Bill-Gates-Abschied: Der große Buhmann
Vom Start-up-Gründer zum Industrie-Tycoon: Die neunziger Jahre waren die große Zeit von Bill Gates. Mit Härte machte er Microsoft zu einer Marktmacht, die fast an ihren eigenen Methoden scheiterte. Im zweiten Teil des Bill-Gates-Rückblicks: die Wandlung vom Idol zum Feindbild.
Am 17. April 1987 verschickte Bill Gates eine kurze E-Mail an den allgemeinen Firmenverteiler. Der Mann hatte etwas zu bejubeln, "so zurückhaltend wir normalerweise sind, wenn es darum geht, uns selbst zu gratulieren oder unsere Fortschritte zu feiern". Der Anlass war ein besonderer, und er sollte sich nie wieder in der Firmengeschichte wiederholen: Microsoft hatte soeben das damals aktuell größte, führende, umsatzstärkste Software-Unternehmen der Welt überholt. Oder besser: es hatte diese Firma und alle anderen verdrängt - und zwar auf Dauer.
Denn auf dieser Pole-Position einer ganzen Branche steht Microsoft seitdem ununterbrochen - trotz Schwächephasen in den letzten Jahren bisher unangreifbar. Bald darauf begannen Microsofts Umsätze und Profite auch die von immer mehr Hardware-Firmen zu überholen. Der Schlüssel zu diesem Erfolg war Windows.
Erst mit dem GUI kam Otto Normalverbraucher zum PC
Die Umstellung von befehlszeilenorientierten Betriebssystemen wie MS-Dos auf grafische Benutzerführungen (GUI, "Grafic User Interface") wie bei Windows schaffte Microsoft eigentlich erst spät und weniger gut als andere: Apple hatte hier klar die Nase vorn. Tatsächlich verschob Microsoft wegen nach ersten Präsentationen 1983 laut gewordenen Plagiatsvorwürfen die Veröffentlichung von Windows 1.0 mehrere Male bis zum Jahr 1985, um die Optik eigenständiger zu gestalten. Der Vorwurf, Microsoft kupfere seine besten Ideen bei anderen ab, hängt dem Unternehmen seitdem an.
Niemand formulierte ihn ätzender als Larry Ellison, Chef von Oracle und in den Neunzigern Gates' großer Gegenspieler: "Bill geht hinaus und sucht systematisch nach guten Ideen, die man stehlen könnte. Das ist ein absolut verständliches Benehmen. Es hat ihn sehr erfolgreich gemacht. Aber dann beansprucht Bill nach und nach Anerkennung für die gestohlenen Ideen. Er beginnt wirklich zu glauben, dass diese Ideen tatsächlich seine eigenen waren. Er kann es nicht ertragen, sich selbst als Rockefeller zu sehen, er sieht sich selbst als Edison."
Starke Worte, geäußert auf dem Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die zahlreiche große IT-Firmen ab Mitte der neunziger Jahre mit Microsoft führten. Ihr Vorwurf: Gates arbeite mit unfairen Methoden, mache kleinere Firmen abhängig oder dränge sie aus dem Geschäft. Mit einem Wort: Monopolmissbrauch.
Abhängigkeit als Strategie
Der Vorwurf war nicht unberechtigt. Obwohl Windows zunächst alles andere als ein Erfolg war, setzte es sich fast zwangsläufig durch. Microsofts Software war nun einmal das, was auf fast allen Rechnern des sogenannten IBM- oder Industriestandards zu finden war: Der frühe IBM-Coup entwickelte sich zu einem Abo auf Erfolg. Zumindest in den ersten Jahren höchst wackeliger Windows-Software fuhr Microsoft also im Windschatten des Erfolges der großen Hardware-Firmen wie IBM, Commodore, Hewlett-Packard und anderer.
Das alles aber sollte sich nachhaltig und krass verändern. Beginnend mit Windows 3.0, spätestens aber ab Windows 95 begann Microsoft, der Hardware-Industrie die Marschrichtung vorzugeben. In Sachen Software zeigte Microsoft schon ab 1992 einen zunehmend aggressiveren Stil: Microsoft versuchte nun, seine eigenen Programme so zu konfigurieren und zu verkoppeln, dass die Nutzung von Konkurrenzprodukten, die nicht mit Microsoft kooperierten, erschwert oder sogar verhindert wurde.
So stellten Käufer der Windows-Version 3.11 überrascht fest, dass die Installation nicht gelang, wenn der Zielrechner statt unter MS-Dos unter einer alternativen Distribution wie DR-Dos lief. Proteste führten dazu, dass Microsoft die Praxis in diesem Fall schnell wieder einstellte. Die harten Bandagen packte Gates aber nicht wieder ein: Wer ab Mitte der neunziger Jahre noch Software in großem Maßstab verkaufen wollte, musste diese auf Windows zuschneiden. Wer keinen Zugang zu Microsofts APIs, den Entwicklerschnittstellen, über die man eine Software für ein Betriebssystem anpasst, bekam, war quasi automatisch aus dem Geschäft. Für Microsoft bedeutete das ein enormes Potential, den gesamten Markt in seinem Sinne zu lenken.
Erfolg macht erfolgreicher
Es entstand ein sich selbst verstärkender Effekt: Weil Windows immer größere Marktanteile eroberte, wuchs die Abhängigkeit kleinerer Software-Firmen. Weil immer mehr Software für die Windows-Plattform entwickelte wurde, stieg deren Marktanteil ständig. Weil sich Entwicklungen für kleinere Plattformen immer weniger lohnten, entstand immer mehr auf Windows zugeschnittene Software - und so weiter, bis Microsoft satt über 90 Prozent des weltweiten Betriebssystemmarktes beherrschte.
Bill Gates, der ewig jungenhafte Chef des Konzerns, hatte damit keinerlei Probleme - er war die treibende Kraft, der Mann mit den spitzen Ellenbogen. Sein Image veränderte sich rapide: Aus dem kecken Burschen, der einst IBM so gekonnt die eigenen Sargnägel verkauft hatte, wurde der reichste Mann der Welt - ein Tycoon, von immer mehr Konkurrenten wie Kooperationspartnern gefürchtet.
Aus Sicht der Konsumenten hatte das wachsende Monopol dabei durchaus Vorteile: Es gab Software in Hülle und Fülle, aber eine Art Standardplattform, die gewährleistete, dass man mit den meisten Rechnern umgehen konnte, wenn man nur einen kannte. Und wer lieber kopierte als zu kaufen, wurde auch bedient: Auch wenn Microsoft das nicht gern zugibt, waren es nicht zuletzt die Millionen von Raubkopien an Schulen und Unis, die Microsoft-Programme erst zum Standard machten. Microsoft selbst dokumentierte das mehrere Male durch Umtauschaktionen, mit denen das Unternehmen Raubkopienutzer ins Lager der legalen Nutzer holte.
Selbst viele seiner Gegner erkennen darin eine Leistung, die nicht nur die IT-Welt, sondern die gesamte Welt verändert hat. Marc Andreessen, Mosaic-Programmierer, Mitbegründer und Entwickler von Netscape, drückte das in einer Rede Anfang dieses Jahres so aus: "Bill Gates hat einen unglaublichen Beitrag geleistet. Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie diese Branche heute aussehen würde, wenn Microsoft nicht das Standardbetriebssystem eingeführt hätte. Ich glaube, diese Industrie wäre weit kleiner, wenn das nicht geschehen wäre."
Netscape: Der Beginn des Dotcom-Booms
Dabei gehörte Andreessen einst selbst zu denen, die Microsoft kleingemacht hatte, Mitte der neunziger Jahre. Für zwei, drei kurze Jahre war Andreessen der absolute Superstar der aufblühenden Web-Szene. Mit Netscape hatte er den ersten wirklich bequemen kommerziellen Browser vorgelegt (später sollte sich aus dem Netscape-Erbe Mozilla entwickeln). Microsoft hatte das Kommen des WWW schlicht verschlafen, während Netscape den Standard-Browser für die Welt vorlegte.
Dann aber biss Bill Gates zu - und wie üblich kräftig: In einer legendären E-Mail vom Mai 1995 schwor er die Belegschaft von Microsoft auf das Internet als Aufgabe "höchster Priorität" ein. Es war höchste Zeit: Netscape hatte in dem neuen, noch kleinen, aber rapide wachsenden Markt einen Marktanteil von satt 90 Prozent erreicht.
Im August 1995 brachten Andreessen und Jim Clark, Mitgründer und Hauptfinanzier der kleinen Firma, Netscape als erstes Web-Unternehmen überhaupt an die Börse. Der Aktienkurs schoss am ersten Handelstag von 28 auf 71 Dollar, pendelte sich später bei bis zu 75 Dollar - und die Legende vom WWW-Boom war geboren: Netscape war trotz minimaler Umsätze auf einen Börsenwert von 2,8 Milliarden Dollar taxiert worden.
- 1. Teil: Der große Buhmann
- 2. Teil: Der Browser War: Wie Gates Microsoft mit Härte groß machte - und fast zerstörte
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- Donnerstag, 26.06.2008 – 11:56 Uhr
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