Gadgets Dünn ist das neue Breit

Seit mehr als einem Jahrzehnt wartet die Tech-Welt auf ein E-Paper-Display, das den Namen auch verdient. In Yokohama zeigten die Entwickler, was sie da aktuell auf der Rolle haben. Außerdem: Das Rennen um die breitesten TV-Boliden ist beendet - jetzt wird's dünner.


Es gibt Fachmessen, die hat Otto Normalverbraucher gar nicht auf dem Bildschirm, obwohl sie durchaus wichtig sind: Die FPD International in Yokohama ist so ein Branchen-Event. Sie hat sich in den letzten Jahren zu einem Leistungsschaulaufen für alle entwickelt, die auf dem Markt der Flach-Displays mitboxen wollen. Über 69.000 Fachbesucher gaben sich dort in der letzten Woche die Klinke in die Hand.

Und bekamen mehr geboten, als nur immer breitete LCD- oder Plasma-Fernseher. Die FPD dokumentierte einige neue, starke Trends.

1. Fernseh-Flundern werden noch flacher

Superflach: 10 Millimeter Samsung-TV werfen an der Wand kaum mehr einen Schatten
AFP

Superflach: 10 Millimeter Samsung-TV werfen an der Wand kaum mehr einen Schatten

Breit, breiter, am allerbreitesten reicht als Lockmittel für zahlungskräftige Kunden offenbar nicht mehr aus, seit selbst Baumärkte ihre TV-Schnäppchen mit Meterangaben bewerben. Überboten sich die Entwickler mehrere Jahre gegenseitig mit Zoll-Zahlen in Diagonale, setzen sie nun auf Eleganz. Dünn ist dabei sozusagen das neue Breit: Nicht mehr "wer hat den größten?" ist das Maß der Dinge, sondern "wer hat den dünnsten?".

Und da hat derzeit Samsung die Nase ganz weit vorn. Die Südkoreaner präsentierten in Yokohama einen immerhin 40 Zoll messenden Fernseher, der es auf eine Dicke von gerade einmal 10 Millimeter bringt. Das sieht an der Wand nicht nur elegant aus, es ist auch wieder tragbar - sowohl für die Wand als auch für den armen Hund, der das Ding dort aufhängen muss.

Zu den weiteren Assets des schicken Displays zählen volle HD-Qualität und ein besonders niedriger Stromverbrauch: Von hinten beleuchtet soll sich der Edelfernseher mit gerade einmal 90 Watt bescheiden. Was der Spaß kosten wird, hat Samsung noch nicht verraten.

2. Anfassen erwünscht

Trend Nummer 2: Innovative Touchscreen-Technik - und auch hier ist das Ziel, die Dinger dünner zu bekommen. Denn genau da lag bisher das Manko: Herkömmliche Touchscreens basieren auf der Kombination eines LCD-Bildschirms mit einer aufgelegten Sensorschicht. Macht zwei Schichten, was einen Sandwich-Effekt ergibt: Alles, was "touch" im Namen trägt, ist von Haus aus ein wenig dicker.

Dünner geht es zurzeit nicht: 0,68 Millimeter dünnes Handy-Display von Sharp

Dünner geht es zurzeit nicht: 0,68 Millimeter dünnes Handy-Display von Sharp

Doch nicht mehr lange, versprechen die Entwickler. Die gehen - je nach Hersteller - zwei verschiedene Wege. Sharp zeigte in Yokohama ein Display, das Ende August 2007 angekündigt worden war: Der kleine LCD-Screen ist mit Lichtsensoren bestückt. Durch Messung der Helligkeitsunterschiede über dem Display bekommt dieses seine Touch-Funktion - und ein Layer reicht. Zum Einsatz kommen soll die Technik in Handys, PDAs, Navigatoren und allen anderen Geräten für die Westentasche, die man gern befingert, statt sich per Knöpfchen durch komplizierte Menüs zu klicken. Einen ähnlichen Entwicklungsweg gehen Toshiba Matsushita Display Technology, die ihre lichtsensitiven Displays bereits zum zweiten Mal vorstellten - Serienreif sind sie noch nicht.

Angeblich im Gegensatz zu Samsungs kleinen Touchscreens, die wie die Displays von AU Optronics Corp. auf die Integration von Drucksensoren in das LCD-Panel selbst setzen.

Und was hat man davon? Dünnere Displays: Beide Technologien zielen darauf, die Dicke von Handy-Touchdisplays etc. mittelfristig zu halbieren. Samsung verflachte seine Touch-Displays so schon von 7,8 auf 4,8 Millimeter. Normale, nicht Berührungssensitive Displays sind da natürlich erheblich dünner. Sharp trommelte in Yokohama für das wahrscheinlich dünnste Handy-Display der Welt: Mit einer Dicke von 0,68 Millimetern ist das Bildschirmchen auf dem Weg zur Folie.

3. Biegen, Rollen, Fallen ohne zu brechen

E-Paper in A3: Display-Innovation vom Reifenhersteller Bridgestone
AFP

E-Paper in A3: Display-Innovation vom Reifenhersteller Bridgestone

Doch der Gral der Flach-Display-Entwicklung ist und bleibt natürlich die wahre Folie: Seit mehr als einem Jahrzehnt hofft die Tech-Branche auf den baldigen Durchbruch beim sogenannten elektronischen Papier. Das Fernziel: der aufrollbare Bildschirm, den man in ein elegantes, stiftähnliches Gerät verpackt in der Westentasche trägt und der nicht nur diverse aktuelle Web-Seiten abruft, sondern auch Zeitungen und Magazine vorhält, zwei, drei Bücher für Unterwegs und fünf, sechs gute Filme für den Abend.

Alles noch Science Fiction, doch wer weiß? Seit sich in diesem Feld nicht nur die üblichen Verdächtigen von Xerox bis Philips tummeln, sondern auch neue Player Phantasie entfalten, mag da ja was ins Rollen kommen.

Zumal zu diesen neuen Playern ein ausgewiesen kreativer Reifenhersteller gehört: Ausgerechnet Bridgestone stellte in Yokohama das meistbeachtete E-Paper-Display vor. Schlappe 0,29 Millimeter dünn ist das Display, das es immerhin auf A3-Größe bringt - etwas größeres, das man auch biegen kann, hat derzeit keiner zu bieten. Bridgestone sieht als Vermarktungsargument auch, dass man das Display fallen lassen könne, ohne dass es bricht. Liegt wohl nahe, wenn man normalerweise Produkte entwickelt, die man durch Aufstolzen testet.

Bridgestones Folienbildschirm als Wand-Display: Ersteinsatz Bilderrahmen mit niedrigem Stromverbrauch?
AFP

Bridgestones Folienbildschirm als Wand-Display: Ersteinsatz Bilderrahmen mit niedrigem Stromverbrauch?

Doch Scherz beiseite, das ist schon ein Entwicklungsschritt. Brigdestones erstes E-Paper zeigte vor etwas mehr als einem Jahr noch zwei Farben, das aktuelle bringt es auf 4096. Der eigentliche Innovationssprung liegt aber in der Fertigungstechnik. Bridgestone arbeitet aktuell an einer Produktionsmaschine, die das flexible Display ab Rolle produzieren soll. Die Fertigung von E-Paper würde damit die Standards der industriellen Produktionsweise erreichen. Das verspricht endlich auch, den Preisverfall denkbar zu machen, den jedes technologische Produkt braucht, um sich am Markt durchzusetzen.

pat



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