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Betriebssystem-Opa: 40 Jahre Unix

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Es waren vier Wochen, die die Hightech-Welt veränderten: Während die Kollegen im Sommer 1969 am Strand lagen oder über Berge kletterten, entwickelten zwei Programmierer ein revolutionäres Betriebssystem - Unix. Ihre Triebfeder war - wie könnte es anders sein? - ein Computerspiel.

Was war das für ein Urlaub? Wochenlang vor dem Rechner zu sitzen und zu programmieren, was das Zeug hält? Diesen Nerd-Traum erfüllte sich Programmierer Kenneth Thompson 1969, wenige Wochen nach der ersten Mondlandung, als sich seine Frau samt Sohn für einen Monat in die Ferien verabschiedete. Während seine Familie die Sommerfreuden genoss, ging Thompson in Klausur: Statt am Strand verbrachte er den gesamten August vor dem Bildschirm - und das war gut so.

Denn was Thompson damals nicht wissen konnte: Er war gerade dabei, eine Software zu entwickeln, die noch heute, 40 Jahre später, aus der Computertechnik nicht mehr wegzudenken ist, die einen der Grundpfeiler des Internet bildet - Unix.

Dass Thompson die Sommerzeit damit zubrachte, ein neues Betriebssystem zu entwickeln, ist zumindest teilweise seinem Arbeitgeber, den berühmten Bell Laboratories, zuzuschreiben. Das Unternehmen hatte kurz zuvor die Entwicklung des Multics (Multiplexed Information and Computing Service) aufgegeben. Multics sollte eigentlich ein bahnbrechendes Mehrbenutzer-Betriebssystems werden, scheiterte aber an seiner eigenen Komplexität, lief selbst auf den schnellsten damals verfügbaren Computern nur behäbig.

Dabei war der Bedarf für ein Betriebssystem wie Multics eminent. Ende der sechziger Jahre waren Computer riesige und sündhaft teure Maschinen, an Schreibtischcomputer, womöglich gar PCs, die ihre Leistung einer einzigen Person zur Verfügung stellen, war nicht einmal im Traum zu denken. Ein System musste also her, das die Ressourcen eines Computers mehreren Anwendern gleichzeitig zur Verfügung stellt, ihnen ermöglicht, Daten gemeinsam zu bearbeiten. Doch daraus wurde nun nichts. Ein Ersatz musste her, und das möglichst schnell.

Weltraum-Motivation

Diese Aufgabe machten sich nach dem Ende von Multics Kenneth Thompson und Dennis Ritchie zu eigen. Dabei war die eigentliche Motivation für ihre Innovation ein Spiel. Auf einer frühen Version von Multics hatten die beiden Programmierer das Weltraumspiel "Space Travel" programmiert. Offensichtlich hatten beide reichlich Spaß daran, per Computer zwischen virtuellen Welten herumzureisen. Allerdings überstiegen ihre Reisekosten offenbar das ihnen zugestandene Budget. Rechenzeit auf dem von ihnen für "Space Travel" benutzten 36-Bit Großrechner war teuer, kostete rund 75 Dollar pro Stunde. Geld, das man in den Bell Laboratories lieber für sinnvollere Dinge als Weltraumspiele ausgeben wollte.

Doch davon ließen sich die beiden Spielernaturen nicht bremsen, schafften es, eine weitgehend ungenutzte DEC PDP-7 aufzutreiben, auf der "Space Travel" laufen könnte. Dieser Rechner, immerhin so groß wie ein üppiger Kleiderschrank, war für damalige Verhältnisse klein und gehörte nicht gerade zur Computer-Oberklasse, aber Thompson und Ritchie konnten ihn ungestört für ihre Zwecke nutzen.

Nicht einmal, dass sich der damals rund 70.000 Dollar teure Computer nur mittels Lochkarten programmieren ließ und ihm eine Entwicklersoftware fehlte, stellte für die beiden ein Hindernis dar. Statt den üblichen Weg zu gehen und "Space Travel" auf einem anderen Rechner so umzubauen, dass es auf der PDP-7 läuft, entwickelten sie ein eigenes minimalistisches Betriebssystem für den Miniatur-Großrechner, das gerade genug Funktionen enthielt, um das Weltraum-Spiel laufen zu lassen. Unix war geboren.

Anfang als Textverarbeitung

Als Thompson und Ritchie ihr System schließlich auf einen schnelleren PDP-11-Rechner portieren durften, belegte es dort nur bescheidene 16 Kilobyte Arbeitsspeicher - und musste sich sogleich im harten Alltagseinsatz bewähren: In der Patentabteilung der Bell Laboratories diente es zunächst als Textverarbeitungssystem. Die Erfahrungen aus dem Live-Einsatz nutzten die Entwickler, um die Software weiter zu verbessern, zusätzliche Programme zu schreiben. Im November 1971 schließlich wurde das Unix Time-Sharing System First Edition für fertig erklärt.

Die Entwicklung aber ging weiter. Eine der wichtigsten Innovationen, die sich auf dem Weg zu neuen Unix-Versionen ergaben, war die Programmiersprache C. Sie wurde quasi nebenher entwickelt, hat sich inklusive moderner Varianten wie C++ zu einer der bis heute wichtigsten Programmiersprachen gemausert. Erst nachdem Unix an C angepasst war, wurde es für die Öffentlichkeit freigegeben - und war sofort ein Erfolg.

Aus der aus den Anfangstagen übernommenen Beschränkung auf das Wesentliche resultierte einer der wichtigsten Vorzüge von Unix: Das System stellte nur geringe Ansprüche an die Hardware. In einem Aufsatz für eine Fachzeitschrift schrieben die Entwickler später, sie würde sich wünschen, dass "Unix-Anwender die Einfachheit, Eleganz und die leichte Bedienbarkeit als wichtigste Kernpunkte des Systems" anerkennen würden.

Begeisterung bei den Unis

Und genau das taten sie. Die Möglichkeit, Unix auf billiger Hardware betreiben zu können, war einer der Gründe, weshalb sich das System vor allem an Universitäten schnell verbreitete. Die Tatsache, dass die Software zudem kostenlos weitergegeben wurde, steigerte die Attraktivität zusätzlich. Weil auch der Unix-Quellcode kostenlos verteilt wurde, machten sich Programmierer sofort daran, das System um Funktionen zu erweitern die sie selbst für wichtig hielten und im Original vermissten.

Eine der wohl wichtigsten Unix-Varianten, die so entstanden, war die Mitte der Siebziger an der Berkeley University entwickelte Berkeley Software Distribution, das sogenannte BSD-Unix. Eine der wichtigsten Neuerungen, die mit BSD in Unix Einzug hielten, war das Netzwerkprotokoll TCP/IP, jener Standard, der dem Internet zugrunde liegt.

Erweiterungen wie diese, gepaart mit der Offenheit und gleichzeitig Anspruchslosigkeit des Systems, haben dazu geführt, dass Unix (samt seiner später entstandenen Linux-Ableger) schnell zum Kern, ja zur Grundlage des Internet wurde. So ebnete etwa die Unix-Software BIND (Berkeley Internet Name Domain) dem sogenannten Domain Name System (DNS) den Weg. Heute ist BIND auf Hunderttausenden Servern installiert und sorgt dafür, dass Domain-Namen wie www.spiegel.de korrekt in die entsprechenden IP-Adressen des Internet (195.71.11.67) übersetzt werden.

Späte Ehrung

Und selbst heute, 40 Jahre, nachdem Kenneth Thompson seinen Sommer der Entwicklung eines möglichst simplen Multiuser-Betriebssystems opferte, ist Unix mit all seinen Abkömmlingen aus der Hightech-Welt nicht wegzudenken. Als kostenloses Linux dient es in etlichen Varianten als PC-Betriebsystem, Apple hat sein Mac OS X um einen letztlich auf Unix basierenden Kern herum entwickelt. Etliche MP3-Player und Handys machen sich die Unix-Prinzipien zunutze, um möglichst viel Leistung aus ihren kleinen Chips zu holen. Und selbst etliche DVD-Player, Fernseher und andere Unterhaltungselektronik basiert bis heute auf Grundlagen, die mit Unix geschaffen wurden.

Und auch den Unix-Erfindern wurde schließlich später Ruhm zuteil. 1999 überreichte der damalige US-Präsident Bill Clinton den beiden die amerikanische National Medal of Technology, die höchste US-Auszeichnung für Entwicklungen auf technischem Gebiet.

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Bärtige Männer entwickeln bäriges Betriebssystem: Ken Thompson und Dennis Ritchie, in einem Unix-Werbefilm aus den siebziger Jahren
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