Fernsehen via Internet IPTV kommt - jetzt aber wirklich!

Wem fünfzig Kabelfernsehkanäle einfach zu wenig sind, darf sich aufs Internet-Fernsehen (IPTV) freuen. Fernsehanstalten, Telefonanbieter und die Kabelbranche stellen auf der Cebit ihre Triple-Play-Träume vor.

Von Helmut Merschmann


Déjà-vu-Erlebnisse sind auf der Cebit in Hannover keine Seltenheit. Dazu dürfte in diesem Jahr auch IPTV zählen, das vielbeschworene Fernsehen über Internet, das bereits 2006 an gleicher Stelle zum Trendthema ausgerufen worden war. Glaubt man den vielen Ankündigungen kurz vor Messestart, befinden wir uns in diesem Jahr aber tatsächlich vor dem Durchbruch in eine neue Fernsehära. "IPTV wird die TV-Landschaft in einer Weise revolutionieren, die höchstens mit der Einführung des Privatfernsehens vor mehr als 20 Jahren vergleichbar ist", heißt es in einer Pressemitteilung der Cebit.

Der Messeveranstalter selbst springt auf den Zug auf und startet erstmalig ein eigenes Internet-TV-Angebot unter www.cebit.de/tv mit "interessanten News von der Messe im Bewegtbild", wie es etwas umständlich formuliert heißt. Drei Kanäle, deren Angebote sich momentan noch nicht groß unterscheiden, stehen nach der Registrierung zur Auswahl.

"Create" wendet sich an die IT-Branche, "Trade" an Händler und "Use" nach dem Messestart an die Anwender. Ein vertrautes Fernsehgesicht, Christian Spanik, der früher die Computersendung "Neues" auf 3Sat moderiert hat, wurde dafür gewonnen. Die Sendungen haben einen durchweg werblichen Anstrich und stellen, wie sollte es auch anders sein, Messeneuheiten vor.

Kabelbranche und Telkos in den Startlöchern

Im letzten Jahr nutzte die Fernsehgruppe ProSiebenSat.1 zusammen mit United Internet die Cebit, um den Start des Video-on-Demand-Portals Maxdome anzukündigen - das IPTV-Technik nutzt. Im Herbst 2006 ging Maxdome mit Pay-Angeboten im Bereich Sport, Erotik, Film und Serie an den Start. Lokalanbieter Hansenet war da schneller: Im Mai bereits präsentierte dieser Deutschlands erstes so genanntes Triple-Play - Telefondienste, breitbandiger Internetzugang und Fernsehen aus einer Hand. 100 TV-Kanäle und 600 Filme können seitdem über eine schnelle DSL-Leitung geschaut werden.

Im Oktober wartete schließlich die Deutsche Telekom mit einem Triple-Play-Paket namens T-Home auf, das auf der Cebit 2006 nur als Konzept zu sehen war - inklusive eines leeren Gehäuses der geplanten Set-Top-Box. T-Home umfasst 130 Fernsehprogramme und 1300 Videos-on-Demand sowie digitale Zusatzdienste wie Programmführer, zeitversetztes Sehen und einen digitalen Videorecorder.

Notwendig dafür ist allerdings die Anschaffung eines VDSL-Hochgeschwindigkeitszugangs, so dass die Preise für den heimischen Kinoabend, je nach Geschwindigkeit und Movie-Paket, zwischen 80 und 120 Euro pro Monat liegen. Auch Kabelbetreiber wie Kabel Deutschland, ish (NRW) und iesy (Hessen) haben Triple-Play im Angebot - das Fernsehsignal wird allerdings nicht über Internet, sondern klassisch über Kabel verbreitet.

Zurück auf Los

Auf der diesjährigen Cebit startet mit Arcor nun der dritte große Telekommunikationsanbieter in die neue Ära - genauer: er kündigt IPTV für die zweite Jahreshälfte an. 50 Free-TV-Sender und weitere Pakete mit über 70 Pay-TV-Programmen sollen Arcor-Kunden ab Herbst zur Verfügung stehen. Welche das sein werden, ist noch nicht zu erfahren. Der Telefonanbieter steckt augenblicklich noch in Verhandlungen mit den Sendeanstalten – nicht zuletzt um sich die Rechte fürs Aufzeichnen und Archivieren einzuholen.

Per Timeshift-Funktion können bereits laufende Sendungen zurück gespult und zu einem beliebigen Zeitpunkt während der Ausstrahlung gestartet werden. Niemand muss mehr sein Abendessen kalt werden lassen. Für den "Restart" genannten Service sollen alle Programme bei Arcor aufgezeichnet und konserviert werden - die Erlaubnis der Rechteinhaber vorausgesetzt.

Bei mehr als hundert Programmen, durch die zu zappen einen ganzen Abend benötigen würde, "wird der Service in den Mittelpunkt rücken", kündigt Arcor-Sprecher Paul Gerlach an. In Kooperation mit der Programmzeitschrift "TV-Movie" sollen Programm-Highlights erstellt und Suchfunktionen nach Genres eingerichtet werden. Diesen elektronischen Programmführer (EPG) beschreibt Gerlach als "richtiges zusätzliches Programm zur Orientierung". Neben den üblichen Textinformationen sollen auch multimediale Inhalte integriert werden.

Studien sind eher skeptisch

IPTV scheint tatsächlich das neue Trendthema zu werden. Fernsehsender wie das ZDF, dessen "Mediathek" monatlich 4,4 Millionen Videoabrufe zählt, sehen sich gut gerüstet. Selbst Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CDU) hat den Aufbau eines IPTV-Angebots zu den Themen Existenzgründung und Wirtschaftsentwicklung angekündigt. Seltsamerweise verhält sich ausgerechnet das Consulting-Gewerbe, das sonst noch geschickt jeden zart aufkeimenden Trend hochzujazzen versteht, eher zurückhaltend.

Nach einer Umfrage von TNS Emnid haben zwei Drittel der deutschen Internetsurfer noch nie Fernsehen über Internet geguckt. Kein Wunder: Laut der jährlichen ARD-Online-Studie verfügten 2006 lediglich 48 Prozent aller deutschen Surfer über einen Breitbandanschluss, wobei IPTV in Fernsehqualität höhere Datenraten als 1 MBit/s erfordert. Das Consulting-Institut Goldmedia geht von 1,33 Millionen deutschen IPTV-Konsumenten bis ins Jahr 2010 aus. Eine andere Studie namens "Deutschland Online 4" fasst den Stand der Dinge folgendermaßen zusammen: "Fernsehen war gestern – und Internet-TV ist noch nicht heute."

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