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Aufgehübschter PC: PIM(p) my Desktop

Von Christian Ströh

Wenn man seinen Windows-Taschenrechner so ansieht, könnte man meinen, seit Borlands "Sidekick" (1984) hätte sich auf dem Sektor der netten kleinen PC-Helferlein nicht viel getan. Weit gefehlt: Mit "Widgets" sieht der Desktop ruckzuck aus wie eine Kirmesbude.

Zeig' mir Deinen Monitor und ich sag Dir, wer Du bist:

Typ 1: Verteilt Icons wahllos auf dem Desktop, lässt nur in der Mitte des 21-Zoll-Monitors einen maximal bierdeckelgroßen Fleck frei. Wer diesen Tunnelblick täglich acht Stunden erträgt, ist entweder genial oder wahnsinnig.
Typ 2: Nur eine handvoll Symbole. Zumeist die, die man nicht so ohne weiteres löschen kann. Lustlos leuchtet der Schirm im werksseitig voreingestellten Blau. Vielleicht eine Spaßbremse mit Waschzwang. Vielleicht aber auch nur gut organisiert.

"Kapsules"-Desktop: Bunt und funktional

"Kapsules"-Desktop: Bunt und funktional

Nun gesellt sich seit einigen Jahren ein neuer Typus zu dieser Standard-Büro-Besatzung. Da weiß man auf den ersten Blick gar nicht, vor was für einem Rechner man steht, denn Typ 3 betreibt "Desktop-Modding". Sein Privat-PC hat Wasserkühlung und ein Plexiglasgehäuse. Und da der Winkelschleifer im Büro nicht so gut ankam, modifiziert er nun wenigstens "sein" Betriebssystem bis zur Unkenntlichkeit.

Das optische Tuning beschränkte sich lange Zeit auf Icons, Farbgebung und Hintergrundbilder. Doch seit einiger Zeit gibt es ein neues Spielzeug und das ist auch noch, man mag es kaum glauben, nützlich.

"Widget" heißt es, ein Begriff, der sich aus "Windows" und "Gadgets" zusammensetzt. Wobei nicht das Microsofts OS gemeint ist, sondern das "X Windows System" der Unix-Welt. Und "Gadgets" steht für mehr oder weniger überflüssiges technische Hilfsmittel, Spielereien, Schnickschnack.

Widgets sind die Nachfahren von Programmen, die früher TSRs ("Terminate and Stay Resident") hießen, später zu PIMs ("Personal Information Manager") wurden und auf dem Ur-Mac Anfang der 80er Jahre "Desk Accessories" hießen. Allen gemein: Die Hilfsprogramme konnten neben dem eigentlichen Anwendungsprogramm jederzeit aufgerufen werden - was damals gar nicht so einfach war. Für das berühmte Macintosh Puzzle (siehe Bild) standen Andy Hertzfeld beispielsweise 600 Byte zur Verfügung.

Legendär: Das Mac-Puzzle

Legendär: Das Mac-Puzzle

Das gestaltet sich heute natürlich etwas anders, und so gehen auch die Widgets ein ordentliches Stück weiter. Auch sie sollen nur als kleine Helferlein fungieren und verhindern, dass man für die Berechnung der Mehrwertsteuer oder das Verfassen des Einkaufszettels sein Office-Paket startet.

Doch im Unterschied zu ihren Vorgängern sehen sie super aus, halten bei Bedarf Kontakt zum Internet und können vergleichsweise leicht selbst erstellt werden: Die Widgets der Neuzeit basieren auf Script-Sprachen und ein paar Grafikdateien. Wer also eine vernünftige Homepage entwickeln kann, dürfte mit der Produktion von Widgets keinerlei Probleme haben.

Apple: Nase vorn

Damit man Widgets nutzen kann, benötigt man allerdings eine so genannte Engine. Im Mac OS "Tiger" heißt sie "Dashboard" und ist Teil des Betriebssystems. Auch Microsoft will im XP-Nachfolger "Longhorn" etwas Ähnliches integrieren.

Bis dahin kann man sich als Windows-User aber mit Free- und Shareware behelfen: Mit "Konfabulator" zum Beispiel. Der Software wird nachgesagt, dass sie Apple als Vorlage für das "Dashboard" diente, was zu Unmut in der Entwicklergemeinde führte.

Die beiden Programme sehen sich auf den ersten Blick tatsächlich sehr ähnlich. Und Apple hätte schon aus Imagegründen gut daran getan, die beiden Entwickler in irgendeiner Form ins Boot zu holen. Doch ein genauerer Blick offenbart: Die Apple-Version hat gravierende Vorteile.

Gähnend langweilig: ordinärer Windows-Desktop

Gähnend langweilig: ordinärer Windows-Desktop

Unter anderem greift Dashboard auf "WebCore" und "Web Kit" zurück, seit OS 10.3 feste Bestandteile des Betriebsystems und Motoren des Safari-Browsers. Und so können auch alle Register gezogen werden: HTML, XML, JavaScript, Flash, QuickTime, Java - alles kein Problem. Zusätzlich kann "Cocoa" eingesetzt werden - Apples objektorientierte API (Schnittstelle zur Anwendungsprogrammierung).

Kurzum: Dashboard ist ein geschmeidiger Teil des Mac OS X, somit leistungsfähiger und deutlich sparsamer im Unterhalt: Manches Konfabulator-Widget, im Download noch zwischen ein- bis vierhundert Kilobyte klein, verbraucht hingegen gerne mal sechs Megabyte Hauptspeicher.

Haufenweise Tuning-Werkzeuge

Windows-Anwendern kann das natürlich egal sein. Warten auf Longhorn hat Tradition, Speicherfresser sind nichts Ungewöhnliches. Und Alternativen zum Konfabulator gibt es ja auch. "DesktopX" gehört ebenfalls zu den Widget-Pionieren; "DotWidgets", "Kapsules", "Samurize" oder "Desktop Sidebar" haben alle ihre Vor- und Nachteile, sind aber sämtlich garantiert schön bunt.

Schicker: Aufgepeppeter Desktop

Schicker: Aufgepeppeter Desktop

Doch diese Widgets können mehr als analoge Uhren, Taschenrechner im "Aqua"-Look und transparente Kalender darzustellen. Sie sind im Grunde die Renaissance der Push Dienste: Statt nach immer wieder benötigten Infos im Web zu suchen, werden sie frei Haus - und ohne Browser - geliefert. Als US-Bürger kann man sich zum Beispiel stets den günstigsten Benzinpreis der Umgebung (inklusive einer Anfahrtsskizze von "Google Maps") anzeigen lassen.

Hierzulande geht das noch nicht, aber RSS-Newsfeeds lassen sich schnell an eigene Quellen anpassen. Faszinierend, was da möglich wäre: Auf einen Blick die aktuellsten Call-by-Call-Tarife, Stauwarnungen, Zug-Verspätungen, Fußballergebnisse oder Lastminute-Angebote.

Und wenn man sich nach der ersten Euphorie und dem Herunterladen Dutzender Widgets langsam wieder beruhigt hat, kann man ja mal anfangen, über einen sinnvollen Einsatz nachzudenken. Und sich etwas intensiver mit JavaScript beschäftigen. Denn eines ist klar: Noch nie war es einfacher, sich das Web zunutze zu machen.

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