Filesharing per iTunes: Mutiert der Apple-Music-Shop zur P2P-Börse?

Die Erfolgsgeschichte des iTunes Music Store hält an: Nach 16 Tagen meldet Apple zwei Millionen verkaufte Songs. Doch die, stellt sich nun heraus, können auch verteilt werden. Neue Webseiten versuchen, iTunes zur P2P-Börse zu machen.

Apple-Mastermind Steve Jobs: Binnen einer Woche fanden Musikfans Wege, seinen iTunes-Dienst für Filesharing zu missbrauchen
AP

Apple-Mastermind Steve Jobs: Binnen einer Woche fanden Musikfans Wege, seinen iTunes-Dienst für Filesharing zu missbrauchen

Das kostenlose Apple-Programm iTunes ist ein mächtiges und - aus Sicht eines Windows-Users - verblüffend vielfältiges Stück Software. iTunes spielt und verwaltet Musikdateien, hat aber auch Browser-Funktionalitäten und kann darüber hinaus einem lokalen Netzwerk zudem als Musik-Server dienen. Dann spielt die Musik auf Apple A, tönt aber aus den Lautsprechern von Apple B.

Seit iTunes auch synonym steht für den Namen des Apple-eigenen iTunes Music Store, fließt viel Musik-Datenmaterial auf Mac-Platten. Zwei Millionen Songs, konnte Steve Jobs Unternehmen gestern Nacht euphorisch verkünden, hat der virtuelle Musikladen in nur 16 Tagen verkauft.

Das heißt, dass die Download- wie Abverkaufsraten seit der sensationellen ersten Woche kaum gesunken sind - und längst bekennen sich die Vertreter des Big-Music-Business ganz offen dazu, das Ganze mit wachsender Begeisterung zu beobachten. Doch zu den Lach- gesellen sich nun auch Sorgenfalten, seit draußen im Web Seiten entstehen, die augenscheinlich eine Lücke im iTunes-Programm nutzen, die den Erfolg des Shops in Frage stellen könnte.

P2P auf Umwegen

Denn einigen Apple-Fans reichte es nicht, Musik nur im hauseigenen Netzwerk zu verbreiten: Warum, dachten sich pfiffige Programmierer, sollte man die Mithör-Funktionen von iTunes nicht nutzen, um über das Internet ein wenig iTunes-Radio zu spielen?

Zu denen gehörte auch Rob Lockstone. Der Programmierer betreibt die Website iTunes Database, mit deren Hilfe - so stellte er sich das vor - Apple-User ihre Playlisten anderen zur Verfügung stellen sollten. Über das internationale Netzwerk hätte man so, die "Mithör"-Funktion von iTunes nutzend, Musik hören können, die auf dem Rechner des Dateianbieters verblieben wäre.

Schon das bedeutet im Grunde ein Unterlaufen der liberalen Nutzungsbedingungen von Dateidownloads über den iTunes-Store. Dort gekaufte Musik darf der Apple-User auf CDs brennen und auf bis zu zwei andere Apple-Rechner und iPods übertragen - mehr aber nicht.

Doch bloßes Mithören reichte manchen Usern nicht. Knapp eine Woche nach Eröffnung des virtuellen Apple-Musikladens schaffte es ein Nutzer, die Netzwerk-Funktion von iTunes für ein echtes Kopieren von Dateien zu nutzen: Eine eigentlich profane Sicherheitslücke, denn nötig für das Kopieren war allein eine Mitschnitt-Möglichkeit für gestreamte Audiodateien. Was nun noch fehlte zur Etablierung eines P2P-Netzwerkes, war eine Funktion, Musik anderer User auch finden zu können.

Eine solche Funktion aber bietet iTunes nicht - doch wofür gibt es Websites mit Playlisten?

Gestern setzte Lockstone sein Angebot außer Funktion, einige andere Webseiten bis hin zum Mac-Newsdienst Spymac folgten dem Beispiel: "Ich kann nicht guten Gewissens fortfahren, einen Service anzubieten, der zum Diebstahl urheberrechtlich geschützten Materials missbraucht wird", so die ehrenvolle Begründung.

Denn die Brücke von Musikverzeichnissen auf Webseiten nutzend war - quasi auf Umwegen - ein rudimentäres P2P-Netzwerk entstanden.

Nun läuft die Diskussion darüber an, wie damit umzugehen ist. Die Musikkonzerne, Apple und auch die RIAA wollen den Vorgang bisher offiziell nicht kommentieren - doch einige wagen sich vor.

Carey Ramos etwa, ein Anwalt der amerikanischen National Music Publishers Associaltion. Er sei beeindruckt von Apples Musikservice, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters, und hoffe, dass das Unternehmen Schritte unternehme, das aufkeimende Filesharing über iTunes zu unterbinden.

Das könnte sich als schwierig erweisen

Die Sharing-Funktion, unterstreicht eine Sprecherin von Apple, sei nur für private Nutzungen innerhalb eines lokalen Netzwerkes gedacht. Zu deutsch: Sie ist nun mal da, und ihre "Erweiterung" ist ein Hack, den man nur schwer wird abstellen können. An der Verteilung über das Web ist Apple in keiner Weise beteiligt: Das erledigen die Betreiber entsprechender Webseiten, und nicht alle haben dabei so große Skrupel wie Rob Lockstone.

Doch selbst in der durch P2P-Börsen permanent geschädigten Musikbranche ist man anscheinend bereit, das Sicherheitsleck als marginale Erscheinung zu betrachten, solang für die Zukunft Lösungen geschaffen werden.

Unter dem Vorbehalt, nicht namentlich zitiert zu werden, plädierte ein Manager eines großen Labels dafür, die Bälle flach zu halten: "Apple versucht, einen legalen Service auf die Beine zu stellen, aber keine Lösung ist völlig wasserdicht. Wir haben ja schließlich auch ein Problem mit ein paar Millionen ungeschützter Musik-Mastermedien auf dem Markt. Ich meine CDs."

Frank Patalong

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Tech
alles zum Thema Copyrights

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Donnerstag, 15.05.2003 – 12:12 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback






TOP



TOP