Gehackte Hardware: Meine Festplatte warnt vor Erdbeben

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Wenn Hacker Alltagstechnik zweckentfremden, entstehen die bizarrsten Anwendungen. Apple-Rechner werden dank missbrauchten Schüttel-Schutzes zum Seismographennetz, Wii-Controller ersetzen Datenbrillen - und mit iPods kann man telefonieren.

Wie langweilig: In Apples Macbooks steckt ein dreiachsiger Beschleunigungsmesser und kann von Haus aus nichts anderes, als bei einem Sturz des Laptops die Festplattenköpfe schnell zu parken. Das verhindert den totalen Datenverlust, beeindruckt aber niemanden. Forscher einiger kalifornischer Universitäten haben eine neue Verwendung für diese meist ungenutzte MacBook-Hardware: Die Laptops sollen helfen, Erdbeben zu wittern und zu beobachten.

Apple-Boss Steve Jobs: Der Beschleunigungsmesser im Macbook Air schützt die Festplatte - und könnte Erdbeben wittern
AFP

Apple-Boss Steve Jobs: Der Beschleunigungsmesser im Macbook Air schützt die Festplatte - und könnte Erdbeben wittern

Das Ziel dieses auf Kalifornien beschränkten " Quake Catcher Networks" beschreibt der Geologe Jesse Lawrence von der Stanford Universität dem US-Magazin " Technology Review" so: "Wir wollen nicht Erdbeben vorhersagen, sondern sie sehr schnell messen und die Warnung möglichst breit streuen, bevor sie großen Schaden anrichten."

Die Idee: Eine auf den Macbooks der freiwilligen Teilnehmer installierte Software liest ständig die Daten des Beschleunigungsmessers aus und gibt sie samt Rechnerstandort über die Internetverbindung weiter an den Zentralrechner. Mithilfe von Erfahrungswerten, den Daten anderer Rechner und statistischen Methoden soll die Software die gelieferten Daten interpretieren und gewichten. Wer in der Nähe einer Baustelle mit Presslufthammereinsatz arbeitet oder sein Macbook oft auf dem Schoß ruhen lässt, mit dem Bein wackelt und so den Beschleunigungsmesser in Aufregung versetzt, sollte also keine Erdbebenwarnung auslösen.

Ernstgemeintes Ziel: Katastrophen-Prävention

Das Ziel der Forscher auf mittlere Sicht: Ihr "Quake Catcher Network" soll um die Daten der regulären Messstationen ergänzt werden und dann bei einem kritischen Erdbeben in Kalifornien eine Warnung über das Netz verschicken, die den Empfängern 10 bis 20 Sekunden gibt, um in Deckung zu gehen. Die an dem Projekt beteiligte Seismologin Elizabeth Cochran von der University of California in Riverside hält das für realistisch. Sie erklärt in " Wired": "Wir können eine Erdbebenwelle messen und die Warnung versenden, bevor sie die Betroffenen erreicht. Das ist physikalisch machbar."

Derzeit ist das Forschungsprojekt in der zweiten von sechs Entwicklungsphasen. Laut Entwicklungsplan werden noch mindestens fünf Jahre vergehen, bis das System vollständig getestet ist.

Dass die Beschleunigungssensoren in den Macbooks sehr viel mehr können, als Festplatten zu retten, demonstrieren Programmierer schon lange mit Anwendungen wie diesen:

  • iAlertU lärmt, wenn das alarmgesicherte Macbook bewegt wird, schießt noch ein Foto mit der eingebauten Kamera und verschickt es per E-Mail.
  • Tunnel: Bei diesem Spiel steuert man ein Schiff durch einen Tunnel, indem man das Macbook kippt.
  • AMS2HID übersetzt Notebook-Bewegungen in Maus- oder Tastaturbefehle. So kann man zum Beispiel das Spiel Neverball intuitiv steuern (siehe Video unten).

Erdbebenmelder sind nicht alles: digitale Weißwandtafeln, iPod-Telefone - SPIEGEL ONLINE zeigt, was Tüftler aus Alltags-Technik machen:

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