Branchengerüchte Baut Bill ein Microlinux?

Binnen fünf Jahren, schätzen Marktforscher, werden rund 50 Prozent aller Internet-Server unter Linux laufen - an diesem Markt beißt sich Microsoft die Zähne aus. Dabei zusehen, munkelt es in der Branche, will Bill Gates aber auch nicht: Ein "Microlinux" sei bereits in Mache.


Ungleiche Gegner: Kann Bill Gates den Pinguin verdrängen, oder muss er ihn assimilieren?
[M] DPA

Ungleiche Gegner: Kann Bill Gates den Pinguin verdrängen, oder muss er ihn assimilieren?

Im Jahre 50 vor Christus, Asterix-Leser wissen das, beherrschte Rom ganz Gallien. Nur ein Dorf unbeugsamer Gallier wagte es, dem Macht-Monopolisten weiterhin die Stirn zu bieten. Mehr als 2000 Jahre später tun sich Parallelen auf, und wieder endet, wie bei Asterix, der Name des Rebellen mit einem "x": Linux.

Das ist langsam, aber mächtig im Kommen. Auf dem Konsumentenmarkt tut sich die derzeit viel versprechendste Betriebssystem-Alternative für Standard-PCs noch schwer: Nach wie vor gilt das Pinguin-System als vergleichsweise umständlich, nichts für Otto-Normalanwender. Die neuesten Distributionen brechen das langsam auf, Linux findet Einzug auf einer ständig wachsenden Zahl von Heim-Rechnern. In Marktanteilen ist das für quasi-Monopolist Microsoft noch immer eine zu vernachlässigende Größe, doch längst hat die Gates-Company die Gefahr erkannt.

Denn in Märkten, in denen sich vor allem IT-erfahrene User tummeln, behauptet sich Linux mit Macht. Rund 50 Prozent aller Internet-Server, schätzen die Analysten des Marktforschungsunternehmen Meta-Group, könnten bis zum Jahr 2007 mit Linux laufen. Microsoft-Produkte wie der durch Sicherheitslücken ins Gerede gekommene Web-Server IIS haben hingegen schwer zu kämpfen.

Vor wenigen Wochen gelangte ein Microsoft-Dokument an die Öffentlichkeit, in dem Gates vor Linux warnte und dabei sogar Lob für zahlreiche höchst positive Eigenschaften der OS-Alternative fand. An diesem Punkt, glauben die Analysten der Meta Group, werde Microsoft aber kaum Halt machen. Aus der Einsicht, dass der Server-Markt für Windows nicht zu erobern sei, besinne sich der Redmonder Riese auf eine keltische Taktik: Auch Asterix' Vorfahren beherrschten weite Teile Europas für mehrere Hundert Jahre, ohne dabei im römisch-microsoftigen Stil Neuland zu erobern. Sie assimilierten stattdessen: Kelten wanderten ein, durchdrangen ansässige Populationen und drückten ihnen ihren Stempel auf. Sie keltisierten ihre neuen "Märkte".

Genau das, munkelt es in der Branche, habe auch Microsoft vor: Schon seien Microsoft-Linux-Versionen des IIS-Servers, der SQL-Datenbanken, von Exchange und .Net in der Entwicklung. Erste Produkte, so die Meta Group, werde man wohl schon Ende 2004 zu sehen bekommen.

Das alles, dementiert dagegen Microsoft-Manager Peter Houston, sei Unsinn: Die Zukunft heiße Windows, daneben Windows und Windows. Darauf werde sich das Unternehmen auch in Zukunft konzentrieren.

Richard Belluzzo: Der ehemalige Silicon-Graphics-Chef leitete mehrere Jahre Microsofts Internet-Aktivitäten, bevor er im Streit ging. Heute ist er Chef von Quantum
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Richard Belluzzo: Der ehemalige Silicon-Graphics-Chef leitete mehrere Jahre Microsofts Internet-Aktivitäten, bevor er im Streit ging. Heute ist er Chef von Quantum

Linux wird zur echten Konkurrenz

Das aber wäre kurzsichtig: Linux, glaubt etwa Rick Belluzzo, einst die Nummer drei in Redmond, sei die "größte Konkurrenz, mit der Microsoft sich jemals konfrontiert sah". Denn Linux sei ein Gegner, den man nicht stellen könne: "Es gibt keine Firma dahinter. Linux ist irgendwie flüchtig."

Und allgegenwärtig. Insbesondere in sensiblen Infrastrukturen, die stark auf IT-Sicherheit bedacht sind, macht sich Linux breit. Als gefährlich für Microsoft könnte sich etwa erweisen, dass immer mehr Behörden in aller Welt zu Linux wechseln. Genau so begann ja der Microsoft-Siegeszug in den Achtzigern: Was Büroangestellte am Arbeitsplatz nutzten, wollten sie auch zu Hause haben - der User ist ein Gewohnheitstier.

Das scheint man auch bei Microsoft zunehmend anzuerkennen: Vorbei die Zeiten, in denen das Management die Konkurrenz im Zeichen des Pinguins einfach fortlachte. Zunehmend respektvoll klingt, was aus Redmond dringt: John Connors etwa, immerhin Finanzchef des Unternehmens, ließ sich am Mittwoch auf IT-Konferenz in Arizona vernehmen, das sich ein zukünftiges Wachstum seines Unternehmens schwierig gestalten könnte, "wenn es Linux gelingt, sich auf dem Desktop zu etablieren". Den Wettbewerb auf dem Servermarkt sieht er sowieso schon als "Kopf-an-Kopf-Rennen".

Dass Linux schon so weit sei, Microsoft auf dem privaten Desktop ernsthaft Konkurrenz zu machen, glaubt der zu Linux konvertierte Ex-Microsoft-Topmanager Belluzzo dagegen nicht. Doch auf dem Servermarkt und in neu entstehenden Marktsegmenten hätte Linux das Potenzial, Microsofts Bemühungen ernsthaft zu behindern. Das könne sogar darauf hinauslaufen, dass Microsoft erst gar keine Chance bekäme, in solchen neuen Geschäftsfeldern Fuß zu fassen.

Insbesondere, weil Linux ja auch von immer mehr großen Unternehmen unterstützt werde: Linux allein sei schon ein Betriebssystem, das aufgrund seiner modularen Struktur und der Open-Source-Lizenz wie kein anderes allen möglichen Bedürfnissen angepasst werden könne. Doch im Verbund mit den zahlreichen kostenlosen Tools und Profi-Software wie etwa IBMs WebSphere werde das Pinguin-Programm zu einer echten Bedrohung für Microsoft, die halt "Windows von oben bis unten" zu bieten hätten. Deshalb könnten Microsofts Märkte krümeln, deshalb könnten Gates neue Märkte verbaut werden.

Das Szenario ist so unwahrscheinlich nicht. Für kein Betriebssystem gibt es mehr kostenlose oder niedrig-preisige Profi-Software als für das Open-Source-Projekt Linux. Das, glaubt man bei der Meta Group, werde mittelfristig dazu führen, das Microsoft die Preise für viele Produkte werde senken müssen. Den Dementis aus Redmond glaubt man dort nicht: Das Unternehmen habe gar keine andere Wahl, als seine Produktstrategie zu ändern, wenn es seine Vormachtsstellung festigen wollte.

Frank Patalong



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