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Breakpoint: Gezerre um den coolsten Code

Von Meike Wolf und Linus Volkmann

Die Breakpoint ist das größte Demoscene-Treffen der Welt. Einmal im Jahr kommen 1000 Computer-Freaks nach Bingen am Rhein, um sich gegenseitig im Code-Kampf zu übertreffen – und gemeinsam Bier zu trinken. Ein Besuch.

Die Demo-Szene ist nicht gerade eine entspannte Feelgood-Subkultur, in die man einfach so reinrutscht wie in Fußballbildersammeln, High-School-Filme-Gucken oder Kaninchenzucht. Es geht darum, Computerprozessoren möglichst spektakuläre Animationen inklusive Soundtrack zu entlocken und dabei den Programmcode bis an sein Limit zu verdichten.

Dem Ganzen haftet in seiner aufwendigen Spezialisierung schon etwas Logenhaftes an. Hermetisch und hoch verdichtet – immenser Nerdfaktor inklusive, ganz klar. Und Alltagstauglichkeit? Kannste mal vergessen. Den Demoscener versteht die Welt nicht mehr. Selbst ausgebuffte Informatiker müssen abschalten, wenn er in Gesprächen richtig loslegt. Das bringt ihm natürlich den Ruch ein, mehr als sonderbar zu sein. Geht es darum, das Phänomen Demoscene für Außenstehende knapp auf den Punkt zu bringen, wird daher gern dieser eine an die Simpsons angelehnte Gag bemüht: "Frage: Was muss man wissen, wenn man einen Demoscener in der engen Verwandtschaft hat? Antwort: Nicht viel – nur was man anzieht, wenn das Fernsehen kommt, um einen zu interviewen, nachdem er den Präsidenten abgeknallt hat."

Ja, ja, das bebrillte Superhirn, das irgendwann Amok läuft. Auch nur ein Klischee mehr. Umso angenehmer da, wenn man sich mal untereinander treffen kann. Auf größeren oder kleineren Conventions mit ordentlich Competition und bitte nicht als belächelter Appendix einer Lan-Ballerparty, sondern so richtig nur Demo, so richtig nur unter sich, so richtig mal keinem erklären müssen, an was man da die ganze Zeit so beseelt knabbert. Willkommen in Rheinhessen, willkommen in Bingen. Breakpoint 2007: eine der größten und etabliertesten Schauen zum Thema, an die 1000 Besucher vor Ort, an die 30 Länder vertreten. Macht euch hübsch, es kann losgehen. Vier ganze Tage Vollspacking mit Schleife stehen an.

Lan-Party trifft Woodstock

Bingen und Co sind dabei ja auch mal supermalerisch. Die betuliche Rheinstrecke führt an der Loreley und Weinbergen vorbei, auf dem Fluss schippern die Ausflugsdampfer – und die amerikanischen Touristen schnalzen mit der Zunge bei so viel classic German Postkartenidylle.

Um zur Breakpoint selbst zu gelangen, verlassen wir die geile Panoramaroute und sind ziemlich erstaunt, wie hässlich es plötzlich wird, wenn es Richtung Mini-Industriegebiet geht. Der Weg führt über einen Kreisverkehr, an einer 24-Stunden-Aral vorbei, um dann endlich bei einer spotthässlichen Mehrzweckhallen-Architektur rauszukommen. So wenig, wie es darum gehen soll, immer wieder die gängigen Nerd-Klischees zu reproduzieren, so sehr knallen sie einem hier dennoch gleich um die Ohren. Also kein romantic Rheinhessen-Zauber, sondern eine Sechziger-Jahre-Sporthalle mit ein paar Ess- und Bierständen auf der Wiese davor. Dazu Hinweistafeln aus Holz, deren eingeschnitzte Auskünfte auf Lateinisch sind. Zum Beispiel "latrinium" statt WC. Lieber Himmel. Das und die in schwarz gekleideten Grüppchen, die mit langen Haaren in der Sonne stehen, lassen das ungeübte Auge vermuten, man befände sich versehentlich auf einem Mittelaltermarkt. Obwohl: Auf einem solchen müsste man lange suchen, um Leute zu finden, die T-Shirts tragen mit Claims we "Demo Or Die!" oder "Ich interpoliere dir die Fresse".

Ansonsten wirkt das Szenario wie die Mischung aus einer Lan-Party und Woodstock. In der Halle alles voller checker-mäßigem Tech-Kram und ebenso endlosen wie hoffnungslos verkabelten Tischreihen, draußen ein lagerfeuerumspieltes Treiben mit komischen Klamotten, lieb-linkischen Styles und einer Parade von sympathischen Unfrisuren. Als schönes Ornament für die große Fete, die sich bereits am Eröffnungsnachmittag abspielt, liegen auch schon diverse Alkoholgeschädigte rum, mitunter bereits dekoriert. Die werden aber von dem Orga-Team resolut geweckt und wieder auf Kurs gebracht. Aber der alte Kodex von "Don’t drink and code" scheint 2007 kein nachhaltiger Wert mehr zu sein.

Auf den feuchtfröhlichen Punkt bringt das die SMS von Tobias Heim von Digitale Kultur e.V. Er organisiert die assoziierte Veranstaltung Evoke in Köln im Herbst mit und befindet sich selbst bereits im 18. Jahr des Demoscene-Touring. Der hat schon alles gesehen, den wollen wir deshalb später interviewen. Er schreibt: "Hallo! Gerne treffen um halb acht. Bin dann bestimmt schon besoffen, aber umso gesprächiger. Bis gleich." Solch eine Nachricht hätte man an dieser Stelle nicht unbedingt vermutet, erhält man aber dennoch gern, stellt sie doch klar, dass der geheimbündische Insider-Duktus des Programmierer-Genies auch eine soziale Entsprechung besitzt, wie man sie auch als Laie aus dem Wirtshaus oder Fußballstadion kennt. Apropos: Obwohl auf der Convention so ein Festival-Flair weht und schicke Homemade-Kraftwerk-Remixe die Wiese beschallen, fällt das Fehlen des körperlichen Aspekts doch auf.

Denn wenn sonst bei schönem Wetter eine Ansammlung von so vielen Herren im Twen- und Thirtysomething-Alter aufeinandertrifft, wird ja doch irgendwann gekickt. "Das könnt ihr hier also echt nicht erwarten! Obwohl … es gab zuletzt schon immer auch Versuche, was Sportliches zu etablieren. Ich erinnere mich an Harddisk-Weitwurf", erzählt Magne aus Norwegen. Der ist schon zum wiederholten Male nach Deutschland gereist fürs Demoscener-Treffen, diesmal gleich mit der eigenen Gang Darklite. Ist das nicht, gerade für die Auswärtigen, ein sehr teures Hobby? "Nee, wir haben die Flüge für unter hundert Euro gekriegt, schlafen in der Halle und trinken Bier, das weit weniger kostet als bei uns daheim."

Verliebt in Computer

Drinnen in der Halle hat die Nacht der Demoscener schon begonnen. Die Fenster sind abgehängt, 800 Monitore beleuchten 800 Gesichter, die langen Tischreihen sind übersät mit ulkigem Zeugs: literweise Discount-Brause und Großmutters Nachttischlämpchen, Instantnudeln und Waffeln der Marke "Java". Demo-Humor eben. Die weißbrotlastige Verpflegung erinnert dabei frappierend an das Bestreben der "Mikrosklaven" in Douglas Couplands gleichnamigem Roman, nur Dinge zu essen, die unter dem Türschlitz durchpassen. Unter den Tischen hier haben sich die ersten Teilnehmer bei gefühlten 40 Grad Raumtemperatur auf mitgebrachten Matratzen abgelegt, während über ihnen geschäftiges Treiben herrscht.

  • 1. Teil: Gezerre um den coolsten Code
  • 2. Teil
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Breakpoint : Luftmatratzen und Code-Jockeys

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