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Digital-Bilder: Fotografen fürchten Format-Wirrwarr

Von Marc Störing

Der Siegeszug der Digitalen hat alles einfacher und unkomplizierter gemacht. Doch immer neue, inkompatible Dateiformate lassen nun Fotografen sich um die Haltbarkeit ihrer Bilder sorgen.

Stein des Anstoßes: Spiegelreflexkamera Nikon D2X
DPA

Stein des Anstoßes: Spiegelreflexkamera Nikon D2X

Es war ein einzelner Beitrag in einem Diskussionsforum, aber er rüttelte die gesamte Szene wach. "Nikon will eindeutig verhindern, dass fremde Programme ihre Bildformate lesen können".

Wer da seinem Unmut Luft machte, war kein geringerer als Photoshop-Vater Thomas Knoll. "Ich denke, die Informationen in der Bilddatei gehören dem Fotografen. Aber Nikon scheint zu glauben, ihnen würden die gespeicherten Daten gehören." Stein des Anstoßes waren Digitalaufnahmen, die Nikons neuste Highend-Kamera D2X teilweise verschlüsselt ablegt. Adobe sah sich nicht in der Lage, die Bilddaten aus Nikons neuster Kamera in Photoshop voll zu unterstützen.

Die Situation ist symptomatisch, denn auch andere Hersteller legen ihre Formate nicht offen. Verlierer ist der Heimanwender und Fotograf, der fürchten muss, in einigen Jahren seine eigenen Fotos nicht mehr betrachten zu können.

Dickicht unzähliger Bildformate

Paradoxerweise sind vor allem die besseren Kameras betroffen, die Bilder unkomprimiert im sogenannten Raw-Format speichern. Zwar steht auch für das populäre Jpeg-Format mit JPG2000 ein Nachfolger ins Haus. Der kommt jedoch seit Jahren nicht aus den Startlöchern, und ohnehin basiert das WWW in großen Teilen auf JPEG-Bildern. Aus Qualitätsgründen und weil das Jpeg-Format in der Nachbearbeitung weit weniger flexibel ist, ziehen Fotografen Raw als Format vor.

In einer Art digitalem Negativ beinhaltet dieses verlustfrei und in Rohform das aufgenommene Bild. Nur kocht bei der Speicherung der Daten jeder Hersteller sein ganz eigenes Süppchen. Und nur eines eint Nikon, Canon & Co: die Schweigsamkeit über die Anatomie ihrer jeweiligen Raw-Formate. Gern verändern Hersteller dabei sogar von Kamera zu Kamera Details in den Daten.

Raw-Converter: Jeder Hersteller kocht eigenes Süppchen

Raw-Converter: Jeder Hersteller kocht eigenes Süppchen

Die Folge: ein Wildwuchs von inzwischen über 160 Formaten - ein nahezu undurchdringliches Dickicht. Keine Software unterstützt jedes Format, und selbst die Hersteller werden ihren eigenen, älteren Formaten schnell untreu.

Beispiel Canon EOS D30: Das Modell erschien im Jahre 2000 als viel beachtete, erste Spiegelreflexdigitalkamera von Canon. Wer einst rund 3200 Euro dafür bezahlte, kann heute nach nur fünf Jahren seine archivierten Aufnahmen nicht mehr mit Canons neuester Profisoftware DPP öffnen. Zwar können alte Versionen der erforderlichen Software benutzt werden, aber auch dieser Rettungsanker dürfte schnell reißen. Denn in der kurzlebigen Computerszene werden neue Hardware und Betriebssysteme schnell inkompatibel zu alten Programmen. Rund zehn Jahre nach Erscheinen der Kamera könnten aufgenommene Raw-Bilder dann nur noch mit erheblichem Aufwand genutzt werden.

Proteste und Lösungen

Inzwischen formiert sich Widerstand. Mit OpenRaw setzt sich unter Leitung des Deutschen Jürgen Specht ein Zusammenschluss von besorgten Fotografen gegen die Geheimrezepte der Hersteller ein." Kamerahersteller sollen öffentlich ihre Bildformate dokumentieren, und zwar frühere, gegenwärtige und zukünftige", lautet die unmissverständliche Forderung von Open Raw. Nur offene Formate würden verhindern, dass "in der Zukunft unzählige Bilder unlesbar werden".

Logo OpenRaw: "Hersteller sollen Formate dokumentieren"

Logo OpenRaw: "Hersteller sollen Formate dokumentieren"

Eine Lösung könnte der neue Ansatz eines einheitlichen Raw-Formats von Adobe sein. Im vergangenen Jahr stellte der Grafikspezialist mit DNG sein eigenes Format vor, in welches sich andere Raw-Varianten überführen lassen. Adobe veröffentliche dazu sämtliche Spezifikationen des Formates und bietet ebenfalls einen kostenlosen Konverter an. Die Marktmacht des Branchenprimus' könnte eine erfolgreiche Verbreitung des Formates fördern, und inzwischen unterstützen auch erste Produkte anderer Hersteller das DNG-Format. Als "einen großen Erfolg" lobte das Adobe-Manger Marcus Riess im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Doch war bisher für ein Einlesen fremder Bilddaten lediglich ein technisch aufwendiges Reverse-Engineering erforderlich, so droht nun mit der von Nikon und zuvor auch schon einmal von Sony verwendeten Verschlüsselung juristisch vermintes Gelände. Denn je nach Auslegung der US-amerikanischen Rechtslage könnte der kontroverse Digital Millenium Copyright Act (DMCA) das Aufbrechen einer solchen Verschlüsselung verbieten; weiterer Ärger könnte zukünftig an der Patentfront drohen. Im Web kursierendes Know-how zur D2x-Verschlüsselung wollen Hersteller wie Adobe oder auch PhaseOne deshalb nicht nutzen.

Inzwischen bewegt sich sogar Microsoft. Der Softwaregigant veröffentlichte jüngst eine Erweiterung, die Windows XP Raw-tauglich macht und kündigte selbiges für XP-Nachfolger Longhorn an. Aber da die Redmonder lediglich die von Kameraherstellern veröffentlichten Informationen nutzen, ist nach Ansicht von Experten die Aktion zwar medienwirksam, geht aber an der eigentlichen Problematik vorbei.

Digitalfotografen werden wohl weiterhin um die zukünftige Lesbarkeit ihrer Bilder bangen.

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