Computervortrag-Spektakel: Popstars des Power-Powerpoint

Von Christian Fuchs

20 Folien, 20 Sekunden und bis zu 2000 Zuschauer - Pecha Kucha ist die bizarrste Art, mit Powerpoint zu präsentieren. Jetzt kommt der Fun-Trend aus Fernost endgültig in Deutschland an: Sogar auf der Cebit wetteifern Manager in der Kunst des knackigen Verkaufens.

In Berlin brauchen die Menschen nicht viel, um glücklich zu sein. Einen Raum, einen Laptop, einen Beamer und eine klare Regel: Du kannst über alles sprechen, nur nicht über 6 Minuten und 40 Sekunden. Das Spiel heißt Pecha Kucha und ist eine Form vergnüglicher Unterhaltung mit dem Vortragsprogramm Powerpoint. Jeder Sprecher darf 20 Folien benutzen, die aber jeweils nur 20 Sekunden stehenbleiben dürfen. Das erfordert ein paar Gedanken im Vorfeld und führt zu verblüffenden Einsichten im Sekundentakt beim Publikum.

An einem Abend im "Festsaal Kreuzberg" sprechen zwölf Referenten über so unterschiedliche Dinge wie die "neue Trendsportart" Strand-Völkerball, eine Spendensammelreise durch Südamerika ("user generated globetrotting"), Zukunftsforschung, die Durchführung einer Notlandung im Airbus, den Urknall, Bombenentschärfung, den menschlichen Geist, Zombies, das Verstehen des Unbegreiflichen und Riesenexplosionen in Sibirien.

Seelen-Striptease und Netzwerken

Zwischendrin werden aber auch sehr merkwürdige Themen zum Vortrag gebracht. Eine junge Frau tritt auf die Bühne und haucht ins Mikrofon: "Seit 15 Jahren beschäftige ich mich mit mir selbst, allein in den vergangenen vier Jahren habe ich 2000 Fotos von mir gemacht, 20 davon zeige ich jetzt." Es folgt eine Aneinanderreihung von fast ausschließlich Nacktfotos, denen die Fotografin scheinbar zufällig Gemütszustände wie Depression oder Drogenrausch zuordnet. Die Präsentation wirkt wie eine Bewerbung als Künstlermuse. Andy Warhol, wo bist du?

Erfunden wurde Pecha Kucha von zwei Architekten in Tokio vor sechs Jahren. Iepe Rubingh importierte das Format 2006 nach Berlin - für eines der ersten Pecha-Kucha-Events außerhalb Japans. Der holländische Aktionskünstler wurde vor ein paar Jahren mit der Erfindung des Schachboxens bekannt. Zusammen mit dem Künstler Joachim Stein und anderen Kreativen organisiert Rubingh die Diashow für Akademiker bis heute.

"Pecha Kucha kommt aus der Architektur, ist aber eine Mischung aus Sport und Kunst. Es funktioniert so gut, weil es einfach zu verstehen ist", sagt Joachim Stein. "Die 20x20-Regel hat sich weltweit bewährt, die Geschwindigkeit fühlt sich gut an und der Vortrag bleibt kurzweilig", sagt Stein. In fast 170 Städten treffen sich derzeit Menschen zum Pecha Kucha: Von Bangalore bis Honolulu, von Kuweit-City bis Zagreb. In London kamen einmal über 2000 Besucher zu einer Veranstaltung.

Nicht nur auf der Bühne stehen junge Berliner, die von ihren neusten Projekten erzählen - auch im Publikum scheint sich die digitale Bohème zu versammeln: Es dominieren wilde Seitenscheitel und ironische Poloshirts, die Jungs tragen Kappen, die Mädchen Mittelscheitel. Spontanapplaus setzt ein, als ein Sprecher über Zombies redet und dabei ein Foto von sechs Kreativen in einem Café vor ihren silbernen MacBooks zeigt.

Das urbane Völkchen ist unter sich. Das sei durchaus gewollt, sagt Iepe Rubingh: "Wir verknüpfen die Szene untereinander." Die manchmal obskure Themenmischung sei für viele Zuschauer eine Inspirationsquelle. Durch Pecha-Kucha-Abende wurden schon spannende Projekte angeregt. Hier trafen die Architekten des hippen Büros Graft und Mitglieder des Künstlernetzwerks Platoon aufeinander. Heute bauen sie zusammen eine Kunsthalle im südkoreanischen Seoul.

Aus dem Untergrund in die Werbeagentur

Mit einer anderen kreativen Powerpoint-Idee, dem Powerpoint-Karaoke, hat Pecha Kucha nicht viel zu tun: "Karaoke ist eher inhaltsleer, aber man kann echte Performance-Höhepunkte erleben", sagt Iepe, "aber wir sind viel ernster und haben immer auch wichtige Themen dabei."

An diesem Abend spricht ein Dokumentarfilmer über seine Erfahrungen als Wahlbeobachter im Kongo. Auf einer anderen Veranstaltung berichtete ein Arzt über das Anfertigen von Beinprothesen, ein anderer Sprecher erzählte von einer Aids-Epidemie in der Ukraine und Till Behnke stellte sein soziales Projekt betterplace.org vor.

Diese Mischung macht am Ende auch den Reiz des Abends aus. "Bei jedem Vortrag muss man sich neu einstellen, man weiß nie, was als nächstes kommt - selbst wir wissen es nie so genau", sagt Iepe Rubingh, der sich von den Vortragenden nur eines wünscht: Dass sie Leidenschaft für ihr Thema mitbringen.

In Deutschland treffen sich Anhänger des "wilden Geplappers" (so die Übersetzung aus dem Japanischen) in zehn Städten. Jeder Ort hat seinen eigenen Charakter: Frankfurt ist etwas offizieller - da findet Pecha Kucha auch mal im Architekturmuseum statt, München setzt mehr auf Klamauk und Köln war bisher sehr designlastig. Damit es nicht zu langweilig wird, wechseln die Berliner Macher öfter mal ihren Standort: Sie waren schon in einem Supermarkt in Wedding zu Gast, in einem Ballhaus im Prenzlauer Berg und in einem Club in Mitte. Einmal wurden sogar befreundete Sprecher aus Neuseeland und Brasilien via Skype in die Berliner Nacht zugeschaltet.

Nach sechs Jahren im Untergrund springt die knackige Präsentationstechnik nun auf die Wirtschaft über. In Werbeagenturen stellen sich neue Mitarbeiter im ersten Meeting bereits mit Hilfe der 20x20-Regel vor - und dieses Jahr gibt es erstmals ein Pecha Kucha auf der Computermesse Cebit. Dort müssen Internet-Manager ihre Fähigkeiten im Power-Powerpoint beweisen. In der einmal nicht einschläfernden Variante.


Die nächste Veranstaltung:
Hannover, 5.3.2009, 12.40 Uhr: Cebit, Hannover, Halle 6
Köln: 19.3.2009, 20.20 Uhr im Atelier Colonia

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