Books on demand Buchläden werden zu Druckereien

Books on demand galten lange Zeit als Bücher zweiter Klasse. Doch seit der Online-Vertrieb den Buchhandel Umsätze kostet, entdeckt dieser die Vorteile des Instant-Digitaldrucks. Mit mobilen Druckmaschinen lassen sich Millionen Titel vor Ort anbieten. Wird aus dem Buchladen eine Maschine?

Von


Die Welt des Buchdrucks ist im Umbruch: Nach Musik-, Film- und TV-Industrie schickt sich Digitaltechnik an, eine weitere Branche von Grund auf umzuwälzen. Begonnen hat das bereits Mitte der Neunziger, als erste Digitaldruckanbieter begannen, auf Anfrage Bücher auch in Kleinstauflagen zu drucken. Ab 1997 bot in Deutschland die Firma BoD einen solchen Service an, der es prinzipiell jedermann ermöglicht, seine Werke selbst zu verlegen.

Richtig ernstgenommen wurden Books on demand genau aus diesem Grunde zunächst nicht. Die Technik eröffnete eine Nische für Hobbyautoren, größere Verlage sprangen zunächst nicht darauf an: Digitaldruck in größeren Auflagen ist vergleichsweise teuer. Lohnend ist er dann, wenn wirklich Einzelstücke oder Kleinauflagen gefragt sind.

Dass sich die Sache dagegen für den Buchhandel durchaus rechnet, machte Amazon im Jahr 2006 klar: Der weltweit größte Buchversender eröffnete mit BookSurge eine eigene Digitaldruck-Dependance, die nun auch am sogenannten Long Tail verdienen soll. Das Schlagwort beschreibt das lukrative Geschäft mit vermeintlichen Ladenhütern. Der neuen Marketingphilosophie liegt die Erkenntnis zugrunde, dass man mit Massen von nur von Minderheiten nachgefragten Waren genauso Geld verdienen kann wie mit Bestsellern für die Masse.

Zumal, wenn man sie nicht vorproduzieren und lagern muss, sondern einfach digital abrufen kann. Es hat gedauert, bis auch Verlage den Vorteil darin erkannten: Books on demand sind eine ideale Möglichkeit, Bücher verfügbar zu halten, die sich nur selten verkaufen. Im August schloss der renommierte Suhrkamp-Verlag nach Hanser und de Gruyter als dritter deutscher Verlag mit der Firma BoD einen Vertrag, um genau das zu tun: Künftig werden in Hamburg Exemplare der "edition suhrkamp" und der Reihe "suhrkamp taschenbuch wissenschaft" erst dann einzeln gedruckt, wenn sie im Buchladen oder Internet von einem Kunden bestellt werden.

Doch das ist noch immer nur eine Vorstufe des technisch Möglichen. Bereits 2003 begann in den USA die Firma OnDemandBooks mit der Konstruktion eines mobilen Instant-Buchdruckers für den Einsatz im Buchhandel. Drei Jahre später nahm die Buchhandlung der Weltbank in einem Modellversuch als weltweit erster Buchladen die "Espresso Book Machine" in Betrieb, die im Folgejahr vom Magazin "Time" als eine der Technikinnovationen des Jahres ausgezeichnet wurde.

Ab da ging es schleichend, aber stetig voran mit der Wandlung des Buchhandels zur Buchdruckerei.

Schleichender Siegeszug

Im Frühjahr 2007 folgte die New York Public Library mit einer Buch-Espresso-Maschine. Angeboten wurden zunächst Copyright-freie Klassiker. Ende des Jahres 2007 gab es weltweit drei installierte Maschinen, und der Vor-Ort-Instant-Druck schien zu einer weiteren dieser Ideen zu werden, die toll klingen, am Markt aber nicht angenommen werden. Allein an US-Universitäten entwickelte sich die Espresso sofort zum Schlager: Aufgrund der fehlenden Buchpreisbindung fielen die On-demand-Preise teils deutlich günstiger aus, und die Studenten schlugen zu. Allein an der University of Alberta spuckte eine Espresso 1.5 in ihrem ersten Betriebsjahr fast 4.800 bezahlte Bücher aus. Die Investition, berichtete die lokale Presse, sollte sich binnen zwei Jahren amortisieren.

Denn die Sache ist eigentlich günstig. Die Espresso-Maschinen werden zur Miete angeboten, zum Leasing oder zum Kauf (ab 50.000 Dollar). Für Druckereibetriebe wie BoD sind das Peanuts, für den Buchhandel sind die Mietmodelle attraktiv. In einer anderen Hinsicht sind sie es dagegen nicht: Die erste Gerätegeneration ist mit dem Begriff Monstrum recht passend beschrieben.

Sie druckt ein Taschenbuch mit 300 Seiten und Vierfarbumschlag in knapp sieben Minuten. Druckbar sind verschiedene Größen im Spektrum von Standardtaschenbüchern von bis zu 500 Seiten Dicke. Dick ist allerdings auch die Maschine: Satte 753 Kilogramm bringt etwa die Espresso 1.5 auf die Waage. Auch ihre Maße sind mit 2,64 Mal 1,52 Mal 1,55 Meter nicht gerade zierlich. Entsprechend verhalten fiel bisher die Nachfrage aus: Der Hersteller selbst dokumentiert nur neun Aufstellungen, dazu kommen etwa ein halbes Dutzend Probeaufstellungen im Handel.

Es tut sich etwas

Doch all das könnte sich sehr bald schlagartig ändern. Im Juni 2008 unterzeichnete die englische Buchhandelskette Blackwells einen Vertrag mit OnDemandBooks, der zwei Phasen umfasst: Ab Herbst 2008 wird Blackwells in einer Filiale eine Maschine vom Typ 1.5 erproben. Verläuft der Test befriedigend, sollen im Frühjahr 2009 50 bis 60 Maschinen installiert werden - und zwar solche vom Typ 2.

Der erinnert in Größe und Gestalt eher an einen Bankautomaten. Hier soll der Kunde aus einem ab Start Zehntausende von Titeln umfassenden Angebot auswählen und nun innerhalb von drei Minuten Bücher drucken können. Die Größe dieses Angebots ist nur noch begrenzt durch die Zahl der für den Digitaldruck aufbereiteten Vorlagen, und hier liegt die eigentliche Revolution: Anbieter, die solche Druckvorlagen gesammelt on demand vorhalten, könnten eine Schlüsselposition in dieser neuen Verquickung zwischen Online- und Offline-Handel darstellen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
duk2500 18.09.2008
1. Gutenberg-Archiv?
Na, der Spiegel betreibt doch das Gutenberg-Archiv mit all' den schönen, copy right-freien únd bereits digitalisierten Klassikern. Das wäre doch schonmal ein guter Anfang, oder?
Rainer Helmbrecht 18.09.2008
2. Den Fortschritt in seinem Lauf.........
Zitat von sysopBooks on demand galten lange Zeit als Bücher zweiter Klasse. Doch seit der Online-Vertrieb dem Buchhandel Umsätze kostet, entdeckt dieser die Vorteile des Instant-Digitaldrucks. Mit mobilen Druckmaschinen lassen sich Millionen Titel vor Ort anbieten. Wird aus dem Buchladen eine Maschine? http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,578918,00.html
Vermutlich wird das neue Sony- eBook das ausbremsen. Das Gerät soll super scharf eine stufenlose Vergrößerung des Textes ermöglichen, flimmerfrei und mit einem perfekten Seitenumbruch und so etwa 260 Gramm schwer sein und Speicherplatz für einige Hundert Bücher bieten. Wenn ich mir schon kein richtiges Buch kaufe, warum dann nicht ein elektronisches, in dem noch ein Mp3 Player integriert ist und man zwei Vergnügen verbinden kann. Ich denke, dass der Zug für Instant-Digitaldruck abgefahren ist. MfG. Rainer
Olaf 18.09.2008
3. Papier hat auch Vorteile
Zitat von Rainer HelmbrechtVermutlich wird das neue Sony- eBook das ausbremsen. Das Gerät soll super scharf eine stufenlose Vergrößerung des Textes ermöglichen, flimmerfrei und mit einem perfekten Seitenumbruch und so etwa 260 Gramm schwer sein und Speicherplatz für einige Hundert Bücher bieten. Wenn ich mir schon kein richtiges Buch kaufe, warum dann nicht ein elektronisches, in dem noch ein Mp3 Player integriert ist und man zwei Vergnügen verbinden kann. Ich denke, dass der Zug für Instant-Digitaldruck abgefahren ist. MfG. Rainer
Das E-Book hat aber einen entscheidenden Nachteil: Sie können damit im all-inc-Türkei-Urlaub nicht morgens eine Sonnenliege reservieren, in dem sie es drauflegen. (wie mit dem Paperback vom neuesten Ken Follett). Das Ding wird dann nämlich geklaut! ;-)
Rainer Helmbrecht 18.09.2008
4. xxx
Zitat von OlafDas E-Book hat aber einen entscheidenden Nachteil: Sie können damit im all-inc-Türkei-Urlaub nicht morgens eine Sonnenliege reservieren, in dem sie es drauflegen. (wie mit dem Paperback vom neuesten Ken Follett). Das Ding wird dann nämlich geklaut! ;-)
Hinzu kommt, dass man damit auch keine Fliegen erschlagen kann, aber sonst ist die Idee bestechend;o). MfG. Rainer
M@ESW, 19.09.2008
5. Man kriegt nicht immer was man will
Am liebsten wäre mir nach wie vor bedrucktes Papier, leider wird das in naher Zukunft mehr und mehr verschwinden. Ist vielleicht besser für den Planeten, aber ist mir ehrlich gesagt kein Trost. Nachdem jetzt eines meiner Lieblingsmagazine bereits letztes Jahr die Printausgabe eingestellt hat und nur noch als PDF erscheint warte ich jetzt sehnsüchtig auf ein brauchbares und bezahlbares ePaper. Gewollt habe ich das nicht wirklich, aber die Fakten sind nunmal wie sie sind und das Magazin kommt nicht zurück in den Print-Bereich. Damit bekommt der erster ePaper-Hersteller der ein ePaper in DIN A4 mit Farbdisplay und der Möglichkeit Lesezeichen und Suchfunktion von PDFs zu nutzen mein Geld.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.