Bundes-Trojaner Kriminelle im Schlepptau

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2. Teil: Abhöraktion mit Nebenwirkungen: Der Dateneinbruch gefährdet die Sicherheit


Ganz davon abgesehen mag die IT-Sicherheitssoftware des Computers zwar blind sein für die Schadsoftware - nicht aber für ungewöhnliche Netzwerkaktivitäten. Jede gute IT-Software lässt die Alarmsirenen heulen, wenn Gigabytes unerklärt über die Leitung fließen.

Das ließe sich mit dem Einsatz von Rootkits verhindern. Als maskiertes, vom Betriebssystem autonom agierendes Werkzeugpäckchen kann so ein Programmpaket einem befallenen Computer die Selbstwahrnehmung rauben. Das wäre technisch zwar kein Problem - möglicherweise aber strafbar.

Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.

Denn das ist die bisher kaum diskutierte Crux des Bundes-Trojaners: Um den Lauschangriff auf den Rechner zu starten, bedarf es mehr als nur einer Reform des Bundeskriminalamts-Gesetzes. Der Einsatz der beschriebenen Techniken ist in Deutschland illegal. Schon "Vorbereitungshandlungen" zur Datenspionage sind eigentlich nach Paragraph 202c des Strafgesetzbuches unter Strafe gestellt. Auch wenn es unwahrscheinlich scheint, dass ein deutsches Gericht das Bundeskriminalamt (BKA) wegen eines genehmigten E-Lauschangriffs verurteilen würde: Denkbar wäre es zumindest.

Pohl warnt Unternehmen, Mitarbeiter, Ausbilder, Professoren, Studierende, die das Thema umtreibt: "Da die Strafbarkeit vom Zweck des Tools abhängt und nicht von den Zielen oder Aktivitäten der Handelnden, machen sich alle strafbar, die sich mit Sicherheitsverfahren wie Less-Than-Zero-Day-Exploits befassen." Sprich: Wenn Behörden solche Methoden einsetzen, wie der BND sie angeblich schon seit Jahren praktiziert hat, dann bedienen sie sich folglich eigentlich krimineller Methoden.

Kriminaler vorn, Kriminelle huckepack?

Gerade das ist vielleicht das größte Problem. Less-than-Zero-Day-Exploits, die Königswege auf die PC-Festplatte, werden weltweit gehandelt. Es gibt nicht viele solcher hoch geheimer Sicherheitslücken - und es gibt wohl mehr Kunden als Angebote.

So mag ein und dasselbe Exploit parallel an das BKA, das FBI, den chinesischen Geheimdienst und kasachische Botnetz-Betreiber verkauft werden, die damit Börsenkurse frisieren wollen oder ein Vertriebsnetz für Kinderpornografie aufbauen.

So könnten sich die Fahnder zum Türöffner für Wirtschaftsspionage, organisierte Computer-Kriminalität oder gezielte Schädigungen der überwachten Nutzer machen - denn eine vom Bundestrojaner geöffnete Hintertür stünde auch den anderen Nutzern des betreffenden Exploits offen. Tür ist Tür: Gefeit vor solchen Dateneinbrüchen ist bekanntlich noch nicht einmal das Kanzleramt. Selbst ohne Beihilfe durch das BKA.

Genau aus diesem Grund fordert die Bonner Gesellschaft für Informatik (GI) "die Veröffentlichung aller erkannten Sicherheitslücken in Software". Dass die Bundesbehörden den Befall von Regierungsrechnern mit angeblich chinesischen Schnüffelprogrammen erst nach Monaten bemerkten, deute darauf hin, dass nicht herkömmliche Trojaner eingesetzt wurden, sondern "individuelle und spezifische Angriffsverfahren". Diese beruhten auf Sicherheitslecks, die nur den Angreifern bekannt waren - eben Less-than-Zero-Day-Exploits.

Die stellten nicht nur für die Regierung, sondern auch für Bürger und Wirtschaft, der daraus jedes Jahr "extrem hohe" Schäden entstünden, ein nicht zu tolerierendes Risiko dar. Deshalb, fordern die Informatiker vom Gesetzgeber, müssten "Behörden zur Veröffentlichung aller ihnen bekannten Sicherheitslücken" verpflichtet werden - und die Verheimlichung sanktioniert.

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