Computer Datenmüll auf dem Gabentisch

Die Musikindustrie hat fast unbemerkt kopiergeschützte CDs eingeführt. Nun formiert sich Kundenprotest gegen die minderwertigen Mogelpackungen.

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Die Musik-CD versprach viel: "Just the Best", so der Titel der Hitsammlung aus dem Hause BMG Entertainment, einer Bertelsmann-Tochter. Doch als Matthias Heider aus Porta Westfalica die Scheibe an seinem Computer anhören wollte, erlebte er weder Gutes noch gar, wie versprochen, das Beste, sondern schlicht ­ gar nichts. Sein Rechner blieb stumm. Und auch in der Auto-Stereoanlage versagte der Silberling den Dienst.

DER SPIEGEL
Erbost tauschte Heider die Minderware um und erstattete jetzt Strafanzeige wegen "besonders schweren Betrugs" zur "Erlangung von Vermögensvorteilen", der "gewerbsmäßig und in tausendfacher Anzahl begangen" werde.

Die umstrittene CD ist Teil der Bescherung, mit der die Musikindustrie in diesem Weihnachtsgeschäft ihre Kunden überrascht: Viele Neuerscheinungen haben unerwartete Risiken und Nebenwirkungen.

Vom neuen Album der Esoterik-Muse Heather Nova über die Songs der minderbegabten Boygroup 'N Sync bis hin zu einigen Exemplaren der neuen Hitsingle von Michael Jackson ­ überall haben die Produzenten digitalen Datenmüll unter die Musik gemischt. Der Zweck: Die eigenartigen Beimischungen sollen die CD-Laufwerke von Computern verwirren, so dass diese den Datenträger nicht auslesen können. Dadurch soll illegales Raubkopieren verhindert werden.

Das Datenchaos wird systematisch betrieben: Im Sommer forderte die deutsche Landesgruppe des Internationalen Verbandes der Phono-Industrie, fortan Musik-CDs grundsätzlich mit dem neuartigen Kopierschutz zu versehen.

Hintergrund sind die dramatischen Umsatzrückgänge von über 12 Prozent in den ersten sechs Monaten dieses Jahres, während der Verkauf von CD-Brennern und CD-Rohlingen nach oben schießt. Setzt sich diese Tendenz fort, dann werden im nächsten Jahr mehr CD-Rs privat mit Musik bespielt als CDs im Laden gekauft. Die Musikindustrie klagt über Einnahmeverluste von über drei Milliarden Mark allein in Deutschland.

Der Zusammenhang ist allerdings umstritten. Kritiker des Kopierschutzes argumentieren, dass die Krise ganz andere Gründe habe: Der überzogene CD-Preis etwa schrecke die traditionell wichtige Teenager-Klientel ab, die ihr Taschengeld neuerdings lieber in Handys, Online-Gebühren und Computer investiert.

Der Kopierschutz droht nun, noch mehr potenzielle Kunden abzuschrecken. Denn die Antipiraterie-Software ist unausgereift: wirkungslos gegen Kriminelle und grob fahrlässig gegenüber ehrlichen Käufern. Denn manch herkömmliche Stereoanlage gerät durch verwürfelte Bits aus dem Tritt.

Kopierschutz? Für "Profis" kein Problem

Für entschlossene Raubkopierer dagegen ist der Kopierschutz keine Hürde. Apple-Rechner ignorieren den Digitaltresor oft einfach. Und unter Windows lässt er sich mit Programmen wie "CloneCD" leicht knacken.

Die Umgehung des Kopierschutzes ist nicht einmal illegal, sondern vielmehr ein verbrieftes Recht: Jeder Kunde darf "zum privaten und sonstigen eigenen Gebrauch" Kopien von seinen CDs ziehen, das garantiert das Urheberrechtsgesetz, Paragraf 53. Oft sind die kopierten CDs sogar besser als ihre Originalvorlage und laufen wieder auf jeder Stereoanlage, weil der Datensalat beim Kopieren aussortiert wird.

Der Kopierschutz basiert meist auf einem einfachen Trick: Er verstößt gezielt gegen den Industriestandard für Musik-CDs von 1982, im Branchenjargon "Red Book" genannt. Je präziser ein Abspielgerät auf diesen Standard eingestellt ist, desto wahrscheinlicher werden Abspielprobleme bei nicht standardkonformen CDs. "Kopiergeschützte CDs dürfen juristisch gesehen nicht das Siegel Compact Disc Digital Audio tragen", ereifert sich Heider pedantisch, aber korrekt. "Da müsste eine Warnung draufstehen: ,Dies ist eine runde Scheibe mit einem Loch in der Mitte ­ aber keine Audio-CD!'"

Tatsächlich dürfte die Kennzeichnungspflicht Kernpunkt der juristischen Auseinandersetzung werden. Die Warnhinweise sind meist winzig, nur Eingeweihten verständlich, und zudem irgendwo auf der Rückseite der CD-Hülle versteckt ­ wenn überhaupt. "Oft werden kopiergeschützte CDs den Kunden als Mogelpackung untergeschoben", klagt Jürgen Schröder von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Niemand könne der Industrie vorschreiben, was sie mit ihren CDs anstelle, so Schröder, solange es für die Kunden transparent ist. "Aber es ist nicht erlaubt, ein Auto mit 250 PS anzupreisen, und dabei zu verschweigen, dass der Motor bei 100 Stundenkilometern abgeregelt ist."

Nun regt sich Widerstand gegen die abgeregelten Musikboliden. Eine Kundin aus Kalifornien klagt gegen die Plattenfirma Fahrenheit, weil sie sich vom Kopierschutz hintergangen fühlt. In England organisiert sich der Protest über die Webseite uk.eurorights.org. Regelmäßig demonstrieren Aktivisten in Städten wie London, Cambridge und Birmingham vor Plattenläden und verteilen Handzettel, auf denen sie über die klammheimlichen Datentricksereien aufklären.

Die skurrilste Protestform stammt von Jörg Dennis Krüger, einem 20-jährigen Computerfachmann aus München. Er bietet Kopierschutzgeschädigten an, Duplikate ihrer musikalischen Minderware als elektronische MP3-Datei zu erstellen ­ unentgeltlich und daher legal. Seine Web-Adresse ist Programm: www.gegen-den-kopierschutz.de



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