Digitalkino: Der 8-Megapixel-Filmpalast

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Zuerst die DVD und jetzt auch noch HDTV: Die Qualität des Pantoffelkinos wird immer besser. Darunter leiden die Kinos. Dem Trend soll wiederum Technik entgegenwirken. In England nahm das erste Super-HD-Kino seinen Betrieb auf - und soll erneut Filmfans mit besserer Bildqualität locken.

"Von dem Moment an, als der Vorspann anlief, war offensichtlich, dass hier etwas anders war. Es gab kein Wackeln, keinen Staub und keine Kratzer zu sehen. Das Bild war sehr, sehr scharf." Mit diesem Worten schildert Blogger "Soho Marky" seinen ersten Besuch im Odeon-Kino in Guildford, einem Ort, südwestlich von London. Und Marky muss es wissen: Er arbeitet als Spezialist für Filmbearbeitungssoftware und ist bekennender Film-Freak.

Spider-Man 3: Als einer der ersten Blockbuster in 4K-Auflösung zu genießen - wenn man nahe Guildford wohnt
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Für Markys Begeisterung gibt es einen Grund: Das Odeon in Guildford ist das erste öffentliche Kino der Welt, in dem Filme digital im sogenannten 4K-Format gezeigt werden. Das Kürzel 4K steht für 4000, genauer: 4096 Pixel. So breit ist bei 4K-Format jedes einzelne Filmbild. Zum Vergleich: Das hochauflösende Fernsehen HDTV verfügt über maximal 1920 Pixel in der Breite, das normale Farbfernsehen nach PAL-Standard sogar nur über 720 Pixel. Damit verfügt jedes einzelne 4K-Bild über fast viermal mehr Informationen als ein HDTV-Bild, die Auflösung entspricht der einer 8-Megapixel-Digitalkamera. Klar, dass Filme in 4K besser aussehen als gewöhnliches Kino.

Der Kino-Koloss

Um die enorm hohe Auflösung auch tatsächlich auf die Kino-Leinwand projizieren zu können, ist ein imposanter Projektor nötig. Im Guildford-Odeon erledigt diesen Job ein Spezialprojektor von Sony - und auch der hat imposante Eckdaten. Das 300 Kilo schwere Gerät ist 1,5 Meter hoch, 1,4 Meter tief und 74 Zentimeter breit. Die superhelle Projektionslampe in seinem Inneren leistet enorme 4200 Watt, soviel wie 70 durchschnittliche Haushaltsglühbirnen. Das eigentliche Bild wird von drei winzigen Flachbildschirmen produziert, die für jede der drei Grundfarben (Rot, Grün und Blau) ein eigenes Bild erzeugen. Um dieses Bild auf die Breite der Leinwand zu vergrößern, wird es durch eine handtellergroße Linse vergrößert.

Das Ergebnis dieses enormen Aufwands kann sich offenbar sehen lassen. "Es war eine digitale Projektion, und es war sehr beeindruckend," beschreibt Blogger Marky sein Erlebnis. Anfänglich war er noch etwas enttäuscht, ihm fielen beim Text des Vorspanns ausgefranste Ecken auf. Das, so erfuhr er später, liegt allerdings daran, dass die Titel am Computer in 2K-Technik berechnet wurden, also nicht die volle Auflösung nutzen. Als der eigentliche Film dann aber losging "war kein Pixel mehr zu erkennen", sagt Marky. Das Bild beschreibt er als außerordentlich "knackig". Den Effekt kennen auch Nutzer hochauflösender TV-Geräte, auf denen selbst Filmklassiker manchmal so sehr von den Bildverbesserungsschaltkreisen aufpoliert werden, dass sie wirken als seien sie mit einer modernen Videokamera gedreht worden.

Der Kinobetreiber selbst zeigt sich hocherfreut von dem neuen System, schließlich lockt es reichlich neugierige Besucher in sein Lichtspielhaus. Genau das ist der Effekt, den Sony mit dem super-hochauflösenden Kino erzielen will. "Was wir hier bewiesen haben, ist, dass es einen neuen Grund gibt, das Haus zu verlassen und ins Kino zu gehen", jubelt Carl Pring von Sony. Er setzt auf den "Wow-Faktor" des neuen Systems. Pring: "Die Bilder sind überwältigend - viel besser als alles, was man mit einem Heimkino-System erreichen kann." Er vergleicht den ersten Bildeindruck mit dem Erlebnis, das man hat, wenn man zum ersten Mal einen Film auf einem HDTV-Fernseher sieht.

Sparpotential in Milliardenhöhe

Noch krankt das neue System allerdings an einem sehr dünnen Angebot an Filmen, die in der 4K-Auflösung vorliegen. Den Anfang machte "Spider-Man 3", seit wenigen Tagen läuft auch "Ocean's 13" digital im Odeon. Aber ein oder zwei Filme pro Monat werden auf Dauer nicht reichen, um das gerade erst an HDTV herangeführte Publikum wieder zu Dauergästen im Kino zu machen. Hier ist die Filmindustrie gefordert, ihre Produkte künftig parallel zum analogen Film auch im digitalen 4K-Format abzuliefern.

Dem stehen allerdings noch einige Schwierigkeiten im Wege: Eine davon ist, dass es wenig sinnvoll wäre, Filme mit alten Analog-Kameras zu filmen und dann ins digitale Format zu überführen. Stattdessen müssten die Studios Millionensummen in neue Kameras investieren, die in der Lage sind, den hohen Qualitätsstandard des digitalen Systems zu erfüllen. Wichtiger noch dürfte es sein, die Filmschaffenden von der Zuverlässigkeit des 4K-Kopierschutzes zu überzeugen.

Um diese Sicherheit zu gewährleisten, werden die Filme in einem speziellen Festplattencontainer, dem sogenannten "Media Block", an die Kinos geliefert. Auf diesen 300 GB großen Festplatten liegt das Filmmaterial verschlüsselt vor. Nur mit einem digitalen Schlüssel, der fest in jeden Projektor eingebaut ist, können die Bilder wieder dekodiert werden. Jeder Versuch, eine Kopie anzufertigen, sei zum Scheitern verurteilt, so der Hersteller. Sobald jemand versucht, den Media Block unerlaubt aus dem Projektor zu entfernen, würde der Schlüssel gelöscht, die Daten unbrauchbar.

Langfristig dürften die Filmverleiher schon aus rein finanziellen Gründen Interesse am digitalen Kino haben: Denen liegen die hohen Kosten für die Anfertigung von Filmkopien schwer im Magen. Pro Kopie werden dafür nicht selten bis zu 1000 Euro fällig. Bei Blockbustern die zu Tausenden an die Kinos geliefert werden müssen, kommen da schnell Millionenbeträge zusammen. Die jetzt genutzten 300 GB-Festplatten kosten hingegen nur einen Bruchteil davon und können zudem nach Gebrauch wiederverwendet werden. Die Branche rechnet damit, durch das 4K-Format bis zu eine Milliarde Dollar einsparen zu können. Letztlich könnte genau dies das Argument sein, das die Filmstudios vom Umstieg auf das digitale System überzeugt.

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