Asien offline Das fragile Netz

Das Wohl und Wehe ganzer Volkswirtschaften hängt heute am Draht, wie das Erdbeben von Taiwan einmal mehr zeigt: Weil Unterwasser-Kabel brachen, brach auch der Devisenhandel zeitweilig zusammen. Der Vorfall entzaubert die Legende vom unverletzlichen Internet.

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Zum Mythos des Internet gehört die Mär vom unverletzlichen Netz der Netze. Selbst Atombombenabwürfe, so die Legende, könnten das Netz nicht zerstören, denn gerade für solche schlimmstmöglichen Katastrophen sei es konstruiert worden. Verletzungen der Netzinfrastruktur würden einfach umgangen, heißt es in unzähligen Artikeln und Buchveröffentlichungen zum Thema.

Seismologe im zentralen Wetterinstitut in Taipeh: Ausschläge gegen das World Wide Web
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Seismologe im zentralen Wetterinstitut in Taipeh: Ausschläge gegen das World Wide Web

In der Theorie klingt das gut, in der Praxis sieht es anders aus. Wer hätte noch nicht erlebt, dass der kleine Fehler eines Baggerfahrers die Internet-Kommunikation in einem ganzen Stadtviertel für Stunden, vielleicht Tage zum erliegen bringen kann? Die Verletzung einzelner Datentrassen vermag die Republik in Nord und Süd zu spalten, der Ausfall eines Atlantikkabels die interkontinentale Kommunikation auszubremsen. Und wenn dann die Erde bebt, wie am Dienstag vor Taiwans Küste, geht mitunter für Wochen gar nichts mehr.

Denn das Gros des Netzwerkverkehres läuft über Kabel - und in den letzten Jahren zunehmend häufig über Glasfaserkabel, die auf dem Meeresgrund verlegt sind. Prinzipiell macht das die so wichtigen Infrastrukturen sogar sicherer, weil weniger angreifbar durch natürliche oder von Menschen verursachte Katastrophen. Die Glasfasertechnik ermöglicht zudem die Bündelung und Übertragung gigantischer Datenmengen. In der Praxis heißt das aber auch, dass immer größere Anteile der internationalen Kommunikation über eine sehr kleine Zahl von Verbindungstrassen geroutet werden.

Zurzeit sind rund 200 verschiedene Länder oder gar Kontinente verbindende Untersee-Kabel in Betrieb, von denen allerdings die größte Zahl noch aus konventionellen Kupferkabeln besteht. Dazu gehören die vergleichsweise kurzen Seekabel-Verbindungen von Deutschland mit Dänemark, Schweden oder Großbritannien, aber auch eine technologische Großtat wie "TAT-14".

Das Käbelchen, das Kontinente verbindet

Das "Trans Atlantic Telephonecable Number 14" verbindet seit Anfang 2001 Europa mit Nordamerika. 50 Telefonfirmen teilten sich die Gesamtkosten von 1,2 Milliarden Euro, um rund 15.000 Kilometer des nur fünf Zentimeter dicken Glasfaser-Bündels einen Meter tief im Meeresboden des Atlantiks zu versenken. Seitdem laufen über das dürre Käbelchen Datenpakete mit einem Maximaldurchsatz von 640 Gbit pro Sekunde.

Weltweit laufen derzeit solche Projekte, wie vor Jahren der US-Autor Neal Stephenson in seiner legendären Mega-Reportage "Mother Earth Mother Board" eindrucksvoll schilderte. In Planung ist noch eine Glasfaserverbindung "Trans-Pacific-Express" zwischen China und den USA. Bis dahin läuft der Datenstrom von Asien um die Welt effizienter entlang der südlichen Küsten nach Europa und von dort über den Atlantik: Die schnellsten Verbindungen um den Globus folgen einer relativ engen Trasse.

Die verläuft in weiten Strecken durch Gebiete, die zu den tektonisch aktivsten Gebieten der Erde zählen. Mittendrin liegt Taiwan, wo nun einmal mehr die Erde - und der Seeboden - bebte. Mindestens sechs Kabel wurden dabei verletzt, und prompt krachte die Datenkommunikation in weiten Teilen Asiens in sich zusammen. Betroffen waren internationale Telefonverbindungen wie auch der regionale Datenverkehr. Der dürfte mindestens zwei bis drei Wochen brauchen, wieder mit voller Geschwindigkeit zu laufen: Mehr als 120 Millionen Internetnutzer in China, Taiwan, Hongkong, Singapur, Südkorea, den Philippinen und Vietnam sind davon betroffen.

Telefonate zwischen Taiwan und den USA gingen auf 40 Prozent zurück, nach China sogar auf 10 Prozent, nach Japan auf 11 Prozent. Internetanbieter aktivierten zwar Notsysteme und schalteten auf alternative Routen, doch konnte der Ausfall nicht aufgefangen werden. Die Antwortzeiten verdreifachten sich zum Teil, wenn überhaupt eine Verbindung hergestellt werden konnte. Ähnlich sah das bei den Internet-Infrastrukturen aus: In Hongkong fiel die Datenkapazität auf 50 Prozent des normalen Levels, in Vietnam standen nur noch 30 Prozent der Datenkapazität zur Verfügung.

Das Informations-Blackout versuchen die Telekommunikationsunternehmen in den verschiedenen Ländern nun durch Umleitung auf unverletzte Datenwege und alternative Routen zu beheben.

Im internationalen Datenverkehr ist eine dieser Alternativen natürlich der Satellit. In der Praxis jedoch ist er dem unterseeischen Datenkabel unterlegen: Das Kabel ist breitbandiger und letztlich billiger, obwohl seine Reparatur im Falle von Störfällen, wie sich nun wieder zeigt, einen erheblichen Aufwand erfordert.

Erd-, respektive Seebeben sind dabei das Worst-Case-Szenario der Meereskabel-Verleger. Denn eigentlich gelten Seekabel als hoch stabil und sicher. Allein die Glasfasertechnik wird in den nächsten Jahren wohl stetige erhöhte Wartungskosten verursachen: Teil des Preises für seine überlegene Leistungsfähigkeit ist die Notwendigkeit, die Lichtsignale in regelmäßigen Abständen immer wieder verstärken zu müssen (bei TAT-14 alle 50 bis 70 Kilometer). Die dafür notwendigen Relaisstationen (sogenannte Repeater) verlangsamen zum einen die Datenübertragung und stellen zum anderen eine potentille Störungsquelle dar. Bei der transatlantischen TAT-14-Anlage setzten die Konstrukteure auch darum auf eine Ringstruktur, die quasi eine doppelte Infrastruktur schafft mit zwei getrennten Kabeltrassen. Mehr als ein halber Blackout sollte da nicht mehr passieren.

In Asien allerdings hätte wohl auch das nichts genützt. Das Beben, das unterschiedlichen Angaben zufolge irgendwo zwischen 6,7 und 7,1 auf der Richterskala notierte, hat die Tiefseekabel augenscheinlich regelrecht zerfetzt. Reparatur- und Verlegeschiffe, melden die Agenturen, seien bereits ausgelaufen. Was dieser lapidare Satz vor Ort bedeutet, kann man bei Neal Stephenson nachlesen.

Zu einem ähnlichen Ausfall der Kommunikations-Infrastrukturen war es zuletzt im Februar 2001 gekommen. Damals fiel ebenfalls durch den Bruch eines Unterseekabels Shanghai für rund zwei Wochen in die digitale Steinzeit zurück. Kleinere Ausfälle, bei denen Teile der Dienste nicht mehr erreichbar sind, gehören dagegen zum Alltag der Telekommunikations-Ingenieure. Unter dem Strich erweist sich das unverletzliche Netz der Netze als ziemlich fragiles Gebilde.

mit Informationen von AP/dpa



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