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Audio-Blogs: Stimmen aus dem Web

Von Mario Gongolsky

Blogging verlängert die Tradition des Tagebuchschreibens ins Digitalzeitalter. Die Zahl solcher Webtagebücher steigt explosionsartig. Mitten im Boom ist der nächste Bang in der "Blogosphäre" schon ausgemacht: Das Blog lernt sprechen - und das ist längst nicht alles.

Uni Bremen: FZI-Projektseite des Matrix Public Net ("Freeporter")
Tom Nicolai

Uni Bremen: FZI-Projektseite des Matrix Public Net ("Freeporter")

Anfangs wurden Weblogs nur belächelt. Doch spätestens seit dem Golfkrieg müssen Medienmacher einräumen, dass Weblogs ein nicht zu unterschätzendes Potenzial zur Nachrichtenverbreitung und Meinungsbildung darstellen. Filterlos, ohne Berücksichtigung von Verlagsinteressen, vertreten ganz normale "Netzbürger" ihre Ansichten und machen somit aus "Jedermann" einen Sender, Chefredakteur und Meinungsführer. Auf dem Höhepunkt der Irak-Krise wurden von Augenzeugen verfasste Blogs zu einer echten Konkurrenz der etablierten Medien.

Keine Lust auf Revolution

Doch wie in der "echten" Medienwelt gibt es starke und schwache Sender. Die beschworene Chancengleichheit im Internet bleibt letztlich Illusion: Auch im Irak-Krieg waren die reichweitenstärksten Blogs diejenigen der Nachrichtenkorrespondenten an Ort und Stelle.

Doch die Sehnsucht der Websurfer nach alternativen und unabhängigen Nachrichtenquellen ist Realität. In den USA vermeldet Blogger.com, eine Großcommunity, die gerade von Google aufgekauft wurde, immerhin 500.000 Benutzer. In Deutschland führen Kantel.de oder Bloghaus.de viele individuelle Blogs zueinander. Die Online-Ausgabe des Stern kultivierte mit shortnews.de die kurzen, auf andere Quellen verweisenden Blogs zur gewaltigen Presseschau.

Den echten Bloggern ist das alles völlig egal. Sie sehen sich nicht als Medienrevolutionäre, und der Hype der Massen, ein Weblog führen zu wollen, um die Welt wissen zu lassen, dass man heute Abend seine Lieblingsbackofenpizza essen wird, ist ihnen ein wahrer Gräuel.

Die Inflation auch banaler Blogs kann kaum verwundern. Softwareangebote wie Manila, Radio oder Sunlog realisieren das eigene Weblog im Handumdrehen, auch ohne HTML-Kenntnisse: Ein Offline-Editor, eine Internet-Einwahl und schon ist die Seite online. Doch es gibt ambitionierte Kräfte in der Blogger-Szene, die im Medium Weblog mehr sehen als nur als die Neuauflage der allseits beliebten "Homepage". Während die Medienwelt noch über das "neue Phänomen" philosophiert, entwickeln sich Technik wie Szene längst weiter.

Bei Anruf: Blog!

In den USA lernt die Bloggerszene inzwischen sprechen. Der entscheidende Impuls hin zum sprechenden Weblog kommt aus der W3C-Standardisierung von Voice-XML, vorangetrieben durch so große Namen wie AT&T, IBM, Lucent und Motorola. Die Technik sollte eigentlich dazu dienen, sprachgesteuerte Telefondienste zu verbessern.

Die Tinte der W3C-Empfehlung ist noch nicht ganz trocken, da drängen schon schlüsselfertige Weblog-Lösungen von Bevoice, Tellme, Audblog oder Open-Source-Projekte wie Phoneblogger in den Markt. Mit solchen Lösungen kann man per Mobiltelefon sein Weblog live von der Cocktailparty aus updaten. Ein Anruf, schon steht eine synthetische "Sprach-SMS" im MP3-Format auf dem eigenen Weblog zur Verfügung. Das ist schick - und hat das Potenzial, weit mehr zu werden als nur ein Gimmick.

Dank P2P zum Radio-Star?

Die Universität in Bremen ist auf einem Weg, der weit darüber hinaus geht, Audio-Botschaften auf eine Webseite zu werfen. Dort beschäftigt man sich mit einem Audiolog-System namens "Freeporter", dessen Architektur und Leistungsfähigkeit vielleicht die Zukunft gehört. Das Technik-Zentrum Informatik (TZI) vermengt mit ihrem noch in der Entwicklung befindlichen "Matrix Public Net" Weblog, Audiolog und Peer-to-Peer-Technik zu einem neuen Ganzen.

Tom Nicolai vom TZI erklärt: "Der Freeporter ermöglicht es jedem Menschen, ein freier Berichterstatter zu sein. Er unterstützt das spontane Erstellen multimedialer Berichte mit mobilen Endgeräten vor Ort und erlaubt das Publizieren aktueller Informationen über einen innovativen Verteilmechanismus, dem Matrix Public Net. Dieser Mechanismus erlaubt es, eine breite, nicht vorab definierte Menge von Empfängern zu erreichen. Revolutionär ist auch, dass Berichte unterschiedlicher Freeporter bei den Empfängern zu persönlichen Nachrichtensendungen und Features zusammengefasst werden können, die automatisch in die gerade gehörte Musik eingeblendet werden; genau so wie es bei normalen Radionachrichten ist."

Nachrichten will man vertrauen können

Das System wird weitere nennenswerte Eigenschaften haben, wenn es darum geht, einen "Freeporter" zu finden, der nicht nur spannende Berichte liefert, sondern auch als seriöse Nachrichtenquelle gilt: "Die technischen Verbindungen in dem Netzwerk entsprechen tatsächlichen Bekanntheits- und Vertrauensverhältnissen zwischen den beteiligten Personen", beschreibt Nicolai. Jeder Empfänger könne die Verlässlichkeit der Quelle bewerten, bevor eine Meldung vom Rechner des Hörers aus wieder zur Verfügung gestellt wird. Die Client-Software erlaube zudem eine Filterung der Inhalte nach Sprache, Standort und Themenbereich, damit Sender und Empfänger passend zueinander finden können. Das Netz von Rechnern, die Audiologs beherbergen, ist dabei dezentral organisiert, so wie man es von Musiktauschbörsen her kennt.

An die Mikrofone, fertig, online!

Bei diesen Aussichten wird so manchem, bislang vom Bloggen unbehelligten Radiomacher, vor Schreck der Keks in den Kaffee fallen, doch auch Radioprofis werden von dieser Technik mittelfristig profitieren: Die Gruppenarbeit von Hörfunkjournalisten wird ebenso möglich sein, wie mobile, personalisierte, radioartige Infodienste: Gut möglich, dass Audioblogger bei der nächsten großen Krise den AV-Medien "O-Töne" liefern, wie es Blogger im Irakkrieg für Print- und Onlinemedien taten.

Um allerdings die viel diskutierten Weblogs dauerhaft zu einem Baustein der Online-Informationskultur werden zu lassen, muss der Zugriff auf alternative Nachrichtenquellen einfacher werden. Die Idee aus Bremen ist hierzu ein wertvoller Beitrag. Mehr noch: Es gewährt jedem Sender mehr Chancengleichheit und schafft vielleicht etwas, wovon das WWW bislang immer nur geträumt hat.

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