Elektronische Zahlungssysteme Wem gehört das Geld im Internet?

Mehrere Verfahren für Internet-Zahlungen kämpfen um die beste Ausgangsposition. Ob im Alleingang oder durch Allianzen: Die großen deutschen Banken sind dabei.



Übersicht: Die elektronischen Zahlungsverfahren

Stephan Betz, bei der Deutsche Bank-Tochtergesellschaft Gesellschaft für Finanzmarketing (GEFM) zuständig für Internet-Solutions, erläutert im SPIEGEL ONLINE-Interview den Alleingang der Deutschen Bank.




Dem elektronischen Marktplatz Internet mangelt es am Wichtigsten: effektiven Zahlungsformen. Sicherheit, Anonymität und Geschwindigkeit sind die Hauptkriterien für ein erfolgreiches Verfahren. Kaum ein Angebot erfüllt bisher alle Voraussetzungen.

Viele Unternehmen suchen nach dem Königsweg, doch alle Verfahren stecken bisher noch in der Pilotphase. Die Tests der Banken beschränken sich zumeist auf wenige hundert bis tausend Test-Kunden und bis zu 50 Händler. Wann ein erstes System in der Praxis eingesetzt wird, ist nicht erkennbar. "In diesem oder nächsten Jahr noch nicht", sagt Dirk Fox, Banken-Berater und Mitherausgeber der Fachzeitschrift "Datenschutz und Datensicherheit".

Nachdem mit dem Verschlüsselungsverfahren Secure Electronic Transaction (SET) auch Kreditkartenangaben über das Netz sicher verschickt werden können, sind nahezu alle Anbieter zumindest in der Sicherheit ihrer Zahlungen weit fortgeschritten. "SET ist ein sehr großer Fortschritt und eine positive Entwicklung", sagt Isabel Münch, IT-Sicherheitsexpertin beim Bonner Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI).

Anders sieht es aus, wenn der Kunde anonym bleiben will. Dorothea Herreiner forscht als Wirtschaftswissenschaftlerin an der Uni Bonn zur Entwicklung des Internets: "Die meisten Verfahren lassen es zu, daß die elektronischen Spuren des Kunden mehr oder minder leicht nachvollzogen werden können. Technisch Versierte können genaue Bewegungsmuster des Kunden erstellen. Ich bin sehr skeptisch, daß Verfahren, die mit einem Schattenkonto arbeiten wie zum Beispiel Cybercash, von der Masse der Nutzer akzeptiert werden."

Auch bei der Geschwindigkeit gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Verfahren. Während die Übertragung von SET-verschlüsselten Kreditkarten-Daten in der Praxis zwischen 30 Sekunden und einer Minute benötigt, bricht das ecash-System der Deutschen Bank nach 20 Sekunden wegen Zeitüberschreitung ab.

Wie in der realen Welt, unterscheiden sich die Systeme nach Pre-paid und Post-paid, bezahlt wird also entweder vor (pre) oder nach (post) Erhalt der Ware. Die Einsatzgebiete der einzelnen Verfahren sind dementsprechend: Digitale Waren für niedrige Beträge verlangen nach Systemen, die auch Pfennigbeträge akzeptieren. Dies wäre bei Lastschriften oder Kreditkarten viel zu teuer. Andersherum werden hochpreisige Güter erst nach Erhalt der Ware gezahlt.

Wie schützt sich der Kunde, wenn sein virtuelles Geld im Cyberdschungel verloren geht? Problem hier: Die Haftungsfrage. In Deutschland existiert kein spezifisches Haftungsrecht für Cybergeld. "Das muß kein Nachteil sein" sagt Johann Bizer, Jurist an der Universität Frankfurt. "Bisher war die Ausgabe von Geld ein staatliches Monopolgebiet. Wenn Cybergeld von verschiedenen Banken ausgegeben werden darf, entwickelt sich hier ein Wettbewerb, der den einzelnen Anbieter von virtuellem Geld dazu zwingen könnte, bei Haftungsfragen besonders kulant zu sein. Zwar muß der Verbraucher nachweisen, daß es sich um ein Verschulden der Bank handelt, daß sein Geld im digitalen Äther verschwunden ist. Dennoch kann die Bank aus Wettbewerbsgründen darauf verzichten und sich kulant zeigen."

Die Zukunft des virtuellen Geldes sehen Entwickler in einer wiederaufladbaren Chipkarte, die virtuelle Gelder speichert. "Die erste Phase ist eine reine Softwarelösung. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden Firmen dann aber zu einer Chipkarten-Technik übergehen. Alle Statistiken sprechen dafür, das künftige Rechner-Generationen mit entsprechenden Kartenlesern ausgestattet werden", so Isabel Münch vom BSI.

Doch nicht nur die Geschäftsbanken kämpfen mit der elektronischen Währung. Auch die Bundesbank und in Zukunft die Europäische Zentralbank beobachten die Entwicklung auf diesem neu entstehenden Markt genau. "Elektronisches Geld wird zu mehr Wettbewerb im Geldmarkt, zu mehr Eigenverantwortung des Einzelnen, sowie zu mehr Markt und weniger Regulierung führen", diagnostiziert Dorothea Herreiner in einem Bericht, der demnächst vom Bundesamt für Sicherheit (BSI) als Buch veröffentlicht wird.

Ein wesentlicher Punkt ist das Vertrauen, das der Kunde den Emittenten elektronischen Geldes entgegenbringen muß. Virtuelles Geld stellt die bisher bekannten Umgangsformen mit Geld auf den Kopf. Elektronisches Geld ist kein gesetzliches Zahlungsmittel wie Banknoten oder Münzen, ersetzt diese allerdings de facto.

Elektronisches Geld könnte die Volkswirtschaft eines Staates empfindlich beeinflußen. Wenn der Staat für Sicherheit und Echtheit des Geldes nicht mehr garantiert, bleibt dem Verbraucher nur das Vertrauen in die Bonität der virtuelles Geld emittierenden Geschäftsbank. Zweifeln Kunden an der Solvenz ihres Kreditinstituts, ziehen sie ihre Einlagen ab. Ein Kreislauf beginnt, der zum Zusammenbruch einer Bank und in der Folge des Bankensystems führen kann - ein sogenannter Bank-Run beginnt. Diese Gefahr besteht unabhängig vom virtuellen Geld auch bei realem Geld. Allerdings ist das Vertrauen der Verbraucher in staatlich ausgegebenes Geld meist größer.

In Deutschland ist das Netzgeld der Bankenaufsicht unterstellt. Nur Banken dürfen Cybergeld herausgeben und unterliegen dabei laut Kreditwesengesetz (KWG) der Kontrolle des Bundesaufsichtsamts für das Kreditwesen und der Bundesbank.

Anders sieht es in anderen Staaten aus. Elektronisches Geld überschreitet Staatsgrenzen. Verbraucher könnten sich per Kreditkarte im Ausland elektronisches Geld zulegen und im Inland nutzen. Damit wird die Kontrolle der Geldmenge komplizierter.

Apropos Geldmenge: Werden langfristig alle Bargeldzahlungen unter 50 Mark durch elektronisches Geld ersetzt, bedeutet dies einen Rückgang des Bargeldumlaufs von 10,6 Prozent oder 29,3 Milliarden Mark, auf der Basis der Zahlen von 1996. Die Bundesbanker müßten dann bei einem Zinssatz von sechs Prozent auf 1,8 Milliarden Mark Seigniorage-Gewinn (Geldschöpfungs-Gewinn, der auf der Differenz zwischen wirklichem Wert des eingesetzten Münz-Materials und der auf der Münze aufgedruckten Wert beruht) verzichten, die in Waigels Kasse fließen könnten. Das rechnet Herreiner in einem Modell vor. Auch die Bank für internationale Zusammenarbeit geht davon aus, das vor allem in Deutschland der Verlust der Bundesbank bei Seigniorage-Gewinnen besonders hoch wäre.

Der konsequente nächste Schritt (siehe Interview) ist der Weg zur internationalen Einsatzfähigkeit der Verfahren. Im nationalen Einsatz funktionieren die Systeme gut - auch in Sachen Sicherheit. Das weltweite Computernetzwerk Internet verlangt jedoch nach internationalen Lösungen.

Hier liegen große Chancen für das elektronische Geld. Beispiel Euro: In den ersten drei Jahren der Währungsunion wird Bargeld weiterhin in nationalen Währungen ausgegeben. Virtuelles Geld wird also das erste Geld sein, das frei konvertierbar ist und von Anfang an in Euro notiert werden kann. Auch über den europäischen Währungsraum hinaus ergeben sich hier Chancen. Bargeldumtausch könnte weltweit überflüssig werden. Kunden können dank elektronischen Geldes weltweit Chancen nutzen, die sonst versperrt blieben - eine Demokratisierung wirtschaftlicher Aktivitäten. Gewonnen hat daher auf Bankenseite, wer als erster sein System international einsetzen kann.



© SPIEGEL ONLINE 1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.