Der Live-Krieg Saddam, wir kommen

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2. Teil: Im zweiten Teil: "Korrespondent" ist ein dehnbarer Begriff. Dass die Armee selbst auch Kameramänner einsetzt, ist bekannt. Was wir nicht wissen, ist, welche unserer medialen Zeugen unbeteiligt, und welche beteiligt sind. Und ob das einen Unterschied macht. Weiter...


Panzer bei Nacht im Irgendwo: Fotograf im vorausfahrenden Fahrzeug
REUTERS

Panzer bei Nacht im Irgendwo: Fotograf im vorausfahrenden Fahrzeug

Ende der Sechziger Jahre erlebten die USA die Macht der Medien mit voller Wucht. Bilder aus Vietnam, geschossen von Korrespondenten, die als wahre Frontschweine mit großem persönlichen Risiko den Krieg nach Hause brachten. An Amerikas Unis begann es zu brodeln, anfänglich kleine Demonstrationen wuchsen sich zu einer gegen den Krieg gerichteten Volksbewegung aus. Amerika, glauben bis heute die Falken im Pentagon, verlor den Krieg auch an der Heimatfront.

Das Pentagon wiederholte diesen Fehler nicht, als es 1991 erstmals gegen Saddam ging. Das Militär adoptierte willfährige Medien und fütterte sie mit Bildern und Informationen. Ohne uniformierten Babysitter kam niemand an die Front. Wer krittelte, musste draußen bleiben.

Der Qualität der Bilder tat das keinen Abbruch. Ölverschmierte Kormorane, made in Kanada, erlebten ihre virtuelle Umsiedlung nicht mehr. Sie waren seit Jahren tot, als die Bilder ihres Leidens als Beweis für eine vom Hussein-Regime verursachte Ölpest weltweit über die Bildschirme flimmerten. CNN-Reporter bestätigten live die

erst viel später widerlegte Mär von den intelligenten Bomben. Lügende Zeugen heizten die Stimmung weiter an, indem sie tränenüberströmt von Babymorden erzählten.

All das war gut, aber es war nicht perfekt. Hat in den folgenden Jahren jemand die Bücher, TV-Beiträge und Artikel gezählt, die als Titel oder Untertitel "Der Propagandakrieg" trugen? Weltweit protestierten die Medienvertreter, das Pentagon gelobte Besserung. Mit Erfolg.

Perfektion ist das, was heute über den Bildschirm flimmert

Fünf Sorten von Bildern gibt es da: Experten, die vor laufender Kamera das deuten, was sie nicht wirklich wissen. Korrespondenten vor dem Hintergrund von Städten oder Gegenden, wo bisher wenig passiert. Standbilder, die

Es brennt: Erste wirklich originäre Bilder aus Bagdad
DPA

Es brennt: Erste wirklich originäre Bilder aus Bagdad

aus sicherer Entfernung zeigen, dass irgendwo im Bildhintergrund irgendwas passiert - auch, wenn man nicht genau weiß, was. Bilder der Armee: Startende Raketen und Flugzeuge. Mündungsfeuer im Dunkeln. Fahrzeuge mit wehenden Staubfahnen an einem nicht näher bezeichneten Ort. Wir kommen Saddam, und keiner hält uns auf.

Die fünfte Art Bildbeweis von der Front lässt letztlich das Regime in Bagdad liefern. Verwundete Kinder, Frauen, Männer sind da zu sehen. Die Korrepondenten dürfen ins Krankenhaus, danke. Weit und breit keine Uniform. Wer instrumentalisiert, wer desinformiert mehr?

Die medial vermittelte Realität dieses elektronischen Kaspertheaters ist trügerisch. Rasen die Jeeps wirklich über die irakische Ebene? Feuern die Panzer scharf, oder wurden die Bilder vielleicht vor Wochen bei Übungen in Kuweit aufgenommen? Ducken sich die Soldaten mit ihren Gasmasken wirklich in die Gräben, weil Scuds anfliegen, oder für die Kameras? War es Glück, dass die Raketen fernab aller Ziele den Sand aufwühlten, oder wühlte da gar nichts?

Alles scheint möglich, alles denkbar. Hauptsache, die Nachrichtenlage stimmt: Saddam, wir kommen, und niemand hält uns auf. Wem die TV-Bilder nicht reichen, dem bietet das Internet den ultimativen Live-Kick:

Reuters hat eine Webcam in Bagdad installiert, die nonstop "streamt". Das Panorama der Stadt sieht man da, heute ist das Wetter ganz nett. Nur leicht bewölkt, bei weitgehend blauem Himmel. Zu sehen bei ntv.

CNN bereitet die dramatischsten Bilder zu "Audio-Slideshows" auf. Man hört die Stimme des Korrespondenten, der das dunkelgrüne Bild der Nachtkamera kommentiert, auf dem man ab und zu die Silhouette eines behelmten Kopfes sieht.

Auch in den Jeeps, sagen die Sender, sitzen Korrespondenten. Um Transparenz bemüht hat das Pentagon sie adoptiert und nimmt sie mit auf die große Hatz. Zumindest in die Wüste, natürlich nicht nach Basra. Doch auch da wird gefilmt, denn nicht wenige der Bilder, die über unsere Bildschirme flimmern, werden mit kleinen, handlichen Digitalkameras direkt vor Ort von dafür geschulten Soldaten gefilmt.

Filmreife Szene: Iraker ergeben sich britischen Soldaten vor laufender Kamera
REUTERS

Filmreife Szene: Iraker ergeben sich britischen Soldaten vor laufender Kamera

Die Futterlieferanten für die hungrigen TV-Networks heißen Joint Tactical Information Cells und sind dem US Joint Forces Command unterstellt. "Militärische Aktivitäten sind immer eine Nachricht. Wir wollen helfen Informationen, Bilder und Interviews zu Kampfoperationen zur Verfügung zu stellen", erklärt Lieutenant Colonel David Lamp, Projektleiter in Virginia.

Die Trupps sind mit Kameras und in Österreich gefertigten, satelliten-gestützten mobilen Video-Übertragungseinheiten ausgerüstet. Den Auftrag seiner Truppe beschreibt Lamp deutlich genug: "Storys, die für den Erfolg einer Operation wichtig sind, werden von uns entsprechend vorbereitet. Die Teams sind in der entsprechenden Region aktiv, bevor irgendjemand anderes davon informiert ist. Zweitens soll 'counter propaganda' und 'disinformation' des Gegners begegnet werden. Je näher wir an dem Ereignis dran sind, desto einfacher ist es zu zeigen, was wirklich passiert und was die Fakten sind."

Immer wieder einmal sieht man ihre Action-Bilder auf dem Fernsehschirm: Die wirken merklich pixeliger, Handycam lässt grüßen. Ähnliche Bildqualitäten kennen P2P-Nutzer von den raubkopierten, hoch komprimierten Kinofilmen, die sie aus den Tauschbörsen ziehen. Kleine Dateien verschlechtern die Bildqualität, aber dann passen sie besser durch dünne Daten-Pipelines.

Wo endet NBC, wo beginnt das AVI-MPEG-TV von Army Incorporated?

  • 1. Teil: Saddam, wir kommen
  • 2. Teil: Im zweiten Teil: "Korrespondent" ist ein dehnbarer Begriff. Dass die Armee selbst auch Kameramänner einsetzt, ist bekannt. Was wir nicht wissen, ist, welche unserer medialen Zeugen unbeteiligt, und welche beteiligt sind. Und ob das einen Unterschied macht. Weiter...
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