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Dudelfunk ade: Die Zukunft des Radios

Von Tim Renner

Tim Renner, ehemals selbst Plattenboss und heute scharfer Kritiker der Musikindustrie, glaubt an die rettende Kraft des Digitalen. Ödes Formatradio gehöre bald der Vergangenheit an, prophezeit Renner in einem Gastbeitrag - denn die digitale Welt schaffe Vielfalt und Freiheit.

Solang es hierzulande Radiomacher gibt, werden sie sich erzählen, was im Juli 1999 in Hamburg um kurz nach Sechs in der Früh geschah. Oliver Bennet, der Moderator der Morningshow des Senders Mix 95.0, verschanzte sich in seinem Studio und spielte nur noch zwei Songs. Der eine war "No Milk Today" von Herman's Hermits, der andere Abbas "Dancing Queen".

Die Protestaktion gegen das Radioeinerlei wurde erst nach vier Stunden beendet (also ungefähr nach je 30x "No Milk Today" und "Dancing Queen"), als es dem Geschäftsführer des Senders gelang, das Studio über den Lastenaufzug zu entern und den DJ mit der eingeschränkten Repertoirebandbreite zu überwältigen. Die Zuhörer waren von Bennets Protesthaltung jedoch begeistert; der Moderator wurde erst beurlaubt und dann weiterbeschäftigt.

Sich vorzustellen wie Bennet feixend im Studio hockt und seine musikalische Endlosschleife abspielt, während der Geschäftsführer verzweifelt gegen die Studiotüre hämmert, wird auch nach dem Jahr 2012 komisch sein. Die Motivation des Moderators wird man dann aber nur noch schwer nachvollziehen können. Was für ein eigenartiges Programm haben die Kollegen bei Mix 95.0 in der Hansestadt denn damals gefahren und wer in Gottes Namen waren die Abnehmer dafür?

Menschen, die einen Einheitsbrei als Klangtapete bei der Arbeit oder im Auto wollen, sind doch mit ihrer eigenen Komposition viel besser bedient, als sie es mit einem normalen Radioprogramm jemals sein könnten. Der Soundteppich kommt entweder von ihrem eigenen MP3-Player, der auf Shuffle-Mode läuft und wo sie sicher sein können, dass ihnen jedes Stück gefällt, da sie es selbst überspielt haben. Oder sie werden eben über ihr mobiles Pandora oder Last FM bedient. Sie müssen dort nur einmal ihre Lieblingskünstler angeben, dann kommt ein endloser Stream, der stilistisch passt; ohne Werbeunterbrechungen und den Hörer anschreienden, zwangsvergnügten Morgenmoderator.

Nachrichten per Handy, Navigationsgerät statt Verkehrsfunk

Der Markt für das Mainstream-Radio, welches nur noch eine geringe Anzahl unterschiedlicher Titel (meist unter 300 Songs) rotieren lässt, die zudem alle entweder Hits waren oder so klingen, als seien sie welche gewesen, wird vorbei sein. Auf Flitzerblitzer und Staus braucht man auch nicht mehr zu achten. Davon erzählt einem nicht das Radio, dass weiß das Navigationsgerät per Satellit längst selbst. News hat man minutengenau auf dem Handy und wenn man will, auch mit Bild dazu. Passiert etwas, das von Interesse sein könnte, wird man per SMS vorgewarnt.

Wenn man das Radio einschaltet, geschieht dies nicht, um Altbekanntes zu hören, sondern um sich über Neues zu informieren. Das, was überrascht, guckt man sich, so es die Verkehrslage oder die Büroordnung am Arbeitsplatz zulässt, gleich als Video an. Gefällt ein Titel oder Interpret, ist der Download der Musik nur einen Knopfdruck weit entfernt.

Wie gesagt, wir befinden uns mindestens im Jahre 2013. Doch technisch ist das alles mit dem iPod oder Handys, die für die digitalen mobilen Rundfunkstandards DVB-H oder DMB ausgelegt sind und einem simplen Newsabo längst möglich. Das einzige, was es braucht, damit das alte Radio verschwindet und sich neue Nutzungsarten etablieren können, ist eine Explosion des Angebots und die Verbreitung von mehr Empfangsgeräten mit technischen Interaktionsmöglichkeiten für neue Geschäftsmodelle (wie z.B. Download-Verkauf). Die Vorraussetzungen dafür sind geschaffen: Ab 2012 soll das Radio in Deutschland prinzipiell und ausschließlich digital sein.

Der Werbekuchen kann nicht mitwachsen

Wird das genauso glimpflich ausgehen wie die Kappung des analogen TV Signals, welche sich in der Bundesrepublik seit 2003 vollzieht? Die etablierten Radiostationen hoffen darauf nicht. Denn mehr Wettbewerb bedeutet für sie automatisch weniger Einnahmen: der Werbekuchen, von dem ihr Geschäftsmodell abhängt, kann unmöglich proportional zur dann technisch möglichen Anzahl an Programmen wachsen.

Ihre nicht unberechtigte Hoffnung, dass das Jahr 2012 ohne Umschaltung an ihnen vorbeigehen möge, beruht auf der großen Anzahl analoger Radioempfänger. 216,2 Millionen sind es zur Zeit in Deutschland - also fast sechs pro Haushalt. Die alten Empfänger würden nicht nur auf den Müll wandern, sie müssten vorher teilweise auch aus dem Auto ausgebaut werden. Das klingt nach hohen Folgekosten und somit Volkszorn. Gut möglich, dass man da aus politischen Gründen einknickt.

Doch mit der Digitalisierung verhält es sich wie mit dem Wasser: sie sucht sich ihren Weg. Auch wenn man versucht, die Nutzung zu verhindern oder zu erschweren. Egal, ob mit preislichen oder rechtlichen Instrumenten, man wird den Fortschritt in der Kommunikation und Distribution durch Digitalisierung nicht stoppen können.

Die Musikwirtschaft hat das schon erleben müssen: Ihr Geschäftsmodell, auf CDs 12 Songs zu verkaufen, obwohl der Konsument vielleicht nur drei oder vier Titel des Interpreten haben wollte, war eine Lizenz zum Gelddrucken. Natürlich wollte man diese retten und sich nicht auf einen Download und freie Auswahl des Kunden einlassen. Aber da kein legaler Download angeboten wurde, besorgte sich der Konsument die Innovation eben, ohne dass der Produzent verdiente, von Gnutella, Limewire und Co. Die Industrie verlor binnen fünf Jahren fast die Hälfte ihres Volumens.

Das Angebot der marktführenden Mainstream-Radiosender wird längst durch Tausende von Podcasts und Internetradiostationen untergraben. Selbst in ihrer konservativ geführten Marktforschung merken sie schon, wie die Bereitschaft, ihnen zuzuhören besonders bei den jüngeren Nutzern erodiert. Je mehr sich Flatrates fürs Handy durchsetzen, desto dünner wird die Luft. Das Mobiltelefon hängt Dank Straßenverkehrsordnung ohnehin bereits an der Bordelektronik des Autos - und somit am Ort des höchsten Radiokonsums. Eine offene Tür für all diejenigen, die außerhalb von UKW senden. Egal, ob sie nun 2012 qua Gesetz kommt oder nicht: Oliver Bennets Geschichte wird sich nicht wiederholen, denn die Digitalisierung ist bereits da.

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Forum - Radiozukunft: Das Ende des Dudelfunks?
insgesamt 71 Beiträge
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1.
Markus Pettering, 26.10.2006
---Zitat von sysop--- Erfolgreich sind in Deutschlands Radiolandschaft vor allem auf definierte Zielgruppen zugeschnittene Formatsender oder aber der Dudelfunk mit Charts und Oldies nonstop. Das aber, glaubt Tim Renner, ist bald vorbei: Digitaltechnik werde diese Angebote erledigen - Programm on demand statt vorgegebener Playlist. Nur eine Utopie - oder genau das, was wir uns wirklich wünschen? ---Zitatende--- Wer das Radio hauptsächlich wegen der aktuellen politischen und sonstigen Informationen und Kommentare anschaltet, dem ist das Gedudel sowieso egal. Informationsreiche Programme haben keine Abnahme der Hörerzahl zu befürchten.
2. Dudelfunk wg. Mutlosigkeit
Axelino, 26.10.2006
Leider versuchen viele Rundfunksender es allen recht zu machen, und daraus resultiert eben dieser mutlose Mainstream-Einheitsbrei. Dazu kommt die Lustlosigkeit vieler Musikredakteure, sich mit weniger bekannten Musikstücken zu beschäftigen oder einfach mal die Musik-Speisekarte zu ändern. Der Reiz des Radios, selten gehörte Musik mit Hintergrundinfos zu geniessen verschwindet zunehmend. Ob durch die Digitalisierung irgend etwas besser wird bezweifle ich. Mein schönes altes Röhrenradio hat einen hervorragenden Klang, den möchte ich behalten.
3. Bessere Programme statt Totaloperation!
Emmi 26.10.2006
Die Antwort auf den Qualitätsverlust der Programme soll also der Wegfall des Programms sein!? Wenn Radio- und TV-Sender kein Programm mehr anbieten, sondern nur noch "Video-On-Demand" bzw. "Music-On-Demand" anbieten, können sie sich gleich komplett abschaffen. Ich hätte gern statt Einheitssoße ein gut gemachtes Programm! Wenn niemand mehr sich die Mühe macht, ein Programm zu gestalten, woher soll Mensch dann über Neues erfahren? Dann verharre ich ewig in der privaten Einheitssoße meiner "Lieblingshits", die ich auf meinem MP3-Player habe und kopple mich von der "Außenwelt" ab. Das prinzipielle Problem, das ich mit MP3-Playern, aber auch mit CDs habe, ist, dass ich da immer im vorhinein wissen muss, was ich in der nächsten Zeit hören wollen werde. Der Vorteil eines (guten) Radioprogrammes (!) ist, dass ich auch Sachen zu hören bekomme, die ich noch nicht kannte bzw. auf die ich von allein nicht gekommen wäre. Also - die Abschaffung von Radioprogrammen zugunsten selbstgestrickter Pseudoprogramme (Playlisten) wäre m. E. ein großer Fehler! Emmi
4. Gefangen in der Zeitschleife !
Berliner Löwe, 26.10.2006
Einen guten Start in den Tag stelle ich mir ungefähr so vor: Morgens beim Frühstück das Radio andrehen um voller Motivation in den Alltag zu starten mit angenehmer Musik die nicht überfordert und Informationen die meinen Wissensdurst befriedigen. Die Realität sieht aber anders aus: Üblicherweise "überfällt" mich morgens ein überdrehtes beklopptes Moderationspärchen die den ahnungslosen Hörer mit einer künstlichen Fröhlichkeit okupiert, sodass man sich umgehend die öden Totensonntage im Radio von 1974 herbeisehnt. Abba, Smokie, Jeans on etc. Hilfe, hilfe.. sofort fühle mich in einem Zeitloch gefangen und befürchte vom kleinbürgerlichen Umfeld erschlagen zu werden.....Da hilft nur eins. AUS. CD rein oder MP3 an und spüren das es noch ein Leben nach dem Grauen gibt. Es gibt so viel spannende Musik zu entdecken, so viel, das drei Leben zu kurz sind um alles zu entdecken und zu genießen. Das erfordert aber offene Ohren und ein wenig Zeit sich unabhängig umzuhören. Diese "offenen Ohren" hat man uns aber ordentlich ausgetrieben und nicht erst durch die Einführung des Privatfunks. Auch die öffentlich-rechtlichen haben eine gehörige Mitschuld an der "musikalischen Verwahrlosung" im Rundfunk. Durch unfähige Moderatoren und einer Musikauswahl die den Hörer nicht zur Vielfalt einlädt sondern zum konformismus. Beim "Privatdudel" sagt man "das ist halt so", bei den öffentlich-rechtlichen ist das aber eine Missachtung ihres Auftrages. Wer sich dann doch noch freiwillig diesem Schwachsinn im Radio hingibt hat es eh nicht besser verdient und sollte sich nicht beschweren. Gegen Dummheit ist halt noch kein Kraut gewachsen.
5. Radio abschaffen?
effem25, 26.10.2006
---Zitat von Markus Pettering--- ..... Informationsreiche Programme haben keine Abnahme der Hörerzahl zu befürchten.... ---Zitatende--- ...sie haben ja auch kaum Hörer. Das ist die crux. Die Mehrheit will gute Musik - und heraus kommt der kleinste gemeinsame Nenner: Privatfunk früherer Zeiten. Der war dann auch erfolgreich - und schwupps (nach einer bemerkenswert fixen Reaktionszeit von 3-5 Jahren) haben sich die Flaggsschiffe der ÖR-Sender dem angepasst. Leider haben die Privatfunker ihre Konzepte weiter verändert, so dass die heutige Soße das Ergebnis ist. Viele Sender sind in der Tat entbehrlich...ob die Abschaffung aber durch die digitale on-demand-Technik gelingt, bezweifle ich.
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