Blu-ray gegen HD-DVD Durchbruch per Pornografie?

Die Zukunft der Blu-ray-Disk sehen Pornoproduzenten rosig: Allzu gern würden sie ihren Kunden in bester Bildqualität servierte Detailansichten aus zahlreichen Kameraperspektiven anbieten. Für die Fans der HD-DVD wären das schlechte Aussichten: Schon einmal entschied der Pornomarkt über den Erfolg eines Medienträger-Formats.


Blu-ray-Rekorder von Sony: Bereits seit 2003 sind erste Modelle zu kaufen
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Blu-ray-Rekorder von Sony: Bereits seit 2003 sind erste Modelle zu kaufen

Dass VHS über 20 Jahre lang das Standardformat bei Videorekordern darstellte, war eigentlich ein Unding: Das 1977 auf den Markt gekommene System galt als schlechter als sein bereits 1976 eingeführter Konkurrent Betamax. Mehr noch: Philips und Grundig konnten 1979 mit Video 2000 ein System vorstellen, das seinen beiden Konkurrenten sowohl in Sachen Bild-, als auch Tonqualität überlegen war - und dessen doppelseitig bespielte Kassetten schon 1980 Laufzeiten von acht Stunden erreichten.

Am Markt jedoch gewann VHS, und dafür gab es vor allem zwei Gründe: das Lobbyieren der mächtigen japanischen Elektronikkonzerne - und schiere Masse.

Trotz anfänglicher Erfolge von Betamax (das sich ab etwa 1980 mehr und mehr zum Videoproduktionssystem für den hochpreisigen Profimarkt mauserte) überschwemmten bald Massen von VHS-Kassetten den keimenden Markt. Der wurde in seinen ersten Jahren vor allem vom Verleihgeschäft getrieben, denn Kassettenkauf war teuer. Und Videoverleih, das stand Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger mehr oder minder synonym für Pornografie. VHS schaffte den "Durchmarsch", weil sich das Format binnen kürzester Zeit zum Hauptträgermedium für pornografische Inhalte entwickelte.

Anfang des neuen Jahrtausends steht die Industrie wieder einmal vor einem Konkurrenzkampf um die Etablierung eines neuen Medienträgerstandards. Schon bevor der Erfolg der DVD vor rund zwei Jahren so richtig begann, war das Ende des Standards beschlossene Sache: Mit Blu-ray-Disks und der HD-DVD stehen zwei Systeme in den Startlöchern, die DVD beizeiten zu beerben - und das wäre, wenn es nach der Industrie geht, so bald wie möglich, in wenigen Jahren. Denn jeder Standard-Wechsel verheißt frische Profite.

Und was hat der Kunde davon?

Die Entwickler von Blu-ray und HD-DVD bewerben ihre System mit guten Argumenten. Blu-rays locken mit einer nutzbaren Speicherkapazität von über 20 GB, in der zweilagigen Variante gar bis zu 54 GB. Das macht eine Menge möglich: Klar, dass die schiere Datenmasse sich anbietet, um Filme im HDTV-Format vorzuhalten, das weit über die Bildqualität von DVDs hinaus ginge. Zudem böte die Blu-ray weit mehr Raum für Specials und Zusatzmaterialien.

Den Verfechtern der Blu-ray schweben Produkte vor, die ihren Nutzern Bilder gleich in mehreren Kameraperspektiven nahe bringen. Hinter der Blu-ray-Disk steht ein mächtiges Kartell, in dem neben Matsushita, Pioneer, Philips, Sony, Thomson, LG Electronics, Hitachi, Sharp und Samsung seit letztem Jahr auch noch Dell und Hewlett-Packard kooperieren. Das ist schon eine Menge Marktmacht.

Im Advanced Optical Disc-Konsortium haben sich die Verfechter des Gegenentwurfes zusammengeschlossen. Ihre High Density DVD, kurz HD-DVD, basiert wie die Blu-ray auf einer auf blauen Lasern basierenden Technologie, die im Übrigen aber weitgehend der bisher üblichen DVD-Technik ähnelt. Auch die HD-DVD soll HDTV-Standard erreichen, die Kapazität der Scheiben soll allerdings mit 15 bis 20 GB (mehrlagig 30 GB) unter der der Blu-ray bleiben. Auch im Advanced Optical Disc-Konsortium gibt es mächtige Player, zu denen unter anderem NEC, Toshiba, Intel, IBM und Warner gehören.

Obwohl die Entwicklung der Blu-ray-Disk derzeit weiter fortgeschritten ist als die der HD-DVD, werden der HD-DVD gute Chancen eingeräumt. Im Gegensatz zur Blu-ray benötigt die HD-DVD keine Schutz-Catridge und kann voraussichtlich unter Nutzung der bestehenden Produktionsanlagen für DVDs produziert werden - für die Industrie die kostengünstigere Variante.

Blue-Movie-Macher reizt die Blu-ray-Disk

Die Verfechter der Blu-ray mag da eine Nachricht aus der letzten Woche gefreut haben: Die "Blauscheiben" wurden auf Amerikas größter Pornomesse, der Adult Entertainment Expo, zum heiß diskutierten Thema. Klar zeichnete sich dabei ab, dass insbesondere die großen Pornoproduzenten größere Chancen in der Blu-ray entdecken: Zu Stichworten wie "Detailreichtum" und "mehrere Kameraperspektiven" fällt ihnen offenbar sofort etwas ein.

Die Schmuddelfilmbranche hechelt nach Innovationen, die wieder frischen Wind ins seit 1998 kontinuierlich erlahmende Geschäft blasen. Die technischen Neuerungen der letzten Jahre haben sich für die Pornografen eher negativ ausgewirkt: Vor allem der Siegeszug des WWW hat die Pornobranche gebeutelt. Pornografie mag allgegenwärtiger sein als je zuvor - im WWW jedoch wird sie vor allem kostenlos verteilt. Selbst das anfänglich boomende Geschäft mit Schmuddelseiten ist längst erlahmt.

Zwar machte das Geschäft mit nackten Tatsachen vor zwei Jahren noch rund 40 Prozent der gesamten Videomarktanteile aus, doch dieser Anteil dürfte seitdem weiter kräftig gebröckelt sein. In Zeiten, in denen Qualitätsfilme zum Beipackartikel zur Bewerbung von Mainstream-Zeitschriften geworden sind und sich im DVD-Markt längst ein "Nice-Price"-Sektor etabliert hat, ist mit Pornografie nicht mehr viel zu holen: Vor allem P2P-Börsen sorgen dafür, dass die Zahl der schwarz gebrannten, "kostenfreien" Filme die der Verkaufsware längst überschreitet. Für die großen Pornoproduzenten ist somit klar, dass sie dem nackten Datenstrom nur mit zusätzlichen "Benefits" etwas entgegen halten können.

Was den Erfolg der Blue-Movie-Träume nun noch behindern könnte, sind vor allem die Kosten. Die Produktion von auf Blu-ray abgestimmten Filme wäre merklich teurer als konventionelle Pornoproduktion, die sich nicht gerade durch Aufwand auszeichnet. Der Pornoproduzent Dino Baumberger, Produzent und Ehemann der Pornoikone Dolly Buster, brachte das im letzten Jahr in einem Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" auf den Punkt: "Der Kunde weiß ja nicht, ob ein Film 5000 oder 50.000 Euro gekostet hat. Der geht nur nach dem Hintern, der vorne drauf ist."

Frank Patalong



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