Bittere Wahrheit Fernsehen ist tot

Auf immer mehr Wegen wird dem Zuschauer Fernsehen serviert: digital, terrestrisch, mobil und via DSL. Überall braucht man extra Empfangsgeräte - und muss häufig extra zahlen. Die jungen Zuschauer wandern ab ins Internet und zu Videospielen. Ein Abgesang aufs Fernsehen.

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Ich habe als Kind praktisch ohne Fernseher gelebt. Erst irgendwann Anfang der achtziger Jahre kauften meine Eltern einen Farbfernseher - ein sündhaft teures japanisches Modell für 6725 Ostmark. Damit konnte man damals in Leipzig fünf Programme sehen: DDR 1, DDR 2, ARD, ZDF und SFB.

Schon als noch niemand etwas von DVB-T, IP-TV oder HDTV ahnte, musste ich die Erfahrung machen, dass Fernsehen ganz schön kompliziert sein kann. Natürlich nicht das Zuschauen an sich, sondern die Technik dahinter.

Unser japanisches Sanyo-Modell zickte zwar nicht rum. Dafür aber der Farbfernseher von meinem Opa - ein Modell "Made in GDR". Die Ostglotze hatte die unangenehme Eigenart, nur die beiden DDR-Kanäle in Farbe darzustellen - Westprogramme gab's nur in Schwarzweiß. Sollten die DDR-Bürger etwa die bunte Welt des goldenen Westens nicht zu sehen bekommen? Hatte SED-Propaganda-Chef Kurt Hager an den Fernsehstandards gespielt? Oder gar Karl-Eduard von Schnitzler?

Vielleicht. Jedenfalls war die Farbsperre nicht sonderlich wirksam. Denn man konnte den Ostfernseher von einem Techniker westfarbtauglich machen lassen, was mein Opa auch bald tat. Er ließ sich ein sogenanntes PAL-Modul einbauen. Die DDR-Kanäle nutzten stattdessen den SECAM-Standard, dementsprechend waren viele DDR-Fernseher auch nur SECAM-tauglich.

Nur ganz moderne Geräte, etwa der japanische Fernseher meiner Eltern, verstanden beide Standards gleichermaßen. So einfach kann man Formatprobleme lösen. Wenn das doch immer ginge!

PAL oder IP-TV?

Das Problem mit PAL und SECAM wirkt aus heutiger Sicht geradezu banal. Damals war die Antenne der Hauptverbreitungsweg. Heutzutage überschlagen sich Anbieter mit immer neuen TV-Standards und -Verbreitungswegen. Man kann durchaus von einem TV-Chaos sprechen. DVB-T, DVB-S, DVB-H, DMB, IP-TV - für jede Gelegenheit gibt’s die passende Technik. Wobei auch immer schon der nächste Standard in den Startlöchern hockt.

Es ist absurd, auf wie vielen verschiedenen Wegen man fernsehen kann: zu Hause über Kabel analog und digital (DVB-C), mit einer Antenne und zugehörigem DVB-T-Receiver und zumindest in Hamburg über das DSL-Kabel beim Anbieter Alice (IP-TV). Nicht zu vergessen natürlich der Empfang via Satellit: entweder analog oder digital (DVB-S). Das sind zusammengenommen genau sechs verschiedene Techniken. Um alle nutzen zu können, braucht man fünf verschiedene Set-Top-Boxen (DVB-S/T/C, IP-TV, Sat analog) - ein analoger Kabeltuner ist zum Glück bei Fernsehern Standard.

Damit nicht genug: Wer auch noch hochauflösende Programme sehen will, etwa Premiere HD oder einzelne Sendungen von ProSieben und Sat.1, hat schon Box Nummer sechs im Schrank stehen. Bundesliga-Fans ordern noch einen Arena-Receiver. Sieben Fernbedienungen für sieben Settop-Boxen und dazu noch eine für den Fernseher - was tut man nicht alles für die allumfassende TV-Berieselung.

Immer mehr für immer weniger

Diesen von Dutzenden Kabeln zusammengehaltenen Boxenhaufen kann man natürlich unmöglich mit sich rumschleppen. Für unterwegs gibt’s wieder andere Techniken - die Ingenieure sind da sehr findig. DVB-T klappt immerhin auch außerhalb des Hauses, Empfänger im Format einer tragbaren Spielkonsole kosten ein paar hundert Euro und haben neuerdings sogar Festplatten zum Aufnehmen an Bord. Fürs Handy gibt’s zwei spezielle Standards zur Auswahl: DVB-H (wird von Mobilfunkern präferiert) oder DMB (gibt’s schon als Angebot von Debitel). Und für Freunde pixeliger Artefakte zusätzlich UMTS-Fernsehen.

Ich weiß aber nicht, ob man wirklich von paradiesischen Zuständen sprechen sollte im Vergleich zu den achtziger Jahren, als man nur zwischen fünf Antennenprogrammen wählen konnte. Das Ganze hat wohl eher mit Verzweiflung zu tun und trägt absurde Züge. Denn während es immer mehr Verteilungswege und Empfangstechniken gibt, geht gleichzeitig vor allem bei jüngeren Leuten der Fernsehkonsum zurück.

Teenager, in erster Linie in den USA und Großbritannien, sitzen längst mehr vorm Computer als vor der Glotze. Computerspiele und Internet sind eben viel spannender als die passive TV-Berieselung. MTV war gestern, die neuen Lieblinge der Jugend heißen MySpace und YouTube.

Fernsehen als Retter der Telekom?

Und wenn die ihre Gewohnheiten mit dem Älterwerden halbwegs beibehält und auch mit 30 oder 40 lieber an der Konsole spielt und im Netz unterwegs ist als fernzusehen, dann ist Fernsehen tot. Zumindest das Fernsehen, wie wir es heute kennen.

Die vielen neuen TV-Standards werden diese Entwicklung kaum bremsen können. Im Gegenteil. Das Theater um den Nachfolger der Video-DVD, Blu-ray oder HD DVD, zeigt, wie ein Technikstreit Verbraucher verunsichert. Schärferes Fernsehen ist eine tolle Sache. Wenn aber noch nicht einmal die Technik feststeht, dann wird es kaum schnelle Erfolge feiern.

Die Deutsche Telekom glaubt sogar, dass das Internetfernsehen ihren Kundenschwund stoppen kann, zusammen mit Internettelefonie und extra schnellem DSL. Ich habe da so meine Zweifel, vor allem wenn man hört, dass der Triple-Play-Anschluss bestehend aus VDSL, IP-Telefonieflatrate und IP-TV monatlich mindestens 70 Euro kosten soll.

Auch die Mobilfunker hoffen auf dicke Profite, wenn ihre Kunden reihenweise auf dem Handy fernsehen und dafür extra löhnen müssen. Der Zuschauer soll im Idealfall für die Kabel-, Satelliten und Netzbetreiber doppelt und dreifach zahlen, um immer und überall das Gleiche zu sehen: Gerichts-TV, Heimwerkersendungen, mittelmäßige US-Serien und Werbung.

Ohne mich.

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