Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Computeranimation: Realer als die Realität

Von

Eine Neuauflage von "Casablanca" mit einem digitalen Humphrey Bogart? Von solchen Filmprojekten hat Hollywood lange geträumt. Jetzt könnten sie wahr werden - mit Animationen, die man nicht vom Original unterscheiden kann.

Die Szene wirkt wie ein Interview: Ganz entspannt sitzt Emily in einem Ledersessel, beantwortet Fragen zu ihrem Arbeitgeber und dessen Technik. Dabei lässt sie ihrem Mienenspiel freien Lauf. Emily ist nicht real, sie ist eine Computeranimation, erstellt von einem Unternehmen namens Image Metrics, dessen Firmensitz in Kalifornien liegt und sich anschickt, mit seiner Computertechnik Hollywoods Träume wahr werden zu lassen.

Der wichtigste Unterschied der Image-Metrics-Technik gegenüber bisherigen Animationstechnologien: Es werden viel mehr Details berücksichtigt. Bislang ist es üblich, die realen Personen, deren Bewegungen auf digitale Figuren übertragen werden sollen, mit Referenzpunkten zu bekleben. Die Personen werden dann von einer Kamera aufgenommen und die Bewegungen der Markierungspunkte auf die Figur übertragen. Das System von Image Metrics allerdings arbeitet viel feiner. Statt fest definierter Einzelpunkte analysiert die Software des Unternehmens jedes einzelne Pixel, das von der Kamera aufgenommen wurde, überträgt jede kleine Bewegung 1:1 auf die 3D-Figur.

Die Augen machen den Unterschied

Das Resultat sind wesentlich "rundere" Bewegungsabläufe. Auch feine Nuancen in der Mimik des jeweiligen Schauspielers können wiedergeben werden. Genau diese kleinen Details allerdings seien es, so Firmenchef Mike Starkenburg, die den großen Unterschied zwischen den Animationstechniken ausmachen. "90 Prozent der Arbeit besteht darin, die Leute davon zu überzeugen, dass die Augen echt sind", sagte Starkenburg gegenüber der britischen "Times"

Und genau das lässt sich mit der Pünktchen-Methode nicht realisieren. "Bisher mussten sich die Schauspieler kleine Kügelchen oder Reflektorpunkte aufkleben lassen. Aber diese Methode kann weder die Augen noch den Mund wirklich wahrnehmen, weil man auf Augen und Zunge keine notwendigen Reflektorpunkte aufkleben kann", erklärt Image-Metrics-Manager Kevin Duckett.

Die bisherigen Systeme seien viel zu ungenau, um menschliche Mimik realistisch erfassen zu können. Rund 50 Muskeln seien für das Gesicht zuständig, deren Wechselspiel könne auf herkömmliche Weise nicht reproduziert werden. Winzige Details wie etwa die Faltenbildung rund um die Augen seien mit herkömmlicher Animationstechnik nicht erfassbar.

Lieber Cartoons als Pseudo-Realismus

Deshalb habe die Animationsindustrie bisher in einer Sackgasse gesteckt, die Image Metrics als "das unheimliche Tal" bezeichnet. Zwar sei man hinsichtlich der Realitätsnähe immer weiter vorangekommen, doch habe man es nie geschafft, jenen Punkt zu überwinden, an dem die künstlichen Gestalten wirklich lebendig wirken. Stattdessen erscheinen die digitalen Gestalten oft unnatürlich starr, eben wie Untote, deren Bewegungen mit dünnen Fäden kontrolliert werden, was vollkommen unrealistisch und störend wirkt.

Um solchen Effekten vorzubeugen und deutlich herauszustellen, dass es sich bei den Figuren in Animationsfilmen um künstliche Charaktere handelt, werden in Filmen daher meist absichtlich cartoonartige Gestalten verwendet. Einen Ausweg aus diesem Talkessel der fast, aber eben doch nicht ganz überzeugenden Nachbildung realer Figuren am Computer hat bisher noch niemand gefunden.

Ein digitaler Richard Burton geht auf Tour

Doch das könnte sich mit Image Metrics bald ändern. Beispiele dafür, was mit den digitalen Darstellern möglich wäre, gibt es schon jetzt zuhauf. So beispielsweise einen Werbespot, in dem Fred und Ethel, bekannt aus der Fünfziger-Jahre-TV-Serie "I love Lucy", Werbung für Medikamente macht.

Bereits vor einem Jahr ging eine von den Amerikanern animierte Figur sogar auf Tournee: Eine 3D-Version des 1984 verstorbenen Schauspielers Richard Burton trat während der Live-Inszenierung der Musical-Version des Science-Fiction-Klassikers "War of the Worlds" vor die Bühne und sprach mit sonorer Stimme die berühmten Einleitungsworte ("No one would have believed ...").

Hollywood ruft

Doch das war offenbar nur eine Fingerübung für das, was das Unternehmen noch vorhat. Derzeit arbeite man mit der neuen Technologie bereits an einem Kinofilm mit, der noch in diesem Jahr veröffentlicht werden soll, lässt Image Metrics wissen. Um welchen Film es sich handelt und welche Aufgaben die Computeranimateure dabei erfüllen, will man aber nicht preisgeben.

Wer weiß, vielleicht steht in Kalifornien ja gerade ein virtueller Humphrey Bogart vor der Kamera und dreht "Casablanca 2 - die Rückkehr"? Bleibt nur die Frage, wer dann das Schauspielerhonorar einstreicht: die Animateure oder die Erben des längst begrabenen Filmhelden?

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Das Emily-Projekt: So funktioniert die Image-Metrics-Technik


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: