Gaming Gadgets Sonnenbrand durch Videospielen

Bei der Suche nach neuen Einnahmequellen stößt die Videospielindustrie jetzt auf das Geschäft mit dem Zubehör: Mit Web-Adaptern, Karaoke-Kits, Live-Kameras und Sonnen-Sensoren wollen Sony, Nintendo und Microsoft neue Zielgruppen erobern.

Von Richard Löwenstein


Bei Sonys Eyetoy baut eine Webcam den Spieler live in einfache Geschicklichkeitstests ein, die der mit Händen und Köpfchen meistert

Bei Sonys Eyetoy baut eine Webcam den Spieler live in einfache Geschicklichkeitstests ein, die der mit Händen und Köpfchen meistert

Der Mensch braucht laufend neue Reize, sonst verliert er das Interesse. Diese Binsenweisheit gilt für Beziehungen genauso wie für den Spieltrieb. Der Mangel an Reizen scheint mitverantwortlich, warum sich die Hersteller von Unterhaltungs-Software in letzter Zeit so schwer tun: 2002 verbuchte die deutsche Computer- und Videospielindustrie einen Umsatzeinbruch von knapp 203 Millionen Euro oder 13 Prozent im Vergleich zum Spitzenjahr 2000.

Mit frischen Ideen will die Branche den Markt beleben. Einige Ideen sind schon da: Zum Beispiel erschließt Nintendo seiner Gamecube-Konsole mit einem Geniestreich aus viel Kunststoff und etwas Elektronik die ganze Welt des Game Boy: Rund 1200 Spiele, die eigentlich für die Hosentaschenkonsole gemacht sind.

Zurück zum ROM-Modul

Seit dem 20. Juni liegt dem Gamecube ein quadratisches Extra namens "Game Boy Player" bei. Ein Adapter, mit dem Game Boy/Game Boy Advance-Spiele auf dem Gamecube funktionieren. Das Zubehör schmiegt sich an den Boden der Konsole. Vorne ist ein kleiner Schlitz ausgestanzt, passend für die ROM-Steckmodule des Game Boy.

Sobald der Strom fließt, entfalten Game Boy-Titel wie "Donkey Kong Country" eine völlig neue Wirkung. Bilder, die sich sonst über einen vier mal sechs Zentimeter LCD-Schirm quälen, sprühen auf dem Fernsehgerät vor Farben und Kontrasten. Das Daddeln fällt leichter, weil die Herausforderungen auf der großen "Leinwand" besser zu erkennen sind; Grafikmängel fallen aber auch eher auf. Trotzdem eine prima Sache, selbst wenn Nintendo die Idee bei sich selbst geklaut hat: Einen solchen Adapter gab's schon mal vor neun Jahren für die Super Nintendo-Konsole. Der Name damals: "Super Game Boy". 59 Euro kostet das Remake einzeln, 199 Euro im Set mit der Gamecube-Konsole.

Konkurrent Sony hat zwei gute Ideen, die aus der Playstation 2 mehr Spaß heraus kitzeln sollen. Eine entscheidende Rolle in den Zukunftsplänen des Konzerns übernimmt dabei der seit dieser Woche erhältliche Breitband-Adapter für das Internet. Künftig soll die PS2 zur Multimedia-Schaltzentrale werden, mit der man daddeln kann, aber auch Filme und Magazine aus dem Netz laden.

Als Gaming-Gadget seit letzter Woche begraben: Mit dem E-Reader sollte Nintendos Game Boy Advance-Konsole Spiele-Oldies von billigen Memory-Karten lesen können. In den USA gefloppt, bei uns jetzt gestrichen

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Daddeln im Internet

Momentan dient das Zubehör von der Größe eines Zigaretten-Etuis erst mal dazu, PS2-Besitzer aus aller Welt zu vernetzen. Man trifft sich zum spielen, oder chattet im so genannten "CentralStation"-Portal, einer Art Webseite. Noch ist das Portal ziemlich kahl, ein kleiner Magazinteil lädt aber schon zum schmökern ein. Wer mitlesen will, braucht DSL oder Kabelmodem.

Nach erfolgter Verbindung ins Netz sprechen die wenigen Spiele, die schon bereit sind für den Online-Betrieb, eine Einladung zum Mehrspieler-Gaming aus. Beim alten "Tony Hawk's Pro Skater 4" können Leute um die Wette skaten, bei "Midnight Club 2" an illegalen Straßenrennen Spaß haben. Beim taktisch geprägten Actiongame "SOCOM" kämpfen Special Forces im Team gegen Terroristen; ein gewagtes Thema, aber gewinnend aufbereitet.

Sonys blendende Zukunft

Rätselhaft, warum Sony gerade das dumpfe Autocrash-Spektakel "Twisted Metal Black Online" mit dem Adapter bündelt. Der Paketpreis liegt bei 59 Euro, ohne Game sind 39 Euro fällig.

Eher eine Investition in die Zukunft: Gegen Ende des Jahres sollen viel versprechende Rollenspiele ("Everquest", "Final Fantasy XI") und heiße Racing-Games ("Gran Turismo 4") richtig Lust aufs miteinander Spielen machen. Einen entscheidenden Deal hat Sony mit EA Sports gelandet: Wer demnächst bei den heiß begehrten Sport-Titeln (u.a. "FIFA 2004", "Need for Speed Underground") des US-Herstellers online in Wettbewerb treten will, wird das nur auf der PS2 tun können.

Mehr in Richtung Partyperipherie geht Sonys "EyeToy"-Kamera, die ab dem 9. Juli für 59 Euro erhältlich ist. Im Prinzip handelt es sich um eine simple Webcam, die per USB-Kabel mit der Playstation 2 verkuppelt und den Spieler vom Fernseher aus anguckt. Der Gag: Die Kamera erfasst den Spieler vom Kopf bis zum Rumpf und mischt ihn live in die Playstation

Quadratisch, praktisch, gut: Der Game Boy Player nimmt unter dem Gamecube kaum Platz weg, erschließt der Konsole aber das ganze Reich der Game Boy-Software

Quadratisch, praktisch, gut: Der Game Boy Player nimmt unter dem Gamecube kaum Platz weg, erschließt der Konsole aber das ganze Reich der Game Boy-Software

2-Grafik. Die Software erkennt, wenn man sich bewegt: Man fuchtelt mit Fingern, Händen und manchmal dem Kopf wild durch die Luft und steuert so erst das Auswahlmenü, später die Spielabläufe. Das funktioniert erstaunlich gut, solange sich im Hintergrund des Probanden sonst nichts rührt.

Zwölf einfache Geschicklichkeits-Gaudis liegen "EyeToy" bei. Bei "Wishiwashi" soll man Fenster wischen, bei "Keep Ups" Bälle balancieren. Die Spiele leben von den Fehlern, die sich bei zunehmendem Zeitdruck einstellen. Der Spaß stellt sich aber nur ein, wenn Freunde gemeinsam Wettbewerbe starten und über Schummeleien lachen; beispielsweise die, mit dem Baseballhandschuh die Fläche der Hand zu vervielfachen und so beim Karatetest "Kung Foo" mehr Treffer zu landen.

Der Spieler live dabei

Dass die Software im Moment des Game Over vom Spieler ein Foto schießt und es in die Highscore-Liste einbaut, ist eine reizende Idee. In Zukunft soll man die Portraits auf die Köpfe von Videospiel-Helden montieren können. Beim Fußball-Game "TIF 2004" würde der Spieler anstelle von Ballack den FC Bayern zur 19. Deutschen Meisterschaft führen, bei "Tony Hawk's Underground" selbst zum Skating-Ass werden. "Eyetoy" plus PS2 plus Internet-Adapter, das ergibt nach Sony-Kalkulation demnächst außerdem einen Terminal für Videokonferenzen.

Und Microsoft, wie kontern die? Sie wollen mit einem vielseitigen Karaoke-Kit ab Weihnachten die Xbox-Klientel zur Kreativität anregen. "Xbox Music Mixer" nennt sich das Set aus Mikrofon, Instrumental-Songs und einer Software mit Schmackes. Die soll in der Lage sein, fast jedes beliebige Lied von CD zu rippen, den Gesang heraus zu filtern und das Ergebnis auf Festplatte zu speichern. Dann kann der Benutzer ungestört vom Original-Vokalisten seine Melodien trällern; im so genannten Rave Mode malt die Xbox ein zur Tonlage passendes Lichtgewitter auf die Mattscheibe. Wer außerdem seinen PC mit der Konsole koppelt, soll mit der Digitalkamera aufgenommene Bilder auf die Xbox laden und den Videoclip damit bereichern. 40 Dollar soll der Spaß in den USA kosten, für Deutschland hat Microsoft noch keinen Preis festgelegt.

Wer's mit der Musik hat, kann auch so genannte Tanzmatten an die Konsole klemmen und auf druckempfindlichen Trittflächen zur Musik steppen. Konami stellt so ab September das Timing der Videospieler auf die Probe. "Dancing Stage Euromix heißt der Takt-Test für PSOne und Playstation 2. Im Preis von 35 Euro ist die Tanzmatte schon enthalten.

Tanzmatten sind vor allem beim weiblichen Publikum beliebt. Konami und Logic 3 kommen mit neuen Modellen

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Nun halten billige Matten dem regen Gebrauch aber nicht lange stand, der weiche Kunststoff wellt und reißt. Schlicht und ergreifend "Metall Tanzplatte" nennt Logic 3 seine solide Alternative. Verfügbar schon ab Juli, Bestellung nur über die Webseite des Otto Versand. Das 16 Kilo-Paket kommt direkt nach Haus. 180 Euro muss einem der Spaß aber schon wert sein, dafür geht die Konstruktion dank erdbebenfester Verarbeitung nicht so schnell kaputt. Außerdem blitzen die acht Trittplatten beim abhotten rot, grün und blau. Das kann die preiswerte Variante nicht bieten.

Highscore durch Solarpower

Eine angemessene Beleuchtung macht sich auch bezahlt, wenn ab Oktober Konamis "Boktai"-Spiel im Game Boy zu liegen kommt. Das Actionabenteuer um einen Vampirkiller versteckt eine Raffinesse im ROM-Modul: Ein Sensor beeinflusst in Abhängigkeit vom Sonnenlicht den Spielablauf. Bei Dunkelheit sind die Blutsauger im Vorteil, bei Helligkeit gewinnt der Jäger an Kraft.

Wer also erfolgreich den Pflock ins Herz des Obervampirs treiben will, fliegt am besten in den Süden und daddelt unter praller Sonne. Sonnenbrand statt Käsebleiche als Folge exzessiven Videospielens - das ist doch mal was Neues!



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