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Fazit eines Turniers: Wettkampf verloren – was nun?

Gestern ging der Wettkampf zwischen Mensch und Maschine in Bonn zu Ende. Das Ergebnis lautet 4:2 - nicht für uns, sondern für die Maschinen. Hat der Mensch nun die intellektuelle Oberhoheit verloren? Ist Schach tot? Fritz-Team-Mitglied Andre Schulz zieht ein Fazit des Turniers.

Schon einmal hat ein Weltmeister einen Kampf gegen einen Schachautomaten verloren. Nur: Als Kasparow gegen Deep Blue mit einer minderwertigen Variante die letzte Partie und damit den Wettkampf verlor, konnte man das als Ergebnis einer gewissen Paranoia deuten. Kramniks Niederlage ist anderer Natur. Der lange Mann aus Tuapse ist so was von cool., dass er den zumeist nervösen Schachspielern manchmal schon etwas fremd vorkommt.

Schach: Einst Spiel der Könige
DDP

Schach: Einst Spiel der Könige

Auch diesmal sah Kramnik gar nicht schlecht aus. Seine Matchstrategie sah vor, mit Hilfe geeigneter Eröffnungsvarianten möglichst früh die Damen zu tauschen und in klaren Strukturen mit wenigen Steinen dank seines überlegenen Schachverständnisses die Partien vielleicht zu gewinnen, wenigstens aber nicht zu verlieren. Ein einziges Mal in den ersten fünf Partien tauschte er nicht die Damen, prompt ließ er sich Matt setzten. In der zweiten Partie zeigte sich zudem ganz klar der "human factor": Kramnik hatte einen Gewinnplan gesehen und war von diesem so geblendet, dass er für die Gefahr, die seinem eigenen König drohte, für einen Moment blind wurde.

Aber auch in Partie Eins stand Kramnik günstig. Nachher glaubten Kommentatoren, einen Gewinn nachweisen zu können – den sie mit Computerhilfe gefunden hatten.

In den folgenden zwei Partien übernahm Deep Fritz die Initiative. Spielte er plötzlich besser? War er vorher nicht in Form, vielleicht noch kalt? Nein. Durch Zufall, durch den Lauf der Partien in bestimmte Eröffnungsvarianten, kamen hier Positionen auf das Brett, in denen der Rechner seine Mittel besser zum Einsatz bringen konnte: Es gab mehr zu rechnen.

In der vierten Partie opferte die Maschine sogar einen Bauern – Bauernopfer sind eigentlich Maßnahmen, die sonst nur dem Menschen vorbehalten sind. Das sah so aus, als ob das Ding nun plötzlich auch noch menschlich spielen würde. Das ist aber reine Interpretation. In Wirklichkeit hatte der Rechner dieses Opfer als beste Fortsetzung errechnet. Für ihn war es gar kein Opfer, sondern schlicht der objektiv beste Zug.

War Kramnik wirklich so unterlegen?

In den ersten fünf Partien hat Kramnik Stellungen herbeiführen können, in denen seine strategischen Fähigkeiten die taktische Rechengewalt des Computers kompensierten, manchmal sogar mehr als das. Der Kampf war ausgeglichen. Nur wegen des blöden einzügigen Matts in der zweiten Partie lag der Weltmeister hinten.

Damit stand Wladimir Kramnik vor der letzten Partie vor folgender Frage: Soll er so wie bisher spielen, mit wenig Risiko in übersichtlichen Stellung, aber auch ohne reale Gewinnchance? Oder sollte er das Risiko auf sich nehmen und in einer komplexeren Variante hoffen, dass er vielleicht einmal zum "lucky punch" kommen würde, weil das Gerät zum Beispiel einen langfristigen Angriff wegen seines zwar großen, aber dennoch beschränkten Horizonts nicht richtig bewerten würde?

Der Weltmeister entschied sich für den zweiten Weg: Volles Risiko – und im schlimmsten Fall mit wehenden Fahnen unterzugehen.

So kam es dann auch.

Die Partie verlief für Kramnik wohl nicht ganz nach Wunsch, denn Deep Fritz – genauer seine Bediener in der Vorbereitung – wählte von den vier Hauptvarianten der Sizilianischen Najdorf-Verteidigung diejenige mit den wenigsten forcierten Abspielen. Vielleicht hatte Kramnik auf den englischen Angriff gehofft, um einen lang rochierten Deep Fritz im Königsangriff umzuhauen?

Das ist neu: Strategie beim Rechner

In der gespielten Sosin-Variante rochierte der Schachalgorithmus kurz. Dann spielte er die Position so, wie die Meister es eigentlich nicht machen. Als erstes brachte er einen Turm – die Artillerie im Schach - vor seine Bauern (die Infanterie) in Stellung. Jeder Stratege weiß, dass die Artillerie nicht vor der Infanterie stehen soll, und das gilt auch im Schach - normalerweise.

Die kommentierenden Großmeister bei der SPIEGL-ONLINE-Liveübertragung Klaus Bischoff, Dr. Helmut Pfleger und Artur Jussupow zeigten sich auch mit der Position von Kramnik sehr zufrieden. Als Kramnik mit dem Springerrückzug Sf6-g8 eine Umgruppierung seiner Position einleitete und Fritz sofort mit dem Rückzug Sc3-b1 antwortete, deutete Artur Jussupov das noch als eine Form von Computerhumor.

Doch auch der Rechner baute seine Position um, piesackte Kramniks Formation in der Folge mit einigen Nadelstichen und zeigte mit seinem Vorstoß e4-e5, dass Kramniks vermeintliche Festung diesmal nur ein Kartenhäuschen war. Mit einem Mal waren alle Bahnen zu Kramniks König geöffnet. Die Artillerie feuerte aus allen Rohren. Kramnik befand sich in einer Schrottpresse, dessen zwei Backen nun unaufhaltbar aufeinander zuliefen. Diesmal konnte er sie nicht aufhalten.

Bewertung

4:2 für die Maschine – das ist nicht das Ende, aber vielleicht der Anfang vom Ende der Mensch-Maschinen-Wettkämpfe. Kramnik hat großartig gespielt und manchmal war er dem Sieg nahe. Hätte er maschinelle Präzision gezeigt, hätte er wohl eine oder zwei Partien gewonnen, so hat er zweimal verloren. Vor der letzten Partie hat er seine bisherige Strategie aufgegeben und mit offenem Visier gekämpft. Jeder konnte sehen, dass die Luft hier für den Menschen extrem dünn ist. Abstrus aussehende Maschinenmanöver werden plötzlich zu großem Schach. Artur Jussupow, selbst der stets eloquente Helmut Pfleger, waren minutenlang sprachlos.

Die Programme sind besser geworden. Aber gelöst ist Schach noch lange nicht. Für die Programmierer stellt sich nun folgende reizvolle Aufgabe: Wie kann man die Fähigkeiten der Schachprogramme noch besser für den Menschen nutzbar machen? Können die Programme den Menschen beibringen, besser Schach zu spielen? Können Sie zum echten Schachlehrer werden? Teilweise sind sie dies schon, wie eine neue Generation großmeisterlicher Computerkids beweist.

Und was kam für das Schach bei diesem Wettkampf heraus? Niemals zuvor stand Schach so sehr im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Das Forum der Bundeskunsthalle – eine tolle Bühne - war jedes Mal brechend voll und mehrere Millionen Menschen verfolgten die Schachschlacht zwischen künstlicher und natürlicher Intelligenz über das Internet. Selbst Schachlaien hatten einen Heidenspaß und verstanden mit Hilfe der anschaulichen Expertenkommentare, was da vor sich ging. Schach ist cool – mit Computer noch cooler.

Andre Schulz ist Redakteur von Chessbase und Schach.de und gehört zu Fritz-Team

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