beinahe unmöglich. Aus Erfahrung mit den beiden gängigen Mailprogrammen Outlook und Lotus Notes weiß ich, dass beide entweder gar nichts finden oder sich minutenlang totsuchen werden - Absturz nicht ausgeschlossen.

Posteingang: Leider fehlt ein Ansichtsfenster für die Mail-Vorschau

Posteingang: Leider fehlt ein Ansichtsfenster für die Mail-Vorschau

Seit einigen Wochen rufe ich meine Mails (300 Stück täglich) über Google Mail ab, dem E-Mail-Service von Google. Google Mail benötigt etwa eine Sekunde, um Peter Itzlbitzl ausfindig zu machen. Denn das Programm erlaubt es dem Nutzer, alle archivierten Mails zu googeln - nach dem gleichen Prinzip, nach dem auch die gleichnamige Websuche funktioniert.

Bei Google Mail wird nichts mehr gelöscht, alles wandert ins durchsuchbare Archiv. Der kostenlose Dienst bietet dem Nutzer gut zwei Gigabyte Speicherplatz (reicht für etwa eine Million Textmails). Google Mail ist webbasiert: Der Nutzer muss keine Software auf seinem PC installieren, sondern lässt sich sein Postfach über den Internet Explorer oder einen anderen Browser anzeigen. Das hat den Vorteil, dass man von überall auf die E-Mails zugreifen kann.

Übereifriger Spamfilter

Leider ist die webbasierte Benutzeroberfläche für Nutzer mit einem hohen Mailaufkommen etwas anstrengend. Es fehlt ein Vorschaufenster, mit dessen Hilfe man sich schnell einen Überblick über neue Nachrichten verschaffen kann. Wer es gewohnt ist, größere Mailmengen per Entfernen-Taste aus dem Posteingang zu tilgen, wird ebenfalls verzweifeln. Bei Google Mail muss jede Nachricht mit einem Häkchen versehen werden, bevor sie sich ins Archiv verschieben lässt.

Ebenfalls gewöhnungsbedürftig: Google Mail fasst Mails zu Konversationen zusammen. Ein längerer Schriftwechsel wird im Posteingang immer als ein Mail angezeigt. Bei Aufklicken sieht der Nutzer den kompletten Diskussionsverlauf. Was mir anfangs verwirrend vorkam, fand ich nach einigen Tagen ganz praktisch, weil es die Mailbox übersichtlicher macht. Leider kann man bei Google Mail nicht zwischen der Konversationsansicht und der klassischen Ansicht wählen.

Ansonsten ist die Oberfläche erfreulich schlank und frei von Schnickschnack. Sehr gut funktioniert auch der eingebaute Spamfilter, der fast nichts durchlässt. Manchmal ist Google Mails Schutz vor Müllmails etwas übereifrig und lässt auch Newsletter oder Rundmails von Kollegen im Papierkorb verschwinden. Glücklicherweise ist der Filter lernfähig, bereits nach einer Woche landete im Test alles da, wo es landen sollte.

Unendliche Weiten?

Werde ich mein Google Mail-Konto je voll bekommen? Google sagt nein und wirbt damit, der Speicherplatz reiche für die Ewigkeit. Tatsächlich steigt die Speicherkapazität von Google Mail täglich ein wenig an - zuletzt auf 2314 Megabyte. Trotzdem bin ich skeptisch. Eine Textmail mag nur zwei, drei Kilobyte groß sein - inzwischen kommen viele Nachrichten jedoch mit Bildern und aufwendigen Schriften daher und wiegen 30 oder 50 Kilobyte. Von Anlagen ganz zu schweigen. Nachdem ich Google Mail zunächst nur privat verwendete, laufen seit vier Wochen meine sämtlichen Büromails dort auf. In dieser kurzen Zeit habe ich bereits 28 Prozent des Speicherplatzes vollgemüllt, Tendenz steigend.

Ordnung halten: Google Mail kennt nur Labels, keine Ordner

Ordnung halten: Google Mail kennt nur Labels, keine Ordner

Google Mail wurde zwar bereits vor einem Jahr gestartet, befindet sich aber offiziell noch in der Testphase. Google vergibt Zugänge zurzeit nur an ausgewähltes Publikum. Neue Nutzer können dann ihrerseits Freunde zu Google Mail einladen. Zwischenzeitlich wurden die knappen Zugänge gar bei eBay feilgeboten. Der Apparatschik findet dieses Verfahren arg elitär und verschenkt seine ausstehenden Google Mmail-Einladungen deshalb an die ersten 50 Leser, die eine Mail mit der Betreffzeile "Ich will einen" schicken - und geloben, ihrerseits ganz viele Leute einzuladen.

(Update: Bitte keine Einsendungen mehr! Die ersten 50 der bisher über 2000 E-Mail-Schreiber wurden bereits benachrichtigt.)

Wann Google Mmail für alle Interessierten zugänglich gemacht wird, steht noch nicht fest. Dem Vernehmen nach will Google zunächst nochmals den Funktionsumfang erweitern. Das wäre nicht schlecht: Einige unverzichtbare Sachen wie zum Beispiel eine automatische Abwesenheitsbenachrichtigung fehlen zurzeit noch. Dennoch ist Google Mail wohl schon jetzt der beste Webmail-Dienst auf dem Markt.

Update: Der Ansturm war überwältigend und die 50 Google Mail-Zugänge waren schneller weg als Bahntickets bei Lidl. Falls sich neue Einladungen bei mir ansammeln sollten, werde ich die verbleibenden Interessenten in chronologischer Reihenfolge bedienen. Apparatschik entschuldigt sich bei allen leer Ausgegangenen und bedankt sich für das rege Interesse.

Update:Wie Sie dennoch an einen Google Mail-Account kommen lesen Sie hier.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: