Der Live-Krieg Saddam, wir kommen

Nie zuvor gab es einen Krieg, in dem mit mehr Aufwand berichtet wurde, Live vom Panzer aus der Wüste und Nonstop. Aber was passiert da, wo keine Kamera läuft? Die Welt erlebt den Krieg, zu sehen bekommt sie wenig.

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US-Soldat: Gutes Foto, die Perspektive stimmt
REUTERS

US-Soldat: Gutes Foto, die Perspektive stimmt

Wenn Saddam Hussein lebt, dann sieht er wohl gerade fern. Nicht, dass er da viel Neues erfahren würde: Wie es im Irak-Krieg steht, weiß er wohl besser, als CNN und NBC bereit oder in der Lage sind, der Welt zu sagen. Aber trotzdem wird ihm etwas geboten, was noch kein Kombattant in einem Krieg zu sehen bekam: Mit ein wenig Zappen sieht er jede Minute, wie ihm der Gegner näher auf den Pelz rückt. Live-Bilder, aus voller Fahrt geschossen.

Wo genau die Truppen sich befinden, was sie tun, was sie erreichen, erfährt man aus dem Fernsehen nicht wirklich. Das Pentagon kontrolliert den Newsfluss: Die Korrespondenten erzählen, was man ihnen sagt, oder was sie aus dem örtlichen Fernsehen und über die ebenfalls vom Militär gebrieften Nachrichtenagenturen erfahren. Die so mächtige Medienmaschine schmort im eigenen Saft und hungert nach der Fütterung durch die Militärs. Das weltweite TV-Publikum sitzt derweil vor den ewig gleichen Endlosschlaufen von diffusen Bildern, die Einschläge in der Ferne zeigen, Mündungsfeuer im Dunkeln. Als Gruppen von Irakern sich zu Fuß über die endlos scheinende Ebene nähern, um sich zu ergeben, ist zum Glück das Kamerateam dabei. Sie filmen die Festnahme in Nahaufnahmen. Wir sind Zeugen.

Eigentlich ist das mager: Nie zuvor gab es einen Krieg, in dem mit mehr Aufwand so wenig berichtet wurde, dafür aber Live und Nonstop.

Challenger II-Panzer von vorn: Saddam, wir kommen
DPA

Challenger II-Panzer von vorn: Saddam, wir kommen

Aber das weltweite Publikum ist vielleicht gar nicht der primäre Adressat der wirklich wichtigen Bilder: Die zeigen Schützenpanzer, Jeeps und schweres Gerät, die, wehende Staubfahnen hinter sich herziehend, durch die Wüstenei rasen. Wir kommen, Saddam, heißt die Botschaft, wir kommen schnell - und nichts und niemand hält uns auf.

Selbst die Bildregie funktioniert perfekt: Der Kamerawagen fährt oft voraus, zeigt die nahenden Panzerfahrzeuge von vorn. Aus der Saddam-Perspektive, sozusagen. Was für ein Glück, dass im Boden keine Minen liegen: Volle Fahrt voraus.

Live-Bilder von der Eroberung der Halbinsel Fao, der Stadt Umm Kasr? Fehlanzeige. Bilder vom Kampf um Basra? Dito. Wo sich was wehrt, läuft keine Live-Kamera. Bilder gibt's später, nachher, nach der Eroberung, nachdem der Cutter dran war. Perfekte Bilder, telegen.

Wir wissen, dass wir nichts wissen

Die Sender überbrücken die quälende, offensichtliche Lücke mit Szenen wie diesen:

    Moderatorin an ihren Korrespondenten in Kuweit: "Können Sie uns sagen, wie Sie die Nacht verbracht haben?"
    Korrespondent: "Wir haben versucht, endlich wieder einmal zu schlafen. Als die Sirenen heulten, war das nicht einfach. Jetzt kann ich berichten, dass alles wieder ruhig ist."

Oder:

    Moderator an einen Korrespondeten im nördlichen Irak: "Haben Sie davon gehört, dass es im Laufe der Nacht Angriffe gegeben haben soll?"
    Korrespondent: "Nein, davon habe ich nichts gehört."

Oder:

    Moderator an Rüstungsexperten: "Können Sie uns mehr über die Ausrüstung dieser Truppe erzählen?"
    Rüstungsexperte: "Einzelheiten kenne ich nicht, aber gerade die Marines sollen sehr gut ausgerüstet sein."
    Moderator: "Danke für diese Informationen."

Derweil läuft auf dem nun zumeist digital mehrgeteilten Bildschirm im Hintergrund der Film vom schweren Kriegsgerät, in voller Fahrt, Staubfahnen ziehend. Die Welt erfährt letztlich nichts, nur Saddam und seine Offiziere bekommen die Information, die sie bekommen sollen: Wir kommen, Saddam, heißt die, schnell - und nichts und niemand hält uns auf. Immer wieder.

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