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Digitales Stadtmodell: Zeitreise zu den alten Römern

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Zehn Jahre arbeiteten Wissenschaftler aus vier Ländern an einem 3D-Modell des alten Roms. Für die Wissenschaft ist es ein Vehikel, die Entstehung der antiken Stadt besser zu verstehen, für die Reisebranche ein Schritt in Richtung Cyber-Tourismus.

Projektleiter Bernard Frischer ist um große Worte nicht verlegen. " Rome Reborn 1.0 ist die Fortführung von fünf Jahrhunderten Forschung", sagt der Direktor des Instituts für fortschrittliche Technologie in den Humanistischen Wissenschaften an der Universität von Virginia. Seit der Renaissance hätten Forscher und Architekten versucht, die Ruinen des historischen Roms mit Worten, Zeichnungen und Karten zu rekonstruieren. Durch harte interdisziplinäre Arbeit habe man nun "den unmöglichen Traum realisiert".

Zehn Jahre arbeitete er gemeinsam mit Kollegen aus den USA, Großbritannien, Italien und Deutschland an einer digitalen Auferstehung des antiken Roms, so wie es im Jahr 320 nach Christus ausgesehen haben könnte. Rund zwei Millionen Dollar, umgerechnet etwa 1,5 Millionen Euro, hat das Projekt, mit dem Namen "Rome Reborn" - "Rom Wiedergeboren" - bisher gekostet.

Nach Angaben der Forscher ist es die bisher "größte und vollständigste Simulation einen historischen Stadt". Man mag es glauben, schließlich wurden fast alle Gebäude, die sich seinerzeit innerhalb der 13 Kilometer langen so genannten "Aurelianischen Mauern" befanden, digital rekonstruiert - insgesamt nicht weniger als 7000 Stück. Von etwa 30 Gebäuden wurden sogar die Innenräume detailliert nachgebaut, darunter das Kolosseum, das Haus des Senats und der Tempel der Venus.

Virtuelle Stadtführungen

Durch die moderne Technik, so hoffen die Wissenschaftler, werden man neue Erkenntnisse über das Leben der Römer und die Entwicklung der Stadt erarbeiten können. An den Universitäten soll es genutzt werden, um mit Studenten virtuelle Touren zu historischen Stätten zu unternehmen. Solche Stadtbegehungen sollen in Echtzeit möglich sein. Auch ist bereits angedacht, das Modell auch für virtuelle Stadtführungen mit Touristen zu nutzen.

"Wir können mit den Leuten unter das Kolosseum gehen und ihnen zeigen wie die Aufzüge funktionierten, mit denen Tiere für Jagdvorstellungen aus den unterirdischen Räumen in die Arena gebracht wurden", erklärt Frischer die Detailtiefe des Modells.

Erstmals sei es damit möglich, sich ein Bild davon zu machen, wie die heutigen Ruinen zu ihrer Blütezeit aussahen. Zudem soll das Modell helfen, Fragen zu klären, die bisher unbeantwortet blieben. So schwanken die wissenschaftlichen Schätzungen über die Sitzkapazität des Kolosseums laut Frischer zwischen 35.000 und 78.000 Plätzen. Mit dem 3D-Modell soll nun herausgefunden werden, wie viele Menschen tatsächlich in der riesigen Arena Platz hatten.

Als Grundlage für viele der 3D-Modelle dienten den Forschern Laser-Scans des modernen Roms sowie Digitalfotos eines realen Modells der Stadt, dem "Plastico di Roma Antica". Außerdem ließen sie sich bei der Rekonstruktion von Architekten beraten.

Eine Zeitmaschine in 3D

Einer der beteiligten Wissenschaftler, Gabriele Guidi aus Mailand, geht davon aus, dass man die Erfahrungen aus dem Projekt nun auf weitere Städte übertragen wird. Er sagt: "Das Projekt war einen enorme technische Herausforderung, und nun, da wir ihr erfolgreich begegnet sind, ist es ein leichtes, eine Bibliothek weiterer Stadtmodelle für Museen in aller Welt aufzubauen.

Dem schließt sich auch Bernard Frischer an. Für ihn ist das "Rome Reborn 1.0" "nur der erste Schritt bei Aufbau einer virtuellen Zeitmaschine, die unsere Kinder und Kindeskinder benutzen werden, um die Geschichte Roms und anderer großartiger Städte zu studieren".

Vorerst aber hat er bescheidenere Pläne: Die BBC berichtet, er habe Gespräche mit Linden Labs, dem Betreiber der virtuellen Online-Welt "Second Life", aufgenommen. Wenn alles klappt, wird man das alte Rom dort bald per Avatar durchwandern können.

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3D-Stadtmodell: Wissenschaftler reanimieren das Alte Rom


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