Crusoe-Prozessor Revolution oder Reinfall?

Mit dem neuen Crusoe-Prozessor versucht eine kleine kalifornische Firma den Angriff auf den Marktführer Intel. Ihr großer Trumpf: ein Chip, der viel weniger Strom verbraucht als die Produkte der Konkurrenz. Doch Intel hat sich für den Gegenschlag gerüstet.

Von Alexander Stirn


Saratoga - Das Interesse war groß, zu groß für eine Webpräsentation. Wer am Mittwochabend mittels RealVideo einen Blick auf die Vorstellung des bislang wohl bestgehütetsten Geheimnisses der Computerindustrie werfen wollte, bekam nur eine Fehlermeldung zu sehen. Und wer wenig später die Homepage des neuen Crusoe-Prozessors ansteuerte, hatte auch nicht mehr Glück.

Der Beginn eines neuen Zeitalters? Transmeta-Chef Dave Ditzel (rechts) und Linux-Schöpfer Linus Thorvalds präsentieren Crusoe
REUTERS

Der Beginn eines neuen Zeitalters? Transmeta-Chef Dave Ditzel (rechts) und Linux-Schöpfer Linus Thorvalds präsentieren Crusoe

Die Neugier ist verständlich: Fast fünf Jahre Entwicklungszeit und Investitionen in Höhe von 100 Millionen Dollar hat die kleine kalifornische Firma Transmeta in ihren geheimnisvollen Chip gesteckt. Fünf Jahre, in denen außer Gerüchten nichts die Mauern der Büros in Santa Clara verließ. Nur die Namen der Transmeta-Protagonisten waren bekannt: Unter ihnen mit Paul Allen einer der Gründer von Microsoft, daneben der Linux-Schöpfer Linus Torvalds und der Milliardär George Soros. Namen, die verpflichten.

Die neuen Chips, von denen Transmeta hofft, sie werden den Markt "revolutionieren", sollen vor allem in kleinen, tragbaren und für das Internet optimierten Geräten zum Einsatz kommen. Der Anwendungsbereich könnten sich von Laptops über Handhelds bis hin zu so genannten Web Pads erstrecken. Als Betriebssystem kommt unter anderem das neue von Linus Torvalds entwickelte "Mobile Linux" zum Einsatz.

Der große Vorteil der Crusoe-Familie: Die neuen Prozessoren brauchen weit weniger Strom als die Konkurrenz des weltgrößten Chipproduzenten Intel. Damit kann auch ohne Steckdose länger und mobiler im Internet gesurft werden, als es bislang möglich war.

Grund für den geringen Stromverbrauch ist eine neuartige Softwaresteuerung: Der Prozessor erkennt, welche Anwendungen laufen und wie viel Rechenzeit sie brauchen. Entsprechend stellt er seine Taktgeschwindigkeit und damit auch seinen Energieverbrauch ein.

Überhaupt sind, anders als bei Intel-Prozessoren, im Crusoe viele Funktionen nicht fest eingebaut. Sie werden vielmehr über Software angesteuert. So sorgt zum Beispiel ein spezielles Programm dafür, dass der neue Prozessor überhaupt erst Intel-kompatibel ist. Etwaige Fehler im Prozessor, in der Vergangenheit keine Seltenheit, können aufgrund dieses Designs relativ einfach mit Updates behoben werden. Experten befürchten allerdings, dass die Software-Emulation auf Kosten der Performance geht.

Soll die Revolution bei den Prozessoren bringen: der neue Crusoe

Soll die Revolution bei den Prozessoren bringen: der neue Crusoe

"Computer werden immer mobiler, da müssen sich auch die Mikroprozessoren anpassen", sagte Transmeta-Chef Dave Ditzel bei der Präsentation. Ditzel, der zuvor Chips für Sun und AT&T entwickelte, hat die Firma vor fünf Jahren gegründet. Mittlerweile hat Transmeta rund 200 Mitarbeiter. "In Zukunft", hofft Ditzel, "werden die Menschen das Haus nicht mehr ohne ihren tragbaren Internetempfänger verlassen - genauso wie sie es heute mit dem Handy machen."

Die Chips von der Größe einer Briefmarke sollen in der 400-Megahertz-Version 89 Dollar kosten. Die deutlich schnellere 700-Megahertz-Variante des Crusoe wird für 329 Dollar zu haben sein. Gebaut werden die Chips von IBM. Der Computerriese hofft, Mitte des Jahres mit dem Versand beginnen zu können.

Analysten vor Ort zeigten sich beeindruckt vom neuen Chip. Allerdings werde der Erfolg letztlich davon abhängen, in welchen Geräten der Prozessor zum Einsatz komme. Auch müssten erst objektive Test die wahre Leistungskraft des vermeintlichen Wunderprozessors zeigen.

Der Angriff auf Intel wird für Transmeta nicht einfach werden. Fast alle großen Computerhersteller haben langfristige Verträge mit dem Marktführer geschlossen. Und Intel hat bereits auf die Herausforderung durch den Crusoe reagiert: Der am Dienstag vorgestellte Pentium-Prozessor mit der so genannten SpeedStep-Technologie kann seine Taktgeschwindigkeit ebenfalls automatisch anpassen - allerdings nur in zwei Stufen. Hängt der Rechner am Stromnetz, läuft der Intel-Chip mit voller Kraft. Wird dagegen unterwegs gearbeitet, müssen Anwender mit einer geringeren Geschwindigkeit Vorlieb nehmen.



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