Briten empört: 500.000 Mülltonnen heimlich verwanzt

Rund 500.000 britische Mülltonnen sind mit Funkchips ausgerüstet worden – ohne Wissen der Bürger. Die Chips sollen Recycling-Muffel ausfindig machen. Ein Politiker sprach von einer Überwachungsmaßnahme schlimmer als in der ehemaligen Sowjetunion.

Der heimliche Einbau von Funkchips in Abfallbehälter sorgt für Empörung auf der Insel, noch dazu, weil die verwendete RFID-Technik aus Deutschland kommt. "Deutsche verwanzen unsere Mülltonnen", schreibt die britische Zeitung "Mail on Sunday". 500.000 Tonnen in Großbritannien seien mit der Überwachungstechnik versehen worden.

Mülltonnenchips: Groß wie eine Münze, werden am Deckel der Tonne besfestigt

Mülltonnenchips: Groß wie eine Münze, werden am Deckel der Tonne besfestigt

Die Wanzen hätten eigene Seriennummern und würden ausgelesen, wenn die Müllmänner die Tonnen in die Wagen entleerten. Gleichzeitig würde der Müll jeder Tonne gewogen. Auf diese Weise könnten sich lokale Behörden über die Abfall-Gewohnheiten jedes einzelnen Haushalts informieren, schreibt die Zeitung.

Geliefert wird die RFID-Technik für Mülltonnen von den deutschen Firmen Deister und Sulo. Ein Deister-Sprecher lobte die Möglichkeit, mit Hilfe der Transponder "jede Mülltonne zu identifizieren und aufzuzeichnen, wann sie geleert wird". Diese Informationen ließen sich auf vielfache Weise verwerten.

Behörden verteidigten die Müllüberwachung: Es gehe darum, Umwelt und Steuerzahler zu schützen. Die Daten würden nicht veröffentlicht. Es gehe vor allem darum, Haushalten beim Recycling zu helfen. "Wir können die Recycling-Raten messen", sagte ein Sprecher des Councils von Crew und Nantwich. Wenn eine Straße dabei nicht mitmache, werde man mit den Leuten reden.

Andrew Pelling, Abgeordneter der Konservativen Partei in der London Assembly, erregte sich über den Einsatz der RFID-Chips. "Das ist schlimmster Big Brother. Ich glaube nicht einmal, dass die ehemalige Sowjetunion ihre Bürger so bespitzelt hat." Es entspreche eher der britischen Art, Menschen zu überzeugen als ihnen hinterher zu spionieren. Eine überraschende These aus einem Land, in dem Straßen und Plätze praktisch landesweit mit Videokameras überwacht werden.

Deutsche Kommunen bestücken ihre Mülltonnen schon schon seit längerem mit Funkchips, zum Beispiel in Bremen und Dresden, aber auch auf dem Land. Dabei geht es weniger um das Aufspüren von Recycling-Muffeln als um eine verursachergerechte Müllabrechnung. Die Müllfahrzeuge erfassen das Füllgewicht jeder geleerten Tonne. Statt einer monatlichen Tonnenpauschale bekommen die Bürger eine individuelle Abrechnung.

Nach Angaben der Firma Deister sind bundesweit rund zehn Millionen Tonnen mit Funkchips bestückt, was etwa zehn Prozent aller Hausmülltonnen entspricht. Die Technik werde seit 1992 in Deutschland genutzt.

In Großbritannien werden bereits Gegenmaßnahmen gegen die verwanzten Mülltonnen erwogen. Ein Bauer hat dazu aufgerufen, die an den Deckeln der Tonnen angebrachten Chips abzumontieren und an die lokale Verwaltung zu schicken. Ein Behördensprecher warnte ausdrücklich davor, die Chips einfach wegzuwerfen. Wer das tue, dessen Mülltonne werde womöglich nicht mehr geleert.

hda

Korrektur: In dem Artikel hieß es fälschlicherweise, in der Stadt Köln seien Mülltonnen mit Chips ausgestattet. Dies ist jedoch nicht der Fall, wie die zuständigen AWB Abfallwirtschaftsbetriebe Köln erklärten.

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