E-Buch MP3 für die Buchbranche

In diesen Tagen kommt das erste Lesegerät für E-Bücher auf den Markt, das auch mit offenen Datenformaten arbeitet. Droht den Verlagen das gleiche Schicksal wie der Musikindustrie?

Von Wolfgang Stieler


Willem Endhoven, Marketingleiter bei iRex Technologies, ein leger gekleideter Herr mittleren Alters mit beginnender Stirnglatze und einem freundlichem Lächeln, hält ein Gerät in der Hand, das sich zum Albtraum von Verlegern entwickeln könnte. Die technischen Daten des DIN-A5-großen Tabletts erscheinen dabei wenig spektakulär: Der Iliad wird getrieben von einem auf 400 MHz getakteten Intel X-Scale-Prozessor, verfügt über 64 Megabyte an Arbeitsspeicher und 224 Megabyte Flash für die Speicherung digitaler Dokumente, einen berührungsempfindlichen Touch Screen, einen 3,5-Millimeter-Stereoausgang und ein WLAN-Modul: Spezifikationen eines leidlich modernen PDAs. Und davor soll sich die Buchbranche fürchten?

Endhovens Arbeitgeber, die Philips-Tochter iRex Technologies, will das Lesegerät für elektronische Bücher im April auf den Markt bringen. Erstmals wird damit ein E-Book-Reader auf den europäischen Markt kommen, der über mehr als nur proprietäre Schnittstellen verfügt und der nicht mit Hilfe von so genannter DRM-Software (Digital Rights Management) in der Nutzung eingeschränkt ist.

Ein echtes elektronisches Buch eben, das PDF-Dateien, Texte und Webseiten darstellt, MP3-Musikdateien abspielt, unter dem offenen Betriebssystem Linux laufen soll, sich dem PC als USB-Massenspeicher darbietet und mit SD und CompactFlash auch zwei weit verbreitete Speicherkartentypen schluckt. "Es gab schon andere, sehr ambitionierte Projekte die versucht haben, das Buch zu ersetzen", sagt Endhoven, "das ist aber sehr schwierig. Wir konzentrieren uns auf den Aspekt des Lesens für unterwegs".

Dabei hilft beim Iliad vor allem das Display: 1024 mal 768 Pixel im handlichen A5-Format – das sind 160 Pixel pro Zoll Auflösung (Bildschirme arbeiten in der Regel mit 72 Pixel pro Zoll) auf der Basis von elektronischem Papier: Bei diesen E-Ink-Displays wird der Bildinhalt durch Millionen mikroskopisch kleiner Kügelchen erzeugt. Diese schwimmen in einer durchsichtigen Flüssigkeit zwischen zwei Platten und enthalten elektrisch unterschiedlich geladene schwarze und weiße Farbstoffe. Ein elektrisches Feld an jedem Bildpunkt ordnet die Kügelchen so an, dass ein Pixel weiß, schwarz oder grau – beim Iliad gibt es 16 Graustufen – erscheint. Da der Bildinhalt auch ohne Stromzufuhr erhalten bleibt und das Display keine Hintergrundbeleuchtung benötigt, sollen die Batterien bei drei Stunden Lesedauer pro Tag eine Woche lang halten.

Bereits vor zwei Jahren hatte Sony in Japan mit dem Librie den ersten E-Buch-Leser der Welt mit einem Display aus elektronischem Papier auf den Markt gebracht. Doch weil sich mit der Hardware allein offenbar nicht genügend Geld verdienen ließ, setzten die Japaner auf ein rigides Geschäftsmodell für die Inhalte: Eigens für den eleganten weißen E-Book-Leser schuf Sony ein neues Dateiformat – das Broad Band e-Book (BBeB), das Vervielfältigungen verhindert.

Nutzer müssen für ihren Elektro-Lesestoff zudem nicht nur eine monatliche Grundgebühr bezahlen, sondern auch jedes gekaufte E-Book einzeln über den Umweg eines Windows-PCs auf das Lesegerät transferieren; dort bleibt es dann nur für 60 Tage verfügbar. Das Gerät erwies sich denn auch als Flop. Im April will Sony auf dem US-Markt mit einem schlicht Reader genannten elektronischen Buchleser einen neuen Anlauf wagen.

Das neue Produkt markiert eine vorsichtige Öffnungspolitik der Japaner: Nach Angaben von Sony sind die Dateien im BBeB-Format ohne Verfallsdatum auf bis zu sechs Geräten nutzbar, die allerdings beim Sony-Store registriert sein müssen. Darüber hinaus lassen sich auch persönliche Dateien in den Formaten PDF, TXT, RTF und JPG anzeigen, müssen dazu aber vorher mit dem PC-Client in das BBeB-Format konvertiert werden.

Derartige künstliche Beschränkungen wird der Iliad-Reader nicht aufweisen. Man werde "die gängigsten DRM-Technologien" unterstützen, sagt Endhoven, aber darüber hinaus "so offen wie möglich" sein. Denn die Niederländer wissen natürlich auch: Die Anschaffung eines Lesegerätes für mehrere hundert Euro lohnt sich nur dann, wenn es auch elektronischen Lesestoff gibt.

Und der ist in Deutschland legal schwer zu beschaffen. "Rund 80.000 neue Titel erscheinen in Deutschland pro Jahr", sagt Arnoud de Kemp, Sprecher des Arbeitskreises elektronisches Publizieren im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, "aber der Anteil an elektronischen Büchern an diesen Neuerscheinungen ist verschwindend gering." Seine Begründung: Das Medium Handheld sei einfach nicht lesefreundlich. Einzig im Fachbuch-Sektor verzeichne die elektronische Publikation Zuwächse.

Was de Kemp nicht sagen mag: Die Verlage meiden die Verbreitung ihrer Werke in ungeschützter elektronischer Form seit Jahren wie der Teufel das Weihwasser. Stets wurden neue Software-Systeme ersonnen, die eigentlich beliebig kopierbare digitale Daten an einzelne Geräte binden sollten. Das Ergebnis: In den dunklen Ecken des Internets ist alles längst ungeschützt zu haben – natürlich auch die neuesten Bestseller. Die internationale Szene trifft sich beispielsweise im unübersichtlichen Dschungel des Internet Relay Chat (IRC), um "bookz" zu saugen. Dieses Netz, unter Computerfreaks schon populär, als das WWW gerade in Mode kam, ist heute in dutzende von Subnetzen aufgeteilt und daher ein idealer Treffpunkt für die schnelle Installation eines illegalen Fileservers.

Wenn die Piraten ans Licht der Öffentlichkeit treten, werden sie zu Rebellen. So wie Sebastian Lütgert. Vor zwei Jahren hat die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur den Erlass eines Haftbefehls gegen den Künstler bewirkt, weil er zwei Texte von Theodor W. Adorno auf dem Server textz.com zum freien Download zur Verfügung gestellt hat. Der Rechtsstreit ist versandet; die Site hat ihre brisanten Inhalte gut versteckt, Lütgert hat sich anderen Projekten zugewandt. Seine Überzeugung aber ist geblieben: "Geistiges Eigentum ist unter den Bedingungen aktueller Kommunikationstechnik nicht durchsetzbar", sagt er. "Wichtig ist, was mit den Files gemacht wird. Die Leute können mit frei verfügbarem Material neue, eigene Werke herstellen. Das ist die große Angst der Content-Industrie."

Die Erfahrung der Musikindustrie hat gezeigt, dass die Interessen von Hardware-Herstellern und Breitband-Providern die Verbreitung von Piraterie begünstigen können – zumindest so lange, bis ein Anbieter mit einem interessanten Geschäftsmodell wie Apple seine Chance ergreift. "Was der MP3-Player für die Musik ist", sagt Endhoven, "das wird der Iliad fürs Lesen." Dieser Satz könnte sich als prophetischer erweisen, als er eigentlich gemeint war.

© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover



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