Cray-Computer: Superrechner für die Atomforschung zu Haus

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Ein Blitzschnellrechner im Desktop-Format: Der legendäre Computer-Hersteller Cray hat eine Maschine vorgestellt, die es mit der Leistung eines Rechenzentrums aufnehmen kann - und unter den Schreibtisch passt. Mit im Boot sind Intel und Microsoft.

Der Name hat einen anderen Klang als andere aus der gleichen Branche. So ähnlich wie Lamborghini - auch nicht einfach ein Auto. Oder Patek Philippe - auch nicht einfach eine Uhr. Ein Rechner von Cray, das war viele Jahre lang nicht einfach ein Computer. Sondern immer ein "Supercomputer". Eine Maschine von mythischem Ruf, mit nahezu übernatürlichen Kräften. Dabei schlägt heute jeder PC aus dem Elektronikmarkt die 170 Megaflops die ein "Cray-1" aus dem Jahr 1976 vollziehen konnte, locker um Längen. Sogar Grafikkarten rechnen heute um Größenordnungen schneller als die Maschine, die Seymour Cray 1976 der Öffentlichkeit vorstellte. Damals jedoch war das Gerät, das aussah wie ein kreisförmiges Sitzmöbel aus dem "Star Trek"-Universum, ein Meilenstein. Ein Rechenmonster, das Design und übermenschliche Leistung vereinigte. Jetzt kann man sich einen Cray auch für zu Hause kaufen. Und er läuft unter Windows.

Flops sind Floating Point Operations per Second. Megaflops stehen also für eine Million solcher Rechenoperationen pro Sekunde, 10 hoch 6 Kalkulationen. Die Leistung heutiger Superrechner wird in Tera- (10 hoch 12) oder Petaflops (10 hoch 15) gemessen. Selbst Sonys Spielkonsole Playstation 3 schafft angeblich über 200 Gigaflops (10 hoch 9).

Sechzehn mal vier Kerne mit je 3,4 Gigahertz

Der Büro-Cray mit dem Namen CX1 soll laut der "Seattle Times" maximal 786 Gigaflops packen. Dazu wird er mit bis zu 16 Zwei- oder Vierkernprozessoren von Intel mit einer Taktfrequenz von je 3,4 Gigahertz ausgerüstet. Dazu kommen vier Terabyte interner Speicher und noch einmal bis zu 64 Gigabyte Speicher in jeder der bis zu acht Recheneinheiten des Systems. Das ist schon ein bisschen mehr Hardware als der übliche Bürorechner besitzt.

Betrieben wird der Supercomputer, der unter den Schreibtisch passt, mit einem Windows-HPC-Server-2008-Betriebssystem. HPC steht für "High Performance Computing" - für Microsoft ist die Kooperation mit Cray nicht zuletzt eine Möglichkeit, auf die eigenen Produkte in diesem Bereich hinzuweisen. Im Server-Markt ist Linux nach wie vor ein ernsthafter Konkurrent. Für Intel gilt Ähnliches: In den schnellsten Superrechnern der Gegenwart stecken Prozessoren von den Konkurrenten AMD und IBM - die Kooperation mit Cray bringt Intel ein bisschen dringend benötigte "Wir sind auch sehr schnell"-Publicity. Auch wenn laut der "Top500"-Liste der schnellsten Superrechner fast drei Viertel aller dort verbauten Chips von Intel stammen.

Den Marktforschern von IDC zufolge ist der Markt für Hochleistungsrechner in den vergangenen vier Jahren jeweils um 19 Prozent gewachsen. Käufer sind unter anderem Unternehmen aus den Bereichen Biowissenschaften, Maschinenbau und Rüstung. 2007 sind mit solchen Systemen demnach 12 Milliarden Dollar umgesetzt worden - nun will Cray ein neues Marktsegment erschließen. Home-Supercomputing gewissermaßen. Für Heimanwender mit viel Kleingeld allerdings.

Kosten soll der CX1 25.000 bis 80.000 Dollar, je nach Ausstattung. Das ist ein Schnäppchen - verglichen mit den Supercomputern, die heute in den Atomforschungszentren und Super-Universitäten der Welt herumstehen. Die schnellsten der schnellen werden dabei schon länger nicht mehr von Cray hergestellt, sondern von IBM. Deren rasender Rechner namens Roadrunner stellte im Juni erst einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf: ein Petaflops.

Eine Billiarde Rechenoperationen pro Sekunde

Petaflops heißt: Eintausend Billionen Rechenoperationen pro Sekunde, also eine Billiarde. Vor dem Roadrunner-Rekord lag der Superrechner BlueGene/L klar in Führung - auch von IBM. Der Riesenrechner, der am Lawrence Livermore National Laboratory steht, schaffte aber auch nach einer Tuning-Runde im vergangenen Jahr nur 478,2 Teraflops.

All das Tempo hat aber eben seinen Preis. Der Roadrunner etwa kostete 133 Millionen Dollar. Insgesamt ist der Preis pro Megaflops seit 1976 jedoch rasant gefallen. Der schnellste Cray im Jahr 1991 schaffte 10 Gigaflops - das sind fünf Nullen am Ende weniger als der Roadrunner-Rekord - und kostete 40 Millionen Dollar.

Seymour Cray hat den Siegeszug der riesigen Parallelrechner nicht mehr miterlebt - er starb 1996 an Verletzungen, die er sich bei einem Autounfall zugezogen hatte. Sein eigenes Unternehmen Cray Research hatte er schon 1989 verlassen. In den Neunzigern hatte der "Vater der Supercomputer", der seit den Fünfzigern nichts anderes gemacht hatte, als immer schnellere Rechner zu bauen, in einer neugegründeten Firma noch an einem "Cray-3", dann an einem "Cray-4" gearbeitet. Beide waren jedoch - im ursprünglichen Sinn des Wortes - Flops.

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