Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Aufmerksamkeits-Kurven: Die Hype-Zyklen neuer Technologien

Von Gregor Honsel

Was ist dran an einer neuen Technologie? Wird sie wirklich die Welt verändern, und wenn ja, wann? Eine IT-Beraterin hat versucht, diese Fragen in einem Schaubild zu beantworten – und so ein neues Standardwerkzeug geschaffen.

Neue Technologien haben es schwer: Kaum dringt die Kunde von ersten erfolgreichen Laborversuchen an die Öffentlichkeit, wollen Medien und Investoren fertige Produkte sehen. Sind dann endlich die ersten Anwendungen auf dem Markt, mäkeln alle über Kinderkrankheiten und hohe Preise. Werden die ersten Misserfolge und Pleiten bekannt, bricht zuerst Häme und dann Schweigen über die in Ungnade gefallene Technologie herein.

Hype-Kurve: Zum Betrachten bitte anklicken
Technology Review

Hype-Kurve: Zum Betrachten bitte anklicken

Versuchen die Anbieter dann, die Aufmerksamkeit auf die mittlerweile leidlich funktionierende zweite Generation zu lenken, heißt es: "Das hat doch schon vor zwei Jahren nicht richtig geklappt." Und läuft schließlich alles rund, stimmen die Preise und der Service, ist auch wieder niemand zufrieden: "Wir hätten schon vor zwei Jahren einsteigen müssen. Jetzt lohnt es sich nicht mehr."

Kann man bei der Entwicklung, der Vermarktung und der Investition in neue Technologie überhaupt etwas richtig machen? Die US-Unternehmensberatung Gartner Group behauptet: ja. Seit mittlerweile elf Jahren ordnet sie Technologien fein säuberlich entlang einer Kurve ein, die auf ihrer x-Achse die öffentliche Aufmerksamkeit und auf ihrer y-Achse die Zeit beschreibt. Mittlerweile gibt es solche "Hype Cycles" zu 70 Themen – von Application Development bis XML. Sie werden nicht von einem eigenen Autorenteam verfasst, sondern von den jeweiligen Experten, die diese Bereiche betreuen.

Erfinderin des in Tech-Kreisen wohlbekannten Werkzeugs ist die weit weniger bekannte Gartner-Beraterin Jackie Fenn, heute Vizepräsidentin der Gartner-Forschung. "Mir war schon seit längerem aufgefallen, dass aufkommende Technologien sich nach immer demselben Muster verbreiten. Das habe ich dann in meinem ersten Jahr bei Gartner in einer normalen Research Note formuliert", erinnert sie sich. "Ich hatte gar nicht vor, das weiter zu verfolgen. Doch im nächsten Jahr fragten mich ein paar Kunden, ob wir den Hype Cycle nicht aktualisieren wollten. Andere Analysten und Kunden fingen ebenfalls an, ihre Technologien auf dem Cycle einzuordnen. Also haben wir das Modell Jahr für Jahr mit neuen Technologien bevölkert", sagt die studierte Computerlinguistin, die zuvor zwölf Jahre als Beraterin mit Schwerpunkt künstliche Intelligenz beim IT-Dienstleister Logica gearbeitet hatte.

Zum Erfolg beigetragen haben sicherlich auch die griffigen Namen, die sich Fenn für die Phasen ausgedacht hat, die Technologien auf ihrer Reise Richtung Marktreife durchlaufen müssen: über den "Gipfel der überzogenen Erwartungen" geht es abwärts in das "Tal der Enttäuschungen", bis sich eine Technologie wieder über den "Pfad der Erleuchtung" zum "Plateau der Produktivität" hinaufackern muss.

Fenn liefert auch gleich ein Rezept mit, was diese Einordnung für konkrete Investitionsentscheidungen bedeutet: Unternehmen, die darauf setzen, stets einen technologischen Vorsprung zu halten, sollten sich schon kurz nach dem technischen Startschuss mit für sie geeigneten Anwendungen befassen. Allerdings sollten sie auch ein starkes Rückgrat haben, um Enttäuschungen und Rückschläge durchstehen zu können. Während des Pfads der Erleuchtung, bei dem die meisten Firmen gerade anfangen, über den Einsatz einer Technologie nachzudenken, sollten die Vorreiter schon einen laufenden Regelbetrieb haben. Weniger risikoorientierten Unternehmen empfiehlt Fenn, nicht zu schnell auf Neues zu reagieren und die Erfolge der Konkurrenten im Auge zu behalten.

Generell gilt die Faustregel: Je weniger eine Technologie zum Kernbereich eines Unternehmens gehört, desto mehr Zeit kann es sich mit dem Einstieg lassen. Unternehmen bräuchten sich also nur in dieser Typisierung wiederzufinden, schauen, in welchem Stadium sich eine Technologie befindet, und dann investieren oder auch nicht. Doch so einfach macht es Gartner weder sich noch seinen Kunden.

Denn in den elf Jahren seit Erfindung des Hype Cycle kamen neue Dimensionen hinzu: Nicht jede Technologie ist gleich wichtig, und nicht jede durchläuft den Zyklus gleich schnell. Diese beiden Informationen ergänzt Gartner mittlerweile in einer eigenen Matrix. Hinzu kommen Sonderfälle: Technologien, die obsolet werden, bevor sie das Plateau der Produktivität erreichen; die bestimmte Phasen wieder und wieder durchlaufen ("Zombies"); die Phasen überspringen, sich aufspalten oder miteinander verschmelzen.

Die Verlässlichkeit dieser Einschätzungen ist, wie jede Zukunftsprognose, unterschiedlich: Sie liefern keine festen Größen, sondern lediglich allgemein gehaltene Kriterien, die die einzelnen Dimensionen und Phasen beschreiben. So definiert Fenn etwa den Übergang zum Pfad der Erleuchtung dadurch, dass "ein ganzes Ökosystem mit Standards, Dienstleistern und kompletten Lösungen entsteht". Insgesamt aber beruhe die Einordnung auf den Einschätzungen der jeweiligen Autoren und sei "recht subjektiv", wie Fenn zugibt.

Der größte Moment des Hype Cycle war es, im November 1999 das Ende des Dotcom-Booms für das nächste halbe Jahr vorhergesagt zu haben. Doch auf diesen Volltreffer kommen im Rückblick auch einige Luftschüsse: Beim ersten Hype Cycle, den Fenn im Januar 1995 vorstellte, war unter anderem die drahtlose Kommunikation auf dem Weg zum Gipfel, während sich der "Information Superhighway" (heute gemeinhin als Internet bezeichnet) bereits auf dem absteigenden Ast befand.

Im ersten Fall lag Fenn richtig, im zweiten grob daneben. Im Rückblick findet Fenn ihre frühen Vorhersagen jedoch eher zu optimistisch: "Wir haben am Anfang oft den Aufwand unterschätzt, den es zur Realisierung einer Erfindung braucht."

Wenn der Hype Cycle also als Instrument zur Vorhersage nur bedingt taugt, wozu dann? Als "gute erste Orientierung bei der praktischen Arbeit" bezeichnet ihn Ralph Nelius, Berater bei der Management- und Strategieberatung Arthur D. Little: "Die Idee ist nicht schlecht, und die Einteilung der Phasen passt meistens ganz gut. Wenn es den Hype Cycle nicht gäbe, würde ihn bestimmt jemand bald erfinden." Allerdings seien die Einschätzungen "ein bisschen amerikalastig". Deshalb sei es wichtig, regionale Besonderheiten zu beachten. Und auch wenn es um detailliertere Strategieplanung gehe, sei der Hype Cycle kein Ersatz für eigene Marktforschung und Erfahrung.

Fenn selbst will den Hype Cycle als Warnung verstanden wissen, es sich nicht zu einfach zu machen. "Nehmen Sie sich vor dem Rauschfilter in Acht", sagt sie. "Diesen Filter legen sich viele zu, um der Informationsflut Herr zu werden. Dabei blenden sie alles aus, was unterhalb einer gewissen öffentlichen Aufmerksamkeit liegt. Deshalb nehmen sie nur wahr, was sich gerade auf dem Gipfel des Hypes oder auf dem Plateau der Produktivität befindet. So riskieren sie, entweder zu früh oder zu spät einzusteigen."

So liegt der eigentliche Wert des Hype Cycle darin, etwas Gelassenheit in das kurzatmige Hightech-Geschäft zu bringen: Ein Hype ist weder gut noch böse, sondern eine normale Phase, durch die jede neue Technologie muss – ebenso wie das Tal der Tränen. Denn ironischerweise entfaltet sich das Potenzial einer Innovation oft erst dann, wenn ihr Ruf durch den Hype und den anschließenden Absturz schon leicht ramponiert ist. "Mach nicht mit, nur weil es in ist. Verpasse es nicht, nur weil es out ist", fasst Jackie Fenn die Botschaft ihrer Fieberkurve der Aufmerksamkeit zusammen.

Technology Review , Heise Zeitschriften Verlag, Hannover

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: