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Der nächste Coup: Google verschenkt Suchmaschinen-Baukästen

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Wer glaubt, Google hätte das geschäftliche Potential seiner Suchtechnik ausgereizt, irrt. Jetzt bietet Google seine Technik Jedermann gratis an und will doch damit Geld verdienen. Der Trick: Google verschenkt maßgeschneiderte Archiv- und Suchlösungen - und platziert im Gegenzug Werbung.

Die Kraft der Google-Suche kann jeder nutzen, der will. Dass eine Suchmaschine ihre Dienstleistungen zur kostenlosen Nutzung und Einbindung in andere Webseiten anbietet, ist nicht neu: Auf diese Weise versuchten die Betreiber der konkurrierenden Suchdienste seit eh und je, ihre Marktanteile zu vergrößern.

Machtvolle Marke: An den Börsen ist Google mittlerweile über 150 Milliarden Dollar wert
AFP

Machtvolle Marke: An den Börsen ist Google mittlerweile über 150 Milliarden Dollar wert

Was Google da jedoch in der Nacht von Montag auf Dienstag angekündigt hat, geht darüber weit hinaus. Die "Custom Search Engine", die Google ab sofort an jeden Interessierten verteilt, ist ein Toolkit, um eine maßgeschneiderte, auch optisch auf das Design der "gastgebenden" Webseite zugeschnittene Google-Suche zu ermöglichen.

Über die schon seit langem mögliche, auf nur eine Webseite eingrenzbare Google-Suche (quasi eine kostenlose Archiv-Suchfunktion) hinaus, erlaubt Google nun den Vollzugriff auf seine Suchdatenbank unter Einsatz festgelegter Suchfilter. Das dürfte so manchen, vom Blogger bis zum Verleger, ansprechen: Einschränken lässt sich die Suche damit sowohl thematisch als auch auf eine festgelegte Auswahl von Webseiten. Ein Blogger könnte so eine auf die Blogs seiner Kumpel eingeschränkte Volltextsuche anbieten, ein Verleger hingegen den Weg zu Partnerangeboten eröffnen - oder eine Googlesuche anbieten, die gezielt seine Konkurrenz ausschließt.

Ein Deal, von dem auch Google etwas hat, denn der Suchdienst platziert im Gegenzug die bekannten Google-Textanzeigen auf anderen Webseiten - und das dürfte sich vermarkten lassen. Vor allem in dieser Hinsicht geht die Custom Search Engine also weit über die "Ich verschenke meine Technologie"-Strategien früher Searchengines hinaus: Auch Anbieter wie Digital (damals Eigner von Altavista) hatten ja schon Ende der Neunziger ihre Suchmaschinentechnik für die netzwerkinterne Suche beispielsweise in Firmennetzen oder Intranets verschenkt. Der Schwachpunkt solcher Konzepte: Es ergab sich daraus kein zwingender Geldfluss zurück zum Entwickler, allenfalls ein werblicher Effekt für das anbietende Unternehmen.

Google kalkuliert da anders. Schon jetzt verdient der Suchmaschinenbetreiber satt, und seine primäre Geldquelle sind die Ad-Words-Anzeigen im Suchdienst. Über 700 Millionen Dollar Reingewinn kamen dabei im letzten Quartal herum - an den Börsen übersteigt der Wert des Unternehmens mittlerweile den von IBM. Über den Umweg anderer Webseiten soll dieser Geldfluss aus Werbequellen nun noch vergrößert werden - auch zum finanziellen Vorteil dieser kleinen Partner, denn sie werden per Provision am Erfolg der Google-Ads beteiligt.

Hauptsache einfach

Die Custom Search Engine soll es ihren Anwendern vor allem leicht machen, eine maßgeschneiderte, Werbeumsätze generierende Google-Suche in eine Webseite einzubinden. Das scheint gelungen: Mit wenigen Parametern lassen sich die Suchanfragen an die Bedürfnisse des Webseiten-Betreibers anpassen. Gleiches gilt für die Optik: Das geht so weit, dass die Links, die durch die Suchanfragen zusammengetragen werden, nicht mehr im bekannten Google-Blau serviert werden, sondern - wenn man das will - in jeder beliebigen Firmenfarbe.

Der Zeitaufwand für die Schaffung einer Suche nach Maß ist lächerlich gering. So entstand am Dienstagmorgen zwischen 9.56 Uhr und 10.02 Uhr die "Spiegel Online Netzwelt Suchmaschine", auf die die Welt seit langem gewartet hatte: Eine Googlesuche, die garantiert immer auf die Tech-Seiten von SPIEGEL ONLINE verweist.

Kurze Karriere: Für wenige Minuten gab es am Dienstag eine Google-Suchmaschine, die ausschließlich in der Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE suchte - erstellt in noch nicht einmal zehn Minuten

Kurze Karriere: Für wenige Minuten gab es am Dienstag eine Google-Suchmaschine, die ausschließlich in der Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE suchte - erstellt in noch nicht einmal zehn Minuten

Eingebunden wird der Google-Dienst über eine Suchmaske, die man mit Hilfe einer Code-Zeile auf die eigene Webseite bekommt, die auf eine auf den User zugeschnittene Such-Webseite verweist. Alternativ ist der Zugriff auch möglich, indem man eine von Google für den jeweiligen Kunden oder Partner freigeschaltete Webseite ansurft. Verwaltet wird das Ganze über eine Profilseite (was ein ganz kleines bisschen an MySpace, weit mehr aber an die guten alten Kostenfrei-Homepages nach dem Muster von Geocities erinnert), die sich jeder einrichten kann und darf, der über eine Registrierung bei Google verfügt (beispielsweise über einen Gmail-Account).

Im Grunde verschenkt Google also gar nichts. Auch davon, dass der Suchmaschinenbetreiber seine Technik "für andere öffnet", wie es in einigen euphorischen Pressemeldungen geheißen hatte, kann natürlich keinerlei Rede sein. Grundsätzlich ist die Custom Search mit der über Toolbars im Browser oder über Codezeilen in Webseiten eingebundenen Google-Suche vergleichbar, die stets nur alternative Zugänge zur Google-Webseite darstellen.

Attraktiv ist die Sache trotzdem und dürfte vor allem in der Welt der Blogger für einige Aufmerksamkeit sorgen - denn Google verkauft den neuen Dienst im Rahmen der Co-op-Angebote. Soll heißen: Es ist möglich, auch die User selbst, die Besucher der Webseiten, mit ihren Inputs in den Ausbau spezialisierter Suchdienste einzubinden. Wahlweise geht das, indem man entweder allen Besuchern oder aber Eingeladenen erlaubt, die Parameter der angebotenen Suche zu erweitern oder einzuschränken.

Das schreit nach Wiki-haften Anwendungen. Lang dürfte es nicht dauern, bis sich erste handveredelte Google-Suchdienste in bestimmten Themenbereichen profilieren: Die Technik bietet die Chance, die mächtige, aber letztlich dumme Suchmaschinentechnik mit Sachverstand zu verbinden - und so durchsuchbare Qualitäts-Sphären im Netz zu schaffen.

Das aber lässt sich auch anders deuten: Google reagiert damit auf den Boom der Webdienste, die auf "Empfehlungen" durch Sachkundige und Surfer (del.icio.us, digg.com, etc.) statt auf die Erfassung von Millionen von Webseiten durch Crawler-Technik setzen. Man kann in den personalisierten, auf Maß geschnittenen kleinen Googles durchaus den Versuch sehen, der überbordenden Masse der maschinell zusammengetragenen Google-Suchergebnisse durch die Verbindung mit dem Filter Mensch wieder mehr Klasse zu verleihen - eine Web 1.0-Antwort auf die stärkeren Seiten des Web 2.0, wenn man so will.

Umgehend aber dürfte die Custom Search zur ultimativen Eitelkeits-Maschine avancieren: Das Angebot, die Suche in Millionen von Quellen so zu kanalisieren, dass sie immer zum Anbieter der Suche zurückführt, dürfte schnell seine Fans finden.

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