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Der 100-Dollar-Laptop: Hightech mit Handkurbel

Wie überbrückt man die "digitale Kluft"? Mit bezahlbarer Hard- und Software, glaubt Media-Lab-Begründer Nicholas Negroponte vom MIT. In Tunis führte er Kofi Annan einen ersten Prototypen vor: giftgrün, WiFi-vernetzt und mit Handkurbel zur Stromerzeugung.

Nicholas Negroponte gehört ohne Frage zu den Vordenkern der digitalen Kultur. Der Gründer und Direktor des Media Labs am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat eine Nase für Trends, die er einige Male unter Beweis stellte.

1992/93 finanzierte er Louis Rossetto die Entwicklung des Magazins "Wired", weil er spürte, dass digitale Themen bald reif für den "Mainstream" sein würden - nicht mehr nerdige Exotenecke, sondern ein Aspekt der Alltagskultur. Zwei Jahre später legte er mit "Being Digital" einen Weltbestseller vor (deutsch.: "Total Digital", 1995), in dem er nicht nur den Dotcom-Boom, sondern auch die nun laufende Verschmelzung aller Medien antizipierte.

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100-Dollar-Laptop: High-Tech mit Handkurbel

Seit einigen Jahren arbeitet er wieder an einem Trendthema - wenn auch an einem, das ganz und gar gegentrendig daherkommt. Denn Negroponte, mit seiner Vision "verkaufe Bits und Bytes und nicht Atome" für Jahre ein Guru der Aktien-jonglierenden Tech-Elite, hat sich die Überbrückung der digitalen Kluft vorgenommen, deren Vertiefung er auch mit seinen Visionen einst befördert hatte.

Sein Projekt: den Schülern der sogenannten Dritten Welt eine bezahlbare Hard- und Software zu bieten, mit der sie am reißenden Informationsfluss teilhaben können.

Das Ziel lässt sich noch weit plakativer in ein Schlagwort gießen: Negroponte baut den 100-Dollar-Laptop.

Open Source statt Almosen

Das ist nicht einfach. Dass ausgerechnet Negroponte das Projekt vorantreibt, hilft der Sache aber enorm: Der Mann ist eine Marke, ein Name in der Branche. Steve Jobs soll ihm angeboten haben, ein abgespecktes Mac-Betriebssystem für den 100-Dollar-Laptop zu entwickeln. Negroponte lehnte ab, weil das ja nicht "Open Source" wäre: Sein Ziel ist es, durch Open-Source-Software und eigens entwickelte, extrem preiswerte Hardware erst gar keine Abhängigkeiten entstehen zu lassen.

Das Projekt soll nicht "karitativ" verstanden werden, was nicht heißt, dass Negroponte keine Spenden nimmt, um es auf den Weg zu bringen. Google steuerte zwei Millionen Dollar bei, Rupert Murdochs News Corporation ebenfalls. Mit bisher zehn Millionen Dollar ausgestattet lässt sich schon was entwickeln.

Dabei setzt das von Negroponte eigens gegründete Nonprofit-Projekt "One Laptop Per Child" (OLPC) konsequent auf Innovationen, die zu Ziel und Zielmarkt passen. Vor einigen Monaten gelang es Negroponte, Mary Lou Jepsen, bis dahin Chefentwicklerin in Intels Bildschirm-Laboren, zu einem Wechsel zu OLPC zu bewegen. Ein Durchbruch: Sie entwickelte ein Display, das angeblich für 35 statt der sonst üblichen 100 Dollar zu produzieren ist.

Das dürfte auch die Branche auf dieser Seite der digitalen Kluft interessieren, denn karg sind die Gewinnmargen fast überall im Hardware-Geschäft. Andere im 100-Dollar-Laptop verbaute Innovationen sind klar auf die Bedürfnisse anderer Weltgegenden zugeschnitten.

So wird der Mini-Laptop unter anderem über eine Handkurbel verfügen, mit der er sich per Muskelkraft aufladen lässt. Eine Minute Kurbeln soll dem Laptop für zehn Minuten Energie spenden. Wo Strom vorhanden ist, übernimmt ein Netzteil die Versorgung.

Preiswert-Laptops: Auch was für uns?

Auch wenn er so aussieht, ist der 100-Dollar-Laptop dabei kein Spielzeug. Am Mittwoch stellte Negroponte in Tunis erstmals einen funktionierenden Prototypen öffentlich vor. Uno-Generalsekretär Kofi Annan sorgte durch seine Anwesenheit für die nötige Aufmerksamkeit, Uno-Unterorganisationen könnten später auch an der Verteilung des Laptop beteiligt sein. Denn in den Verkauf soll dieser nicht gelangen: Das "Geschäftsmodell" sieht vor, den Mini-Laptop ausschließlich über Kultus- oder Hilfsorganisationen direkt an Schulklassen zu verteilen.

Für Privatanwender hätte das kleine Modell auch nur eingeschränkten Wert. Stromsparend wird der Mini-Laptop unter anderem, weil er über keinerlei Laufwerke verfügt. In seinem Inneren speichert eine Flashkarte bis zu einem Gigabyte an Daten, das war's. "Befüttert" wird der Rechner per WLan. Im Klassenraum zum Mini-Netz verbunden, macht das ein Arbeitsgerät, mit dem sich einiges Wissen erschließen, aber nur sehr eingeschränkt "Mist bauen" lässt.

Anfänglich kaum ernst genommen wird Negropontes Projekt inzwischen aufmerksam beobachtet. Dem "Fortune"-Magazine erklärte er, dass er mittlerweile sogar darüber nachdenke, in Kooperation mit einem Hardware-Hersteller eine "etwas teurere" Version des Handkurbel-Laptops für den heimischen Markt zu produzieren. Viele Weihnachts-geschädigte Eltern werden das gerne hören.

Frank Patalong

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