Betriebssysteme Microsoft kriegt XP nicht tot

Windows XP gibt es seit heute nicht mehr - jedenfalls fast. Microsoft sähe das Betriebssystem gern einen schnellen Tod sterben, um endlich den Nachfolger Vista in Massen loszuwerden - die Kunden aber sträuben sich. Diverse Hersteller wollen sogar auf Umwegen weiter XP anbieten.


Für einen Softwarehersteller ist es eine paradoxe Situation: Man hat ein Produkt durch ein der eigenen Meinung zufolge besseres ersetzt - aber die Kunden sind stur und wollen lieber das alte behalten. Oder sogar das alte neu kaufen, auf neuen Rechnern. Der verstolperte Abschied von Windows XP zeigt vor allem eines: Wie wenig Microsoft es geschafft hat, Kunden und PC-Hersteller vom Nachfolgersystem Vista zu überzeugen.

Bill Gates beim XP-Launch im Jahr 2001: "Das beste Betriebssystem, das Microsoft je produziert hat"
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Bill Gates beim XP-Launch im Jahr 2001: "Das beste Betriebssystem, das Microsoft je produziert hat"

Eigentlich sollte die Sache so laufen: Ab heute gibt es keine XP-Packungen mehr für die Händler. Die Restbestände an Software und Rechnern, auf denen noch XP vorinstalliert ist, soll der Handel nach und nach abverkaufen, und dann ist Schluss. Nur noch Vista will Microsoft auf neuen Rechnern sehen.

Doch das Volk murrt, und Vista findet wenig Freunde. Die "Rettet XP"-Petition der Fachzeitschrift "Infoworld" zum Beispiel haben über 210.000 Menschen unterschrieben - am Freitag ging ein Umschlag mit einem USB-Stick voller digitaler Signaturen an Microsoft-Chef Steve Ballmer. Der letzte Satz des Begleitbriefs von "Infoworld"-Chefredakteur Eric Knorr lautet: "Wir bitten Sie respektvoll, das beste Betriebssystem, das Microsoft je produziert hat, weiterhin anzubieten." Das muss wehtun. Bill Gates hatte sich seinen Abschied vom Tagesgeschäft bestimmt anders vorgestellt.

Aber nicht nur renitente Endkunden wollen von Vista nichts wissen - auch diverse Großunternehmen warten lieber auf die nächste Windows-Version "Windows 7", das es ab Januar 2010 geben soll, und bleiben bis dahin bei XP.

Eben hat Daimler klargemacht, man werde nicht zu Vista wechseln. General Motors und ausgerechnet der Microsoft-Partner Intel hatten schon vor einiger Zeit erklärt, man werde vorerst bei XP bleiben. Microsoft will bis Ende 2009 volle und bis Ende 2014 begrenzte technische Unterstützung für XP anbieten. Der Patch-Tuesday also, an dem es für Windows-Nutzer monatlich neue Sicherheits-Flicken gibt, wird vorerst auch für XP-Besitzer weiter eine Rolle spielen.

Verkehrte Markt-Welt: Vista kaufen - und "downgraden"

Und auch neue Rechner wird man dann am Ende doch weiterhin mit vorinstalliertem XP kaufen können - wenn auch teils auf merkwürdigen Umwegen. Die "Home Edition" bleibt als Betriebssystem für Mini-Laptops, sogenannte Netbooks, im Einsatz. Die Kleinstrechner wie Asus' EeePC oder die zahlreichen Epigonen kämen mit Vista aufgrund seines Ressourcenhungers kaum zurecht - gäbe es kein XP, wäre das gesamte Marktsegment auf Linux angewiesen, und das kann bei Microsoft niemand wollen.

Auch wer einen neuen Rechner mit etwas mehr Prozessorwucht kauft, wird aber auf absehbare Zeit die Option haben, mit XP zu arbeiten - Microsoft bietet nämlich an, zwar offiziell Vista auszuliefern, die Installation aber auf XP "downzugraden". Verschiedene Hersteller, darunter Hewlett Packard und Dell, haben bereits angekündigt, sie würden ihren Kunden das Downgraden bei Bedarf abnehmen - die bekämen dann auf Wunsch einen Rechner mit vorinstalliertem XP und beiliegender Vista-Lizenz.

cis



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insgesamt 109 Beiträge
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Perelly, 30.06.2008
1. Zurecht.
Kleinste Dinge, deren Handhabung man sich bei XP in langer Prsxis angeeignet hat, funktionieren nur kümmerlich unter Vista. So sehr wie über Vista habe ich selten Menschen vor ihren Rechnern fluchen hören. Und seien wir ehrlich, das Programm ist ein billiger Rip-off von diversen Mac-Gimmicks (die auch nur schön aussehen), der zur Freude der Hardware-Produzenten exorbitant viel Ressourcen verschwendet. Dass ausgrechnet Intel auf Vista verzichtet, ist wirklich zum schmunzeln. Das Gegenteil von gut gemacht ist nun mal gut gemeint.
Steffen Kahnt 30.06.2008
2. Thanks Bill
Zitat von sysopWindows XP gibt es seit heute nicht mehr - jedenfalls fast. Microsoft sähe das Betriebssystem gern einen schnellen Tod sterben, um endlich den Nachfolger Vista in Massen loszuwerden - die Kunden aber sträuben sich. Diverse Hersteller wollen sogar auf Umwegen weiter XP anbieten. http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,563003,00.html
XP läuft seit Jahren stabil, warum sollte ich das ändern. Danke Bill und schönen Vorruhestand !
Bartholomew 30.06.2008
3. Wo bleibt die "USP"?
Der Marketing-Fachmensch kennt ein Ding namens "USP", ausgesprochen "Unique Selling Proposition", zu Deutsch "Einzigartiges Verkaufsversprechen". Es sollte das Kriterium sein, wodurch sich sein Produkt von allen konkurrierenden Produkten abhebt (Qualität, Preis, Design, Sicherheit, Stabilität, Support, Kompatibilität usw.) Die USP von Vista hat sich mir - und scheinbar auch der Masse - nie erschlossen. Außer, daß ich nachher die ganze Peripherie neu kaufen muß, weil es keine Vista-Treiber für die älteren Geräte gibt, ändert sich nichts. Die optischen Gimmicks kann man für XP nachrüsten, bei Linux sind sie sowieso dabei (Compiz Fusion). Ich habe die Konsequenz gezogen und bin auf Linux umgestiegen. Kostet nichts, funktioniert zuverlässig und stabil, keine versteckten Phone-Home-Funktionen, praktisch keine Viren, sicher und ressourcenschonend, guter Support im Netz. Kann ich nur empfehlen.
Zuul, 30.06.2008
4. Die spinnen, die Programmierer
Vista war schon ein Schritt in die falsche Richtung: nicht Mensch steuert Maschine, sondern umgekehrt. Und so wird Microsoft weiter machen. In Zukunft müssen nicht mehr die Computer korrekt funktionieren, sondern die Anwender. Und wehe dem, der dann einen Laufzeitfehler nicht beliebig oft reproduzieren kann.
Dietmar R. Schneider, 30.06.2008
5. Vista ista Mista
Vista habe ich ausprobiert, bekam aber keinen Kontakt zu meinen anderen Rechnern im Netzwerk, auch keinen Kontakt zu meinem Netzwerkdrucker (trotz stundenlanger Bemühungen). Da bin ich wieder zurück zu XP (ich gebe zu, auf meinen Netzwerkrechnern läuft noch Win98 und Win2000). Aber warum dauernd updaten, wenn der alte Softschrott von Mickersaft Würg noch einigermassen funzt? Vista go home! XP forever!
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