Datenschutz Die digitalen Spurenverwischer

Jeder Internetsurfer zieht eine verräterische Datenspur hinter sich her. Aus IP-Adressen und Cookies lassen sich umfangreiche Nutzerprofile erstellen. Wissenschaftler arbeiten an multiplen Identitäten für das Netz, die dafür sorgen sollen, dass Privates auch privat bleibt.

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Von wegen anonym: Wer surft, hinterlässt deutliche Spuren
[M] REU

Von wegen anonym: Wer surft, hinterlässt deutliche Spuren

Ohne es zu wissen, ziehen Internetnutzer eine verräterische Spur von Informationen hinter sich her, die jedem auch nur ansatzweise Interessierten zugänglich ist: Anhand von IP-Adressen und Cookies lassen sich etwa umfangreiche Nutzerprofile erstellen, die oft mehr über den einzelnen Surfer verraten, als sich dieser jemals träumen lassen würde.

Dabei ist Abhilfe eigentlich einfach möglich: anonymes Surfen. Technologien dafür werden seit einiger Zeit weltweit entwickelt und eingesetzt, unter anderem auch an der Technischen Universität Dresden. Doch am Massenmarkt Fuß gefasst haben die Dienste für die unerkannte Netz-Reise noch nicht.

Problem erkannt, Gefahr (schon fast) gebannt

Wichtig sei es zunächst, die User überhaupt für das Problem zu sensibilisieren, meint TU-Mitarbeiterin Sandra Steinbrecher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Den Leuten ist es klar, dass sie von Kameras überwacht werden, wenn sie in der City spazieren gehen. Aber niemand scheint sich daran zu stören, dass eine solche Überwachung auch im Web möglich ist", sagt sie fast trotzig. Ihr Kollege Thomas Kriegelstein glaubt, dass die Kunden durch die steigende Zahl von DSL-Anschlüssen Interesse am Thema bekommen werden. Denn hier bekommt jeder Nutzer eine feste IP-Adresse, die später Aufschluss über sein Surfverhalten geben kann.

Doch auch die vollständige Anonymität der Surfer ist nicht in jedem Fall das Allheilmittel - das haben die Dresdner bei ihrer Arbeit in den vergangenen Jahren festgestellt. Schließlich wollen etwa Betreiber eines Webshops durchaus wissen, wer ihnen da auf der anderen Seite der virtuellen Ladentheke gegenübersteht. "Hier müssen wir das Interesse der Surfer an Anonymität mit den Interessen der Anbieter, etwas über ihre Kunden zu erfahren, zusammenbringen", sagt Kriegelstein.

Dafür haben die Dresdner zusammen mit dem Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein eine so genannte Identitäts-Management-Software entwickelt. Mit ihrer Hilfe können User genau festlegen, wer wie viele Daten von ihnen erhält. Gespeichert werden alle Informationen - im Gegensatz zu Microsofts Identifikationssystem Passport - zu Hause, auf dem lokalen Rechner des Benutzers. Und nur wenn der Ja sagt, gehen seine privaten Informationen auf die Reise ins Netz.

Selbst- statt Fremdkontrolle

Pseudonyme machen es möglich, je nach Wunsch unter verschiedenen Identitäten aufzutreten - wenn man so will eine Art von digitaler Persönlichkeitsspaltung. "So können keine großen Nutzerprofile angelegt werden", freut sich Kriegelstein.

Beim Prototyp, den die Informatiker aus Dresden auf der Cebit vorstellten, kann der Nutzer zunächst zwischen drei verschiedenen Profilen wählen. Das Konzept soll in Zukunft noch ausgebaut werden. Später einmal sollen beglaubigte Zertifikate dafür sorgen, dass der Verkäufer auf bestimmte Eigenschaften seines Kunden - also etwa das Alter - vertrauen kann, ohne die Daten genau zu kennen.

Entwickelt wurde das Konzept der anonymen Kommunikation bereits Anfang der achtziger Jahre vom US-Amerikaner David Chaum. Seiner Meinung nach ist anonymes Surfen auch mit großen Vorteilen für die Anbieter von Waren und Dienstleistungen im Web verbunden - weil sie so dem Kundenwunsch nach mehr Privatsphäre entsprechen können. "Mehr glückliche Kunden, das bedeutet am Ende ein größeres Geschäft", bringt es Chaum im Interview mit SPIEGEL ONLINE auf den Punkt. "Der Versuch, Leute auszuspionieren, ist keine gute Grundlage, um eine Geschäftsbeziehung aufzubauen."

Und auch Sicherheitserwägungen sind für Chaum kein Argument gegen anonymes Surfen - und das obwohl in den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 mehrere solcher Serviceanbieter aufgaben oder zur Aufgabe gezwungen wurden. "Ganz gewöhnliche Kriminelle, von ausgebufften Kriminellen oder Terroristen ganz zu schweigen, finden andere Wege. Heutzutage können viele Dinge im Web verfolgt werden - viel genützt hat es trotzdem nicht."



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