Bundes-Trojaner: Kriminelle im Schlepptau

Von Frank Patalong

Computerlecks für Online-Lauschangriffe sind auch bei Kriminellen begehrt. Genau das könnte Schäubles Bundes-Trojaner zum ausgewachsenen Sicherheitsrisiko machen. Informatiker fordern jetzt die Veröffentlichung solcher Schwachstellen - statt Einfallstore für Verbrecher zu schaffen.

Es ist nicht bekannt, wer beim FBI auf die hirnrissige Idee kam, das geplante Online-Überwachungssystem ausgerechnet Carnivore zu nennen, also "Fleischfresser" oder "Raubtier". Ein System zur Überwachung der Internet-Kommunikation sollte es werden, erfuhr die Öffentlichkeit Ende der neunziger Jahre, und binnen Jahren aufgebaut werden. Ähnliche Pläne hegt jetzt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble mit dem sogenannten Bundes-Trojaner.

Elektronisch überwachter Bürger: Mit Hackermethoden geknackte Computer, offen auch für Kriminelle?
DPA

Elektronisch überwachter Bürger: Mit Hackermethoden geknackte Computer, offen auch für Kriminelle?

Das Beispiel Carnivor zeigt, das so etwas so leicht nicht ist. Carnivore sollte alles abfangen, belauschen, protokollieren, was da über die Datenwege ging. Dass so etwas technisch möglich war, hatte die Enthüllung des Echelon-Spionagenetzes gerade gezeigt.

Echelon allerdings war über Jahrzehnte gewachsen. Bei Carnivore ging es darum, ein bestehendes Kommunikationsnetz in recht kurzer Zeit überwachbar zu machen. Das aber erwies sich als viel komplizierter, als die FBI-Experten zunächst geglaubt hatten.

Das Projekt bekam zuerst ein Imageproblem, dann den unverfänglichen Namen DCS1000, schließlich war es am Ende: Carnivore scheiterte, weil es den Ansprüchen nicht gerecht wurde. DCS1000 war weit davon entfernt, ein flexibel einsetzbares Werkzeug zur Online-Überwachung zu sein. Bis zum Schluss kam das FBI nie darüber hinaus, bei Serviceprovidern Abhör-PCs zu installieren, um nur die Verbindungen einzelner Rechner mittels so genannter Packet-Sniffer belauschen zu können - viel Aufwand, wenig Ertrag.

Nach den Anschlägen am 11. September 2001 wollte die Politik vom FBI bessere Ergebnisse sehen, keine Wasserstandsmeldungen über den Aufbau eines Systems. Es folgte der Todesstoß. 2001 stellte das FBI die Arbeit mit und an DCS1000 angeblich ein.

Stattdessen wurde mehr erlaubt. Das FBI wählte eben jenen Weg, über den in diesen Tagen in Deutschland heftig diskutiert wird: Die Fahnder begannen, Keylogger und Trojaner einzusetzen.

Der bekannteste nennt sich Magic Lantern ("Magische Laterne"). Er wird per E-Mail oder unter Ausnutzung von Browser-Schwachstellen und Sicherheitslücken in anderen Programmen auf den Rechner geschleust, den er überwachen soll. Dann protokolliert das Schnüffelprogramm alles, was in die Tastatur gehauen wird. Magic Lantern wird angeblich mit Erfolg auf Computer losgelassen.

Genau so etwas hätte Schäuble nun auch gerne.

Kein Problem, solche Tools kann man kaufen - genauso das Wissen über die Sicherheitslücken, die man zum Einbruch in die Computer braucht. Sicherheitslücken lassen sich mit Hilfe so genannter Exploits missbrauchen. Sie werden von Spezialisten international gehandelt, an Software- oder IT-Sicherheitsfirmen verkauft, damit die dagegen Abhilfe schaffen können, aber auch in Auktionen an eher kriminell orientierte Kundenkreise verhökert.

Schad- und Spähsoftware
Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren

Besondere Brisanz haben die sogenannten Less-than-Zero-Day-Exploits: Sie basieren auf nicht veröffentlichten, bisher unbekannten Sicherheitslücken. So lange sie "Less than Zero" sind, können herkömmliche IT-Sicherheitsprogramme sie nicht finden.

Sie sind die idealen Einfalltore für die Schadprogramme Krimineller, die Schnüffelprogramme der Geheimdienste und auch für Schäubles Bundes-Trojaner. Und weil sie selten und begehrt sind, sind sie teuer: Solche Exploits sollen bis zu 50.000 Dollar pro Stück kosten. Man kann sie von spezialisierten Firmen zuliefern lassen oder selbst basteln.

Die bekanntesten Werkzeugsets zur Entwicklung von Exploits werden vom Metasploit Framework produziert: einem Open-Source-Projekt ehrenamtlicher Programmierer, das nach solchen Gefahrenstellen sucht, um Softwarehersteller bei der Absicherung ihrer Programme zu unterstützen. Vergleichbare Toolkits ließen sich zur Entwicklung von Exploits gegen einzelne Rechner einsetzen.

Nur zielgerichtete Abhör-Aktionen

Während die Vorstellung von einem Bundestrojaner, der einfach verteilt werden könnte und massenhaft Rechner überwacht, wohl naiv ist, zeigt sowohl das Beispiel des FBI-Programms Magic Lantern, als auch der unbestreitbare Erfolg von Geheimdiensten und Kriminellen mit dem Einsatz von Exploits, das zumindest der gezielte E-Lauschangriff machbar ist.

Der Informatiker Hartmut Pohl schreibt in der kommenden Ausgabe des Fachblatts "Datenschutz und Datensicherheit", die Online-Durchsuchung sei natürlich möglich, wenn auch nicht flächendeckend. Voraussetzung sei "eine detaillierte Kenntnis der Hardware-/Software-Konfiguration des Zielsystems (...). Sie sind unverzichtbare Voraussetzung für die Erstellung eines Exploits zur Online-Durchsuchung. Exploits für Online-Durchsuchungen stellen jedenfalls (für eine Hardware-/Software-Konfiguration) Individuallösungen dar". Sprich: Im Einzelfall müsste der Bundes-Trojaner dem zu überwachenden System angepasst werden. Dieses muss blind sein für den Angriff.

Die Schnüffelsonde dürfte damit kaum billig werden. Eingepflanzt würde sie auf den üblichen Wegen per Kommunikation oder Software, aber auch über den Internet-Provider, huckepack auf Software-Updates oder anderen Datei-Downloads, die der Nutzer selbst anstößt.

Dann könnte es losgehen. Kommunikation und Eingaben ließen sich mittels sogenannter Packet Sniffer und Keylogger protokollieren.

Für die Durchsuchung einer Festplatte und ihrer gespeicherten Daten sind diese Mittel allerdings untauglich. Erst müsse man ein Inhaltsverzeichnis des Systems erstellen und dann verdächtige Daten von der Festplatte laden, um sie zu analysieren, behauptet Pohl.

Technisch ist das kein Problem - aber auch nicht leicht. Denn der Tiefenscan der Festplatte könnte durch ganz profane Hindernisse erschwert werden, schreibt Pohl: "Zu den begrenzenden Faktoren gehört in erster Linie eine restriktive Verbindungspolitik des Zielsystems zum Internet oder physisches Abschalten (z. B. bei Nicht-Nutzung). Weiter wirkt die zur Verfügung stehende Bandbreite des Zielsystems begrenzend; nicht bei allen Zielsystemen kann von einem DSL-Anschluss oder auch nur ISDN ausgegangen werden." Im Klartext: In der Praxis dürfte die Leitung oft zu dünn sein, um die Daten überhaupt vollständig übermitteln zu können.

Man stelle sich den Spaß vor, Gigabytes an Daten häppchenweise über eine 56-Kilobyte-Modemverbindung zu übertragen, ohne dass der PC-Nutzer die zusätzliche Leitungsbelastung bemerken soll. Vor Beendigung des Downloads ginge der potentielle Terrorist womöglich in Rente.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Tech
alles zum Thema Online-Durchsuchung

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Donnerstag, 30.08.2007 – 18:35 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback






TOP



TOP