Blogometer Wann weint das Web?

Ob die Blogger-Community gerade Frust schiebt, Angst hat oder betrunken ist - eine Software niederländischer Forscher erfasst ihre Gefühlsregungen genau. Globale Ereignisse wie Terroranschläge schlagen sich als Zacken in den Emotionskurven nieder.

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Wann weint das Web? Um herauszufinden, was das Volk so denkt und fühlt, geben Unternehmen und Parteien viel Geld für Marktforschung aus. Dass es auch einfacher geht, zeigen der Informatiker Gilad Mishne und seine Kollegen von der Universität Amsterdam mit ihrer Software Moodviews.

Blogger-Zustandskurve: Am Wochenende betrunken

Blogger-Zustandskurve: Am Wochenende betrunken

"Ich habe mir im letzten Jahr viele Blogs angeschaut und gesehen, dass dort sehr zwanglos gesprochen wird", sagt Mishne im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Häufig würden eigene Gefühle ausgedrückt. So sei die Idee entstanden, die Sprache per Software zu analysieren und Rückschlüsse auf die Emotionen der Blogger zu ziehen.

Da kam es den Forscher gerade zupass, dass Tagebuchschreiber auf Livejournal.com, einem der größten Blogportale überhaupt, ihre Texte mit Gefühlsmarken versehen können. Zur Auswahl stehen 132 Zustände von amüsiert, ängstlich und hungrig bis hin zu betrunken oder verliebt.

Diese sogenannten Mood-Tags wertet Mishne seit Juni 2005 aus. Pro Tag erscheinen auf Livejournal.com rund 250.000 Blogeinträge, einige Tausend davon tragen eine der 132 Gefühlsmarken.

Dargestellt in Diagrammen, ergeben die Daten aufschlussreiche Gefühlskurven der Blogger. So zuckt die Betrunkenheitslinie mit großer Regelmäßigkeit immer an Wochenenden und an Feiertagen nach oben.

Erschöpft oder verliebt?

Am Valentinstag häufen sich "verliebt" und "in Flirtlaune". Doch auch das Mood-Tag "einsam" taucht öfter auf als an normalen Tagen. Rund um den Jahreswechsel beobachtet der Gefühlseismograph erst Einsamkeit, Nachdenklichkeit und Aufgeregtheit, dann Trunkenheit und am 1. Januar schließlich Erschöpfung. Das Tool Moodgrapher verrät auch, wann die bloggende Zunft den Tränen nahe war - dazu genügt die Auswahl eines Zeitraums und des gesuchten Gefühls "sad". Der 7. März war der bislang traurigste Tag der Livejournal-Nutzer - warum auch immer.

Die Forscher gehen mit ihrer Software jedoch weit über die bloße Beobachtung hinaus. Mit dem sogenannten Moodteller versuchen sie die Stimmung der Tagebuchschreiber allein durch die Analyse ihrer Texte zu ermitteln. Das Auftauchen bestimmter Worte, etwa traurig oder einsam, fließt in die emotionale Einstufung ein. Die Software arbeitet natürlich wesentlich komplexer. So versucht sie aus Texten, die mit Mood-Tags versehen sind, zu lernen, welche Passagen mit bestimmten Gefühlen korrelieren.

"Wir erreichen eine Genauigkeit von bis zu 90 Prozent", sagt Mishne. Die hohe Trefferquote gelte für "einfache Zustände", wie hungrig, schläfrig oder betrunken, bei denen wenige Schlüsselworte typisch seien. Bei schwieriger festzumachenden Emotionen, etwa schockiert oder auch traurig, würden immerhin noch 60 Prozent der Einträge mit der Textanalyse richtig zugeordnet.

Anfragen aus der Wirtschaft

Daneben versuchen die Wissenschaftler auch, auffällige Stimmungsumschwünge mit globalen Ereignissen zu erklären. Das zugehörige Tool heißt Moodsignals. Das Erscheinen eines neuen Harry Potter spiegle sich eindeutig in den Emotionen der Blogosphäre wider, sagt Mishne. Gleiches gelte für die Londoner Terroranschläge oder den Hurrikan "Katrina".

"Ausschläge in den Kurven beobachten wir aber nur bei global wichtigen Ereignissen", erklärt Mishne. Dazu zähle ein bestimmter Feiertag in Deutschland eher nicht. Die Mehrheit der Blogger auf Livejournal.com lebe ohnehin in den USA.

Die Software Moodview ist mehr als nur ein Spielzeug von Wissenschaftlern. Mishne und seine beiden Kollegen wurden nach eigenen Angaben bereits mehrfach von Firmen kontaktiert, die mehr über die Gefühle erfahren wollen, die Blogger mit bestimmten Produkten in Verbindung bringen. Selbst für politische Analysen könne die Software genutzt werden, sagt Mishne. Allerdings sei die beobachtete Bloggercommunity deutlich jünger als der Durchschnittsbürger, so seien nur Stimmungsbilder der Teens und Twens möglich.



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