Das nächste Internet IPv6-Lobby drängt auf Systemwechsel

Bis 2010, verspricht die Bundesregierung, soll es in Deutschland Breitband-Internet für (fast) alle geben. Das macht es schneller, aber nicht besser, meint der deutsche IPv6-Rat und mahnt zur Systemumstellung. Mit gutem Grund: Bis 2011 geht dem Web der Adressraum aus.


Die Sextillion ist eine Zahl, die so klingt, als käme sie aus einem Donald-Duck-Comic: Man kann sich vorstellen, dass sie die Zahl der Taler in Dagoberts Geldspeicher bezeichnet. Irgendetwas großes, unermesslich zahlreiches, geradezu kosmisches jenseits normaler menschlicher Vorstellungskraft jedenfalls. Die Sextillion ist eine Eins mit 36 Nullen hintendran.

Kommunikation total: IPv6 ist das Protokoll, das Platz für immer mehr Dienste schaffen soll
Corbis

Kommunikation total: IPv6 ist das Protokoll, das Platz für immer mehr Dienste schaffen soll

Christoph Meinel, Direktor des Potsdamer Hasso-Plattner-Instituts und Kopf des deutschen IPv6-Rates, gehört zu der wachsenden Zahl Menschen, die glauben, dass wir dringend 340 davon brauchen - und zwar 340 Sextillionen IP-Adressen. Das wäre der nächste Ausbauschritt des so genannten Adressraumes, denn der wird langsam knapp. Spätestens 2012, vielleicht schon 2011 ist Schluss mit frischen Internetadressen, dann sind die mickrigen 4,29 Milliarden, die das alte Protokoll IPv4 ermöglicht, ausgeschöpft und vergeben.

Fast 90 Prozent aller möglichen Adressen sind vergeben - und das, obwohl erst rund 20 Prozent der Weltbevölkerung überhaupt Zugang zu den Netzen hat. Pro Onliner gibt es also gleich mehrere Adressen, was unter anderem daran liegt, dass Firmen und Organisationen alles okkupieren, was auch nur entfernt an sie erinnert. Dazu kommt, dass in den Anfangstagen, als nur wenige Server mit dem Internet verbunden waren, mit den Adressen kräftig geaast wurde: Universitäten und Organisationen bekamen Bündel zur Verfügung gestellt, die Millionen von Adressen beinhalteten. Die brauchte zwar niemand, aber man hatte ja genug davon. Jetzt, wo der Adressraum knapp wird, fehlen sie: Manche Organisationen sitzen auf 16 Millionen Adressen, die sie allerdings auch nicht wieder herausgeben.

Es läuft nur noch mit Notnägeln

Bereits seit mehreren Jahren tricksen darum die Registrare und Provider, um auch noch das Letzte aus dem noch zur Verfügung stehenden Adressraum herauszukitzeln: Sie bündeln gleich mehrere WWW-Adressen auf einer IP-Adresse - sonst wäre schon längst Schluss gewesen.

Das schafft Raum, aber auch Engpässe und ist kein Konzept, das man beliebig weitertreiben könnte. Probleme macht es nicht nur dann, wenn beispielsweise aus juristischen Gründen eine Webseite gesperrt werden soll - und gleich hundert weitere mit blockiert werden. Wenn man so will, dokumentiert NAPT deutlicher als alles andere, wie notwendig die Umstellung auf IPv6 inzwischen ist.

Einst schien alles überdimensioniert

In den Siebzigern, als das Internet-Protokoll TCP-IP und IPv4 entwickelt wurden, war all das nicht vorstellbar: Da schienen selbst vier Milliarden mögliche Internetadressen, die sich mit Hilfe von 32 Bit kurzen dezimalen IP-Adressen konstruieren lassen, unermesslich viel. 340 Sextillionen aber, konstruiert aus einer 128 Bit langen hexadezimalen Adresse, hätte man da noch als "gewagt" wahrgenommen.

Sagte salopp am Wochenende in der "News York Times" kein geringer als Vint Cerf, immerhin Mitentwickler des TCP-IP-Protokolls. Und blies ins gleiche Horn wie Meinel.

Der begrüßte am Wochenanfang zum einen den Entschluss der Bundesregierung, bis 2010 für ein flächendeckendes Angebot von besonders leistungsfähigen Breitbandanschlüssen sorgen zu wollen. Doch wenn schon, denn schon: "Wenn nun mehr Menschen in Deutschland der Zugang zum schnellen Internet ermöglicht wird, sollte damit hierzulande auch gleich der Umstieg auf die neuen Datenverkehrsregeln des Standards IPv6 verbunden werden", so Meinel.

IPv6 wurde seit 1995 entwickelt, gilt als fertig und soll das inzwischen sechsundzwanzig Jahre alte, aktuell gültige IP-Protokoll Version 4 ablösen. Das definierte nicht nur den Adressraum zu eng, es war auch nie für die Dinge gedacht, für die es heute genutzt wird. Was in den Früh-Achtzigern wie eine digitale Weiterentwicklung der Telegraphie begann, hat sich längst zu einem internationalen Netzwerk zur Übertragung multimedialer Inhalte entwickelt.

IPv6 soll hier nicht nur frischen Adressraum schaffen, sondern auch den Datenfluss optimieren und diverse Sicherheitsprobleme lösen. Zudem soll es die Vernetzung vereinfachen: Geräte sollen sich unkomplizierter und automatisch in Netze einwählen und verfügbar machen - das Protokoll für die Always-On-Gesellschaft.

Nicht zuletzt bietet IPv6 auch die Voraussetzungen dafür, ein echtes Reizthema anzugehen. Mit Hilfe des Protokolls läßt sich bestimmten Datenströmen eine klare Präferenz zuordnen - Internet-TV, Video-Telefonie oder der Datenverkehr von Forschungsnetzen mag dann rasen, während BitTorrent-Ströme kriechen könnten. Gerade dann, wenn Breitband-Anbindungen Web-Entertainment ins Wohnzimmer tragen sollen, ist das aber eine Grundvoraussetzung: Kommerzielle IPTV-Angebote scheitern derzeit nicht nur an fehlender Infrastruktur und Programm-Lücken, sondern auch daran, dass nur wenige Kunden wirklich zufrieden sind mit derer Performance.

Der Druck wächst

Der Wechsel von IPv4 zu IPv6 soll fließend vonstatten gehen. In einer Übergangsphase sollen beide Protokolle parallel betrieben werden, was theoretisch schon jetzt der Fall ist, praktisch in Deutschland jedoch kaum passiert: Die meisten Provider, heißt es von Seiten des IPv6-Rates, blockierten die Umstellung auf das neue Protokoll.

Da stelle doch das Breitband-Programm der Bundesregierung einen willkommenen Hebel dar, ein wenig Entwicklungshilfe im eigenen Land zu leisten. Wenn der Staat die Provider beim Ausbau des Breitband-Internets fördere, solle die Vergabe der Mittel doch daran geknüpft werden, dass die Anbieter ihren Kunden einen IPv6-fähigen Anschluss bereitstellen, forderte Meinel. Die meisten Computer und ihre Betriebssysteme beherrschten den neuen Standard schon.

Denn das ist der Hauptgrund für das zögerliche Verhalten der Provider und Infrastruktur-Unternehmen: IPv4 und IPv6 stellen unterschiedliche Anforderungen an die Hardware. Und obwohl IPv6 dafür konzipiert ist, Netze und Netz-Hardware merklich zu entlasten, entstehen erst einmal Kosten - und das nicht zu knapp. Die EU-Kommission, die darauf drängt, dass ein Viertel der Unternehmen, Behörden und Haushalte in der EU bis 2010 umgestellt werden, rechnet mit Kosten in Höhe von mehreren Milliarden Euro.

pat



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