Bundes-Trojaner: Kriminelle im Schlepptau

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Computerlecks für Online-Lauschangriffe sind auch bei Kriminellen begehrt. Genau das könnte Schäubles Bundes-Trojaner zum ausgewachsenen Sicherheitsrisiko machen. Informatiker fordern jetzt die Veröffentlichung solcher Schwachstellen - statt Einfallstore für Verbrecher zu schaffen.

Es ist nicht bekannt, wer beim FBI auf die hirnrissige Idee kam, das geplante Online-Überwachungssystem ausgerechnet Carnivore zu nennen, also "Fleischfresser" oder "Raubtier". Ein System zur Überwachung der Internet-Kommunikation sollte es werden, erfuhr die Öffentlichkeit Ende der neunziger Jahre, und binnen Jahren aufgebaut werden. Ähnliche Pläne hegt jetzt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble mit dem sogenannten Bundes-Trojaner.

Elektronisch überwachter Bürger: Mit Hackermethoden geknackte Computer, offen auch für Kriminelle?
DPA

Elektronisch überwachter Bürger: Mit Hackermethoden geknackte Computer, offen auch für Kriminelle?

Das Beispiel Carnivor zeigt, das so etwas so leicht nicht ist. Carnivore sollte alles abfangen, belauschen, protokollieren, was da über die Datenwege ging. Dass so etwas technisch möglich war, hatte die Enthüllung des Echelon-Spionagenetzes gerade gezeigt.

Echelon allerdings war über Jahrzehnte gewachsen. Bei Carnivore ging es darum, ein bestehendes Kommunikationsnetz in recht kurzer Zeit überwachbar zu machen. Das aber erwies sich als viel komplizierter, als die FBI-Experten zunächst geglaubt hatten.

Das Projekt bekam zuerst ein Imageproblem, dann den unverfänglichen Namen DCS1000, schließlich war es am Ende: Carnivore scheiterte, weil es den Ansprüchen nicht gerecht wurde. DCS1000 war weit davon entfernt, ein flexibel einsetzbares Werkzeug zur Online-Überwachung zu sein. Bis zum Schluss kam das FBI nie darüber hinaus, bei Serviceprovidern Abhör-PCs zu installieren, um nur die Verbindungen einzelner Rechner mittels so genannter Packet-Sniffer belauschen zu können - viel Aufwand, wenig Ertrag.

Nach den Anschlägen am 11. September 2001 wollte die Politik vom FBI bessere Ergebnisse sehen, keine Wasserstandsmeldungen über den Aufbau eines Systems. Es folgte der Todesstoß. 2001 stellte das FBI die Arbeit mit und an DCS1000 angeblich ein.

Stattdessen wurde mehr erlaubt. Das FBI wählte eben jenen Weg, über den in diesen Tagen in Deutschland heftig diskutiert wird: Die Fahnder begannen, Keylogger und Trojaner einzusetzen.

Der bekannteste nennt sich Magic Lantern ("Magische Laterne"). Er wird per E-Mail oder unter Ausnutzung von Browser-Schwachstellen und Sicherheitslücken in anderen Programmen auf den Rechner geschleust, den er überwachen soll. Dann protokolliert das Schnüffelprogramm alles, was in die Tastatur gehauen wird. Magic Lantern wird angeblich mit Erfolg auf Computer losgelassen.

Genau so etwas hätte Schäuble nun auch gerne.

Kein Problem, solche Tools kann man kaufen - genauso das Wissen über die Sicherheitslücken, die man zum Einbruch in die Computer braucht. Sicherheitslücken lassen sich mit Hilfe so genannter Exploits missbrauchen. Sie werden von Spezialisten international gehandelt, an Software- oder IT-Sicherheitsfirmen verkauft, damit die dagegen Abhilfe schaffen können, aber auch in Auktionen an eher kriminell orientierte Kundenkreise verhökert.

Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.

Besondere Brisanz haben die sogenannten Less-than-Zero-Day-Exploits: Sie basieren auf nicht veröffentlichten, bisher unbekannten Sicherheitslücken. So lange sie "Less than Zero" sind, können herkömmliche IT-Sicherheitsprogramme sie nicht finden.

Sie sind die idealen Einfalltore für die Schadprogramme Krimineller, die Schnüffelprogramme der Geheimdienste und auch für Schäubles Bundes-Trojaner. Und weil sie selten und begehrt sind, sind sie teuer: Solche Exploits sollen bis zu 50.000 Dollar pro Stück kosten. Man kann sie von spezialisierten Firmen zuliefern lassen oder selbst basteln.

Die bekanntesten Werkzeugsets zur Entwicklung von Exploits werden vom Metasploit Framework produziert: einem Open-Source-Projekt ehrenamtlicher Programmierer, das nach solchen Gefahrenstellen sucht, um Softwarehersteller bei der Absicherung ihrer Programme zu unterstützen. Vergleichbare Toolkits ließen sich zur Entwicklung von Exploits gegen einzelne Rechner einsetzen.

Nur zielgerichtete Abhör-Aktionen

Während die Vorstellung von einem Bundestrojaner, der einfach verteilt werden könnte und massenhaft Rechner überwacht, wohl naiv ist, zeigt sowohl das Beispiel des FBI-Programms Magic Lantern, als auch der unbestreitbare Erfolg von Geheimdiensten und Kriminellen mit dem Einsatz von Exploits, das zumindest der gezielte E-Lauschangriff machbar ist.

Der Informatiker Hartmut Pohl schreibt in der kommenden Ausgabe des Fachblatts "Datenschutz und Datensicherheit", die Online-Durchsuchung sei natürlich möglich, wenn auch nicht flächendeckend. Voraussetzung sei "eine detaillierte Kenntnis der Hardware-/Software-Konfiguration des Zielsystems (...). Sie sind unverzichtbare Voraussetzung für die Erstellung eines Exploits zur Online-Durchsuchung. Exploits für Online-Durchsuchungen stellen jedenfalls (für eine Hardware-/Software-Konfiguration) Individuallösungen dar". Sprich: Im Einzelfall müsste der Bundes-Trojaner dem zu überwachenden System angepasst werden. Dieses muss blind sein für den Angriff.

Die Schnüffelsonde dürfte damit kaum billig werden. Eingepflanzt würde sie auf den üblichen Wegen per Kommunikation oder Software, aber auch über den Internet-Provider, huckepack auf Software-Updates oder anderen Datei-Downloads, die der Nutzer selbst anstößt.

Dann könnte es losgehen. Kommunikation und Eingaben ließen sich mittels sogenannter Packet Sniffer und Keylogger protokollieren.

Für die Durchsuchung einer Festplatte und ihrer gespeicherten Daten sind diese Mittel allerdings untauglich. Erst müsse man ein Inhaltsverzeichnis des Systems erstellen und dann verdächtige Daten von der Festplatte laden, um sie zu analysieren, behauptet Pohl.

Technisch ist das kein Problem - aber auch nicht leicht. Denn der Tiefenscan der Festplatte könnte durch ganz profane Hindernisse erschwert werden, schreibt Pohl: "Zu den begrenzenden Faktoren gehört in erster Linie eine restriktive Verbindungspolitik des Zielsystems zum Internet oder physisches Abschalten (z. B. bei Nicht-Nutzung). Weiter wirkt die zur Verfügung stehende Bandbreite des Zielsystems begrenzend; nicht bei allen Zielsystemen kann von einem DSL-Anschluss oder auch nur ISDN ausgegangen werden." Im Klartext: In der Praxis dürfte die Leitung oft zu dünn sein, um die Daten überhaupt vollständig übermitteln zu können.

Man stelle sich den Spaß vor, Gigabytes an Daten häppchenweise über eine 56-Kilobyte-Modemverbindung zu übertragen, ohne dass der PC-Nutzer die zusätzliche Leitungsbelastung bemerken soll. Vor Beendigung des Downloads ginge der potentielle Terrorist womöglich in Rente.

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