Freie Netze Utopien aus Sauerkrautdosen

Breitband bekommen ist schon schwer, es selber machen gar nicht sehr: Außerhalb der Metropolen beginnt Internet-technisch schnell die Dritte Welt. Doch auch in Großstädten wie Berlin sprießen die freien Netze, mit denen Netzbewegte den "Telkos" kostengünstig ein Schnippchen schlagen.

Von Sonja Ernst


Der Himmel über Berlin: Wer weiß, worauf er achten muss, erkennt die Dosenantenne
Jürgen Neumann

Der Himmel über Berlin: Wer weiß, worauf er achten muss, erkennt die Dosenantenne

Freie Netze wie auch freie Software beleben die ursprünglichen Ideen des Internet: freie Kommunikation und Information für alle, von und für die User.

Ideale, die im Zeitalter überlaufender Spam-Mülleimer und der Kommerzialisierung des Internet weitgehend vergessen wurden. Außer von denen, für die die Segnungen der digitalen Technik im Wortsinn meilenweit entfernt blieben: In ländlichen Regionen mit schwacher Infrastruktur wie im dänischen Djursland bedeuten Teilen und Kooperation mitunter die einzige Chance, doch noch an der schnellen digitalen Kommunikation teilnehmen zu können.

Aber nicht nur in Dänemark, auch in San Francisco, Melbourne oder Madrid spannen sich freie Netze, ebenso wie in deutschen Städten.

Der Berliner Jürgen Neumann ist Mitbegründer der "Freifunk"-Initiative. Vor zwei Jahren startete "Freifunk" und zählt mittlerweile 2000 Mitglieder im deutschsprachigen Raum. Man gehört dazu, wenn man sich auf der "Freifunk"-Website registriert, die immerhin 1,5 Millionen Klicks im Monat zählt. "Wir wollten eine Plattform gründen, wo sich die freien Netz-Communities zusammenschließen und austauschen können", sagt Neumann, 38. "Damit man nicht jedes Mal das Rad neu erfinden muss."

Freie Netze gibt es in Deutschland mittlerweile zuhauf, doch da man sich nirgendwo anmelden muss, kennt niemand die genaue Zahl. Zu Freifunk gehören "Open Nets" in Wien, über München und Münster bis nach Norderstedt und Berlin.

Antennen aus Sauerkraut- und Chipsdosen

In der deutschen Hauptstadt sind in den letzten zwei Jahren verschiedene freie Netze entstanden, die sich vor wenigen Monaten im "BerlinBackBone" zusammenschlossen. Zum Netz gehören normale Haushalte aber auch Kulturstätten, wie das Tacheles. Im "BerlinBackBone"-Netz sollen Konzerte und Events live aus Clubs und Theatern online gestreamt werden.

Freifunk-Webseite: Alternative Infrastruktur für die Region Berlin

Freifunk-Webseite: Alternative Infrastruktur für die Region Berlin

Einen Knotenpunkt im "BerlinBackBone" bildet der Kultur-Club "C-Base". Einmal im Monat taucht Jürgen Neumann hier auf. Der "Freifunker", der beruflich Unternehmen im IT-Bereich berät, hält dann wie in der guten alten Volkshochschule Einführungskurse über freie Netze.

An diesem Abend sitzen rund 30 Leute vor ihm und Neumann erklärt geduldig die Möglichkeiten von freien Netzen. Dann prasseln die Fragen der Zuhörer auf ihn nieder: "Was muss ich jetzt kaufen? Wie groß muss die Antenne sein? Ist das überhaupt erlaubt?" Neumann widmet sich allen Fragen. Nie zu technisch, er will niemanden vergraulen.

Nach dem Schnellkurs "Freie Netze" kann man in der C-Base auch gleich seine Antenne selbst bauen: Sauerkraut- und Chipsdosen eignen sich hervorragend - aber auch der Milch-Tetrapak. Mit Geduld für das Löten entstehen funktionstüchtige Antennen, die bis zu zwei Kilometer Reichweite haben.

Telefonieren - gratis und ohne Grundgebühr Der Antennen-Bau gehört zu den etwas nostalgischen Basics, längst geht es um viel Hightech. Die "Freifunk"-Initiative arbeitet Hand in Hand mit Entwicklern aus der freien Software-Gemeinde. An Routing-Software wird getüftelt, damit die Daten den schnellsten Weg im freien Netz finden.

Auch in kommerziellen Entwicklungen stecken große Hoffnungen - mit der Breitband-Funktechnik WiMax sind Entfernungen zwischen Rechnern bis zu 30 Kilometern überbrückbar. Bislang ist WiMax noch zu teuer, aber in einigen Jahren könnte sie zum Standard jedes Rechners gehören.

Antenne: Richtfunk für Heimwerker
Jürgen Neumann

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Neben neuer Funktechnologie ist vor allem Voice over IP ("VoIP") ein großes Thema - die Internet-Telefonie. Inzwischen ist es überall möglich, von PC zu PC gratis und ohne Grundgebühr über das Internet zu telefonieren. Eine rapide wachsende Zahl von Anbietern macht dazu Angebote für die Telefonie vom PC zum Festnetz - typischerweise zu weltweiten Pauschaltarifen, die deutlich unter den üblichen Telefonkosten liegen.

Großflächige Freinetze schaffen dazu noch "Intranets", die ebenfalls für die Telefonie genutzt werden können. Ob das den Riesen Telekom wachrüttelt, ist noch offen: Zur Cebit präsentiert die Telekom nur sehr zaghafte VoIP-Engagements, obwohl die Zahl der Internet-Telefonierer in Deutschland schon jetzt im satt sechsstelligen Bereich liegen soll.

Aber bis die "Freinetzler" eine ernsthafte Konkurrenz für den Goliath Telekom darstellen, tragen sie ihre Idee schon einmal in den Rest der Welt. Denn während in den Industrieländern der Trend zum Zweit-Handy besteht, gibt es nach wie vor Menschen ohne Telefon. 2001 hatte über ein Drittel der Weltbevölkerung noch nie telefoniert. Ganz abgesehen vom Internet-Zugang: In Indien sind 0,7 Prozent der Bevölkerung online und in Afrika, ohne Südafrika, sogar nur 0,5 Prozent. Aber es kann noch schlimmer kommen.

Freie Netze als Exportschlager

In Sunamganji, einem Distrikt in Nord-Bangladesch, besitzen von den rund 1,9 Millionen Menschen 0,2 Prozent ein Telefon. Die Berliner Netzaktivistin "Elektra", 38, reist kommende Woche in die IT-Provinz. In ihrem Gepäck hat sie dann Kabel, elektronische Schaltungen und eine Vision: freie Netze.

Gemeinsam mit den Bewohnern von Sunamganji baut die Berlinerin freie Netze, damit endlich von Dorf zu Dorf telefoniert werden kann. "Da macht das Ganze noch wirklich Sinn", sagt Elektra, die in der Berliner freien Software-Szene bekannt ist. "Bei uns in Deutschland ist es eher das Sahnehäubchen."

Wie in Berlin oder Djursland werden auch in Sunamganji die freien Netze wachsen und die Dörfer vielleicht bald online gehen - vor allem die Dorfschulen. Solche Visionen werden auch in Djursland vorangetrieben. Mit EU-Fördergeldern entsteht ein Internationales Trainings-Zentrum. Menschen aus allen Ländern, insbesondere aus der Dritten Welt, sollen in Djursland schon bald alles rund um freie Netze, Linux und Internet-Telefonie lernen. Mit seinem freien Netz hat das dünn besiedelte Djursland einen Exportschlager entdeckt und ist sozial wieder "online".

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